Von Norbert Podewin
11.12.2010

Skeptizismus und Nihilismus?

Honeckers »Kahlschlag-Plenum« im Dezember 1965

Überraschendes wurde vom obligaten SED-Plenum zum Jahresausklang 1965 nicht erwartet. Und auch der erste Bericht im »Neuen Deutschland« über die Eröffnung der 11. Tagung des ZK der SED ließ nicht erahnen, was kommen würde: »Auf der Tagesordnung stehen der Bericht des Politbüros und Referate über Probleme des Perspektivplanes bis 1970 sowie über den Entwurf des Volkswirtschaftsplanes für 1966 ... Das Jahr 1965 war das Jahr guter Erfolge. Das politische Gewicht, das internationale Ansehen der DDR ist weiter gestiegen.« Durchaus ungewöhnlich aber war ein Zwischentitel: »DDR – ein sauberer Staat«. Im Text war erläuternd zu lesen, dass es »unverrückbare Maßstäbe der Ethik und Moral, des Anstands und der guten Sitten« in diesem Staat gäbe.

Eben diesen Aspekt erhob Berichterstatter Erich Honecker dann aber doch überraschend zum eigentlichen Schwerpunkt des Plenums. »Einige Schriftsteller sind der Meinung, dass die sozialistische Erziehung nur durch summierte Darstellung von Mängeln und Fehlern erfolgreich sein kann. Sie verstehen nicht, dass die Wirkung ihrer Kunstwerke nach rückwärts zerrt und die Entwicklung des sozialistischen Bewusstseins der Werktätigen hemmt.«

Wolfgang Biermann wurde als gegnerischer »Bannerträger einer so genannten literarischen Opposition der DDR« etikettiert. Stefan Heym sei hinsichtlich seines Romans »Der Tag X« nicht bereit gewesen, Ratschläge, die ihm mehrfach gegeben worden sind, zu beachten, weshalb das Buch »wegen der völlig falschen Darstellung der Ereignisse des 17. Juni 1953 von den zuständigen Stellen nicht zugelassen werden konnte«. Geschimpft wurde gegen Filme, die »dem Nihilismus Tür und Tor öffnen sollen«. Die Zeitschriften »Neue Deutsche Literatur« und »Freie Welt« wurden gerügt für Romanauszüge, »die mit unserem sozialistischen Lebensgefühl nichts gemein haben«. Der landesweit begeistert aufgenommene Jugendsender DT 64 habe »einseitig die Beat-Musik propagiert« und »in nicht vertretbarer Weise die Fragen der allgemeinen Bildung und des Wissens junger Menschen ... außer acht gelassen«. Das Fernsehen habe »unter dem Deckmantel der Gesellschaftskritik an den Verhältnissen im Westen ... Erscheinungen der Unmoral und der Dekadenz, der Brutalität der amerikanischen Lebensweise verbreitet«. Es gäbe »ernste Versäumnisse«, besonders seitens »der leitenden Genossen des Ministeriums für Kultur, die die Aufgaben der Staatsmacht als Hauptinstrument beim Aufbau des Sozialismus verkennen«.

Die Debatte des Plenums (insgesamt 40 Beiträge) ließ interne Vorabsprachen erkennen. Paul Fröhlich, Parteichef des Bezirks Leipzig, stellte Schriftsteller wie Werner Bräuning und Hasso Grabner an den Pranger, letzteren wegen der Auffassung: »Die Literatur hat immer die Mächtigen angegriffen.« Der Hallenser Sekretär Horst Sindermann fragte rhetorisch an, woher »eigentlich der geistige Hochmut bei solchen Leuten wie Stefan Heym« komme, der »an die Stelle der historisch-gesetzmäßigen Führung durch die Partei der Arbeiterklasse eine Führung durch eine eingebildete Elitemission einiger Schriftsteller« fordere. Inge Lange warf pauschal ungenannten Parteimitgliedern im Kulturministerium, Fernsehen, Rundfunk und der DEFA vor, sich »viel zu wenig Gedanken« zu machen, »wie sich ihre Arbeit auf den heranwachsenden jungen Menschen« auswirke. Alfred Kurella artikulierte an die Adresse der Medien, »nicht jeden Dreck, der vom Westen kommt, bei uns im Rundfunk stundenlang nachzumachen«. Hanna Wolf, Direktorin der Parteihochschule, beklagte, dass die Enthüllungen des XX. KPdSU-Parteitages von 1956 bei manchen Genossen »Skeptizismus« hervorgerufen und zu einem »Bordellstandpunkt« geführt hätten.

