Von Kurt Pätzold
30.12.2010

Der Historiker als Chirurg

Hans Mommsen zur Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert

Fotomontage von John Heartfield
Fotomontage von John Heartfield

Er hat seinen Namen in Versalien in die Geschichte der Erforschung der Nazipartei und der faschistischen Diktatur geschrieben. Im November wurde Hans Mommsen 80. Aus diesem Anlass hat er sich eine Anthologie eigener Texte geschenkt, Arbeiten aus den Jahren 1995 bis 2007.

Der Bogen der Themen spannt sich von der Novemberrevolution bis zu den deutschen Zuständen in der letzten Phase des Zweiten Weltkriegs und zur kritischen Sondierung von Schlussfolgerungen, die aus Erfahrungen mit der Weimarer Verfassung für die Formulierung des Grundgesetzes der Bundesrepublik gezogen wurden. Altersmilde scheint den erfrischenden Ton, den Mommsen in früheren Kontroversen, so denen zwischen den Funktionalisten und Intentionalisten, anschlug, gedämpft zu haben. Indessen. Wo er auf Zerrbilder wie die Darstellung der faschistischen Machteroberung als »Revolution« stößt oder die Naziherrschaft auf Hitler verkürzt wird, da ist sein Widerspruch deutlich.

Nicht getrennt hat sich der Historiker auch von einer Neigung zur Übertreibung richtiger Befunde. Das gilt für die Darstellung der Rivalitäten von Machtapparaten und Personen als »Kampf aller gegen alle«. Es trifft ebenso auf seine These von der »Selbstzersetzung« und des »Auflösungsprozesses« des Regimes in der Phase der militärischen Niederlagen zu, in der die Bevölkerung »sich aus dem Dritten Reich zurückzuziehen« begann (Was soll man sich unter diesem Bild vorstellen?). Auch die Behauptungen von der Massenmobilisierung als »Selbstzweck« und der »Mobilisierung der Bevölkerung als Wunschbild« lassen sich mit den Tatsachen des Verlaufs und der Dauer des Krieges nicht in Einklang bringen.

Schwerwiegender sind hier angebotene Geschichtsbilder, in denen sich die Preisgabe von schon Erkanntem ausdrückt. Sie spricht vor allem aus der Darstellung der »Vorgänge, die zur Bildung des Kabinetts Hitler führten«. Die »entscheidende Verantwortung« wird Franz von Papen angelastet und mit und nach diesem der »konservativen Kamarilla« (den »Honoratioren«) um Hindenburg und einem nicht näher beschriebenen »militärischen Komplex«. Da muss viel beiseite und ausgelassen werden, zumal der Autor doch weiß und bemerkt, dass es in der Republik Interessenverbände gab, die eine »ungezügelte Macht« ausübten. Die aber scheinen sie für Hitlers Weg in die Wilhelmstraße nicht eingesetzt zu haben.

Zwei Mal kommt Mommsen dennoch auf die Industrie zu sprechen. Aus deren Kreisen sei die antikapitalistische Polemik der NSDAP kritisiert worden. Und: Von »industrieller Seite« habe die Hitlerpartei »vergleichsweise geringe Zuschüsse« erhalten. Kein Wort über die Kontakte der Clique um den »Führer« mit Bankiers, Großindustriellen und Großagrariern, kein Wort über die politisch-taktischen Ratschläge, die Hitler beispielsweise von Hjalmar Schacht zukamen. Kein Satz über die so genannte Industriellen-Eingabe vom November 1932. Mommsen, das ist schon eine Überraschung, seziert den deutschen Faschismus aus der bürgerlichen Gesellschaft heraus wie ein Chirurg das mit einem kranken Organ tut, das einen Körper gefährdet.

So oder ähnlich das Verfahren auf anderen Feldern. Unerklärt bleibt, welchen realen Zwecken die Mobilisierung der in der Gesellschaft »vorhandenen Gewaltpotentiale« eigentlich diente. Hitler und die Seinen, wird mehrfach erklärt, hätten auf die Verwirklichung einer »lebensfernen Vision« gezielt. Kein Wort darüber, wie sich diese zu anderen »Visionen«, beispielsweise den von den Herrschenden im Ersten Weltkrieg verfolgten und verfehlten verhielt. Den »Griff nach der Weltmacht« scheint es nicht gegeben zu haben und auch nicht dessen Wiederholung mit umgeprägten, aber doch wesensgleichen Zielen. Fritz Fischer scheint nie geschrieben und nie eine Debatte über Brüche und Kontinuitäten deutscher Eroberungspolitik ausgelöst zu haben.

Die ausschließliche Kennzeichnung des 1939 von den eroberungslüsternen deutschen Machthabern begonnenen Krieges als »Rassenvernichtungskrieg« verkürzt den Komplex seiner Ursprünge und Antriebe und umgeht die Analyse der Dialektik von Zielen und Mitteln. Komplettiert wird die Flucht vor unabweisbaren Fragen durch die verblüffende These, Hitler habe seine Entschlüsse »immer spontan« gefasst und sie wären niemals von ernsthafter Abwägung der Ziele und Mittel begleitet gewesen. Die ist absolut unverträglich mit dem Zustandekommen des schwerwiegendsten aller Entschlüsse des Diktators, die deutsche Geschichte auf den Kriegspfad zu lenken. Und dass dabei kaltherzig abgewogene Kalküle gefehlt hätten, erledigt ein Blick in Aufzeichnungen seiner Geheimrede vor Reichswehrgeneralen am 3. Februar 1933. Man denke nur an die Abwägung der denkbaren Reaktionen Frankreichs, wenn die deutsche Rüstung auf Touren gebracht würde.

Die Beiträge, die sich mit dem deutschen Widerstand befassen, beschreiben und beurteilen hauptsächlich Gruppierungen und Personen des 20. Juli und da mehr ihre Pogramme für Deutschlands Zukunft nach Hitler als ihre Aktionen zu seinem Sturz. Schade, dass die nicht mit früheren und gleichzeitigen Programmschriften aus Führungskreisen der Arbeiterparteien konfrontiert werden. Wie der Sozialdemokratie jedoch im Ganzen und seit langem, so gilt auch Hans Mommsen das Prager Manifest von 1934, verabschiedet von der im Exil agierenden Parteispitze, nicht als besonders denkwürdig. Und die sich u. a. in der Gründung des Nationalkomitees Freies Deutschland ausdrückenden programmatischen Vorsätze deutscher Kommunisten im sowjetischen Exil werden mit dem Etikett »nationalpopulistisch« abgetan. Ein ernsteres Verfahren würde gezeigt haben, wie grundverschieden vor allem die Vorstellung darüber waren, welchen Anteil die Massen an der Gestaltung des anderen, eines neuen Deutschland haben sollten. Man kann den Band nicht beiseite legen, ohne dass sich der Verdacht aufdrängt, dass ihm auch des Autors vollständige Ignoranz gegenüber den Arbeiten der DDR-Historiographie nicht eben gut getan hat.

Hans Mommsen. Zur Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert. Demokratie, Diktatur, Widerstand, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2010. 399 S., geb., 24,99 €.

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