Von Anna Maldini, Rom
22.12.2010

Zukunft – nur noch eine leere Worthülse

Italiens Studentenproteste nehmen den Unmut vieler anderer benachteiligter Bürger auf

Auch heute werden die italienischen Studenten wieder auf die Straße gehen, um gegen die Universitätsreform zu protestieren, die in diesen Stunden endgültig vom Parlament verabschiedet wird. Nach den Krawallen der vergangenen Woche befürchtet man neue Zusammenstöße. Und einige Regierungsmitglieder scheinen sie regelrecht heraufzubeschwören.

Wäre es nach Maurizio Gasparri gegangen, Fraktionsvorsitzender der Berlusconi-Partei in der Abgeordnetenkammer, fänden jetzt keine Demonstrationen statt. Er hat – nach alter illiberaler und faschistischer Manier – Schutzhaft für »die Gewalttätigen« gefordert, die seiner Meinung nach in den Gruppen der antagonistischen Linken zu suchen sind.

Man solle sie vorbeugend aus dem Verkehr ziehen, war sein provokatorischer Rat, dann bliebe sicherlich alles ruhig. Zugleich forderte er die Eltern der Studenten und Schüler auf, ihre Kinder zu Hause einzuschließen, weil sich in den Protesten »potenzielle Mörder« verstecken.

Gasparri ist nicht der einzige Minister, der jetzt auf eine totalitäre oder offen faschistische Ausdrucksweise zurückgreift. Verteidigungsminister Ignazio La Russa, der ebenso wie Gasparri aus der neufaschistischen Jugendbewegung kommt, beschimpfte während einer Fernsehdebatte einen Studenten als »Memme«, weil der sich nicht körperlich mit ihm messen wollte und auch auf andere Provokationen nicht eingegangen war. Als ein anderer Politiker ihn dann als »Faschist« betitelte, antwortete der Minister: »Besser Faschist als Analphabet wie du.«

Auch die Ordnungskräfte versuchen nicht gerade, das aufgeheizte Klima abzukühlen. Erst verwandelten sie praktisch die gesamte Innenstadt von Rom in ein Sperrgebiet, dann erklärten sie, man werde »mit Gewalt auf Gewalt« antworten. Nach einer Versammlung in der römischen Uni »La Sapienza«, zu der auch Journalisten keinen Zutritt hatten, wurde von einem Studentenvertreter erklärt: »Wir werden nicht in die Falle tappen, die von der Regierung für uns aufgestellt wurde. Die wahren Gewalttätigen sind sie, die weiter Benzin ins Feuer schütten.«

Tatsächlich ist es aber kaum möglich vorauszusagen, wie die Demonstranten agieren werden. Auch abgesehen von eventuellen Provokateuren und Infiltrierten handelt es sich nicht um eine homogene Gruppe mit Führungsstruktur. Neben den Studenten, die ohnehin unterschiedliche Meinungen vertreten, gibt es auch die Oberschüler und die vielen Prekären, die rund um die Universität arbeiten. Ihnen allen – das ist das einigende Moment – wird durch diese Reform »die Zukunft genommen«, unter anderem weil sie eine Teilprivatisierung der Forschung vorsieht, Mittel streicht (die für die privaten Eliteuniversitäten aber locker gemacht werden) und Stipendien sowie weitere Zuschüsse drastisch kürzt.

Doch auch andere soziale Gruppen haben sich den Protesten der Studenten angeschlossen. Da sind die Erdbebenopfer von Aquila, die immer noch darauf warten, dass die Versprechungen der Regierung endlich wahr werden, die Langzeitarbeitslosen aus Neapel, Arbeiter, die ihre Fabriken besetzt haben, die geschlossen werden sollen, und viele andere – auch Einzelpersonen –, die unter der Wirtschaftskrise leiden. Sie alle haben jegliches Vertrauen in traditionelle Parteien und Interessenvertretungen verloren. »Wir sind die erste Generation in Italien«, hört man, »der es schlechter geht als ihren Eltern. Und das Wort Zukunft ist für uns nur eine leere Worthülse.«

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