Christa Wolf wehrte sich tapfer gegen die geballte verbale Verurteilung und stellte sich namentlich vor Bräunings Roman »Rummelplatz«: »Meiner Ansicht nach zeugen diese Auszüge in der ›NDL‹ nicht von antisozialistischer Haltung, wie sie ihm vorgeworfen wird. In diesem Punkt kann ich mich nicht einverstanden erklären. Das kann ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren.« Es hagelte Zwischenrufe, so von Margot Honecker und Inge Lange.

Die Verlagerung des thematischen Schwerpunkts des Plenums traf den Ersten Sekretär der SED, Walter Ulbricht, schockartig. Sein politischer Ziehsohn Honecker hatte mit einer ehernen Regel gebrochen: Er hatte in den zuvor bestätigten Rechenschaftsbericht nachträglich diffamierende Passagen zur Kulturpolitik eingefügt. Ulbricht war tief getroffen, konnte jedoch vor dem Plenum nicht das Politbüro-Kollektiv desavouieren. So stimmte er in seinen Beiträgen – im vorgesehenen Referat über »Probleme des Perspektivplanes bis 1970« sowie im unvorhergesehenen Schlusswort – notgedrungen zu, dass es »Schwankende« gäbe und »Unklarheiten« bestünden. Er beharrte jedoch darauf, dass Langmut und Nachsicht auch weiter bestimmend sein müssten; man befinde sich auf politisch gesichertem Boden. Die Partei werde »mit allem Nachdruck ihre bewährte Generallinie verfolgen und die Beschlüsse des VI. Parteitages schöpferisch durchführen«.

Die hinterhältige fraktionelle Attacke war vom »Großen Bruder« gedeckt. Ulbrichts Politik des Neuen ökonomischen Systems hatte mit dem Sturz Nikita Chruschtschows am 15. Oktober 1964 Moskauer Rückhalt verloren. Nachfolger Leonid Breshnew war auch strikt gegen alle Versuche deutsch-deutscher Alleingänge. Die in den Wirtschaftsverhandlungen im September 1965 von der DDR-Delegation unter Erich Apel artikulierten Wünsche nach gesteigerten Rohstofflieferungen waren brüsk abgelehnt und vor allem die Erdöllieferungen weiter reduziert worden. Ende November hatte Honecker die Gelegenheit genutzt, sich während eines Jagdausflugs beim zu Besuch in der DDR weilenden KPdSU-Generalsekretär Rückendeckung für seinen Angriff auf die wirtschaftliche Reformpolitik Ulbrichts zu sichern.

Die Tagung ging formal in »völliger Einmütigkeit« zu Ende, doch unverzüglich wurde »aufgeräumt«: Filme blieben unaufgeführt, Fernsehspiele abgesetzt, Bücher nicht gedruckt. Die entsprechenden Parteiorganisationen übten »Selbstkritik«. Robert Havemann wurde aus der Liste der Akademiemitglieder gestrichen. Kulturminister Hans Bentzien sah sich zum Verlagsleiter zurückgestuft. Der Verantwortliche der Jugendkommission beim Politbüro und maßgeblich am nun verurteilten Jugendkommuniqué beteiligte Kurt Turba wurde zum ADN abgeschoben. Das »Kahlschlag-Plenum« war zugleich der Auftakt zum schließlichen Sturz von Ulbricht am Mai 1971.

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