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Von Andreas Heinz 30.12.2010 / Berlin / Brandenburg

Volle Geburtshäuser – leere Hebammentaschen

Mit 7,50 Euro Stundenlohn kämpfen die freiberuflichen Helferinnen auch in Berlin um ihre Existenz

Hebamme Saskia Bucher in einem Geburtszimmer ND-
Hebamme Saskia Bucher in einem Geburtszimmer ND-

Nirgendwo in Deutschland werden so viele Kinder zu Hause oder in Geburtshäusern auf die Welt gebracht wie in Berlin. »Von den jährlich 32 000 bis 33 000 Geburten in der Hauptstadt finden rund 4,4 Prozent außerklinisch statt«, berichtet Ulrike von Haldenwang, die Vorsitzende des Berliner Hebammenverbandes, der auch die freiberuflichen Geburtshelferinnen vertritt. »Damit sind wir führend«, meint sie. Doch so rechte Freude mag trotz dieser Zahl der vollen Geburtshäuser nicht aufkommen: Obwohl so viele Frauen in Berlin ihre Babys gerne zu Hause oder in einem der 13 bezirklichen Geburtshäuser zur Welt bringen, kämpfen die selbstständigen Hebammen um ihre Existenz.

Zu den Betroffenen gehört Saskia Buchner, die fürs Geburtshaus Friedrichshain in der Hausburgstraße 9 arbeitet. Buchner ist im geburtenreichsten Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg tätig. Zwischen 50 und 60 Stunden ist sie, wie ihre Kolleginnen, pro Woche unterwegs, um Kindern auf die Welt zu helfen. Da wurde die Zeit der Rufbereitschaft noch gar nicht mitgerechnet. Pro Hausbesuch bekommen die freien Geburtshelferinnen 27 Euro. »Das ist der Umsatz«, stellt Ulrike von Haldenwang klar. Davon gehen dann zum Beispiel Steuern, Renten- und Krankenversicherung ab. »Wir kommen im Schnitt auf einen Stundenlohn von etwa 7,50 Euro«, rechnet Saskia Buchner vor. »Dagegen stehen bei mir monatliche Kosten von rund 3000 Euro.« So mache die Berufshaftpflichtversicherung zu schaffen, die kräftig angehoben wurde, während der Satz für die Hebammen fast gleich blieb.

»Im Sommer vor zwei Jahren bekamen wir die letzte Erhöhung – 0,3 Prozent«, sagt Saskia Buchner. Dagegen sei die Haftpflicht um 250 Prozent emporgeschnellt. Kein Wunder also, dass die freiberuflichen Hebammