Von Ralph Grüneberger
09.12.2010
Literatur

Es begann jenseits des Urals

Alina Bronsky offeriert die »schärfsten Gerichte der tatarischen Küche«

Wer ihren Erstlingsroman »Scherbenpark« gelesen hat, eine jugendlich-schnoddrige Dreiecksgeschichte, wird hier zu Alina Bronskys eindrucksvoll gestalteten Frauenfiguren weitere hinzugewinnen. Da ist Aminat, die unter den Fittichen ihrer Großmutter Rosalinde heranwächst, einer gebürtigen Tatarin, die in einem russischen Kinderheim großgeworden ist und einen Tataren ehelichte. An die Seite gedrängt Sulfia, ihre Mutter, die von ihrer Mutter mit Ziegenmilch aufgezogen und hässliches Entlein genannt wurde, und da sind »die alte Rosenbaum« und zunächst Klavdia, die übergewichtige Mitbewohnerin, eine Zwangsverwandte. Wo lebte in der Sowjetunion eine dreiköpfigen Familie in einer Stadtwohnung schon allein?

Die Mitbewohnerin wird gerufen, als die 17-jährige Sulfia von einem Mann geträumt hat und in der Folge alle Signale auf Schwangerschaft stehen. Hausmittel wie Senfbad und Lorbeerblättersud helfen nicht. Also muss Klavida ran, ihres Zeichen Putzfrau und, wie sie vorgibt, gelegentliche Helferin bei unerwünschten Schwangerschaften. In der Tat ist die Nadel am Ende blutig, aber Sulfia bringt dennoch ein Kind zur Welt, später ein Zweites. Doch das Kind, um das es Großmutter Rosalinde bis zum Exzess geht, ist »ein kleines Mädchen, 3,2 Kilo schwer und 51 Zentimeter lang, wurde in einer kalten Dezembernacht im Jahre 1978 in der Entbindungsklinik Nr. 134 geboren« und heißt Aminat. Es ist von Anfang an ein Oma-Kind. Doch hat Rosalinde keine Großmuttergefühle, sie hat Muttergefühle. Sie fühlt sich jung (nennt sich im Vergleich zu ihrer Tochter »einen Schwan«) und hat sich auch amtlich sieben Jahre jünger gemacht.

Geschickt hantiert die Autorin mit Situationen und Zeitebenen. Großartig, wie sie die Jugend Rosalindes und deren Begegnung mit ihrem späteren Mann und Sulfias Vater als Rückblick einbindet: Der Mann hat gerade das Weite gesucht, und die Verlassene träumt von ihm – das alles kommt hübsch zum Vorschein. Ein schöner Mann war er mal, der Kommunist Kalganow, der den Abschied von der »klare[n] und harte[n] Führung« seiner Frau genommen hat. Überraschend für Rosalinde ist, dass sie als Alleinstehende plötzlich mehr Geld übrig hat als vorher, als zwei verdienten. Das mag ein Phänomen der Diktatur des Proletariats gewesen sein, als Miete, Strom und Trolleybus subventioniert wurden und die Ehescheidung ein Kinderspiel war – und verhielt sich dann doch anders.

Es klingt schon an, die Zeiten ändern sich. Auch Sulfias Mann Sergej macht sich aus dem Staube (was bei der Nicht-Hausfrau Sulfia wörtlich zu nehmen ist). Kein Wunder, dass Rosalinde das Zepter führt, nachdem sie sich hinterm Lenin-Denkmal verschanzte, um ihren Schwiegersohn beim Fremdgehen zu ertappen. Sie ist keine, die sich die Erziehung von Sulfias Tochter Aminat aus den Händen nehmen lässt. Schließlich lotst sie den Familien-Tross gen Westen, nachdem Tochter und Enkelkind beinahe in Tel Aviv gelandet wären. Rosalinde entschied: Sulfia, »du musst einen Ausländer heiraten«! Auf den polygamen Sergej und den abtrünnigen Juden Rosenbaum folgte schließlich Dieter Rossmann (»Der komatöse Deutsche«). Dieter ist ein finanziell klammer Sachbuchautor mit der Neigung zu fremder Küche und fremden Kindern. Mit dem Wohnortwechsel wechseln auch die Prioritäten. Doch nicht für die Autorin; trotz Krankheit und Tod bleibt »Röschen« dominant und das Zentrum des Geschehens. Am Ende erfüllt sich gar ihre Prophezeiung, und Aminat kommt zu medialem Ruhm.

Nun, ein Blick auf die Vita der Autorin zeigt: 1978 in Jekaterinburg geboren, wuchs sie auf der asiatischen Seite des Ural-Gebirges auf und kam dann nach Hessen. Der Jahrgang stimmt, auch die Geburtsgegend und die der Ankunft. Alina Bronsky ist ein Pseudonym. Doch gleichgültig, ob sie nun genau die Geschichte ihrer Herkunft erzählt, viel wichtiger ist, wie sie es tut und dass ihrer lebendigen Sprache Tragik und Komik innewohnen, mit Dialogen, die man sich gut und gerne in russisch-tatarischer Lautstärke vorstellen kann.

Das Buch fabriziert Bilder, Gerüche, Geräusche und stillt fürs Erste den Hunger nach jener Literatur, die ohne Sättigungsbeilage auskommt. Ein großer Hauptgang!

Alina Bronsky: Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche. Roman. Kiepenheuer & Witsch. 319 S., geb., 18,95 €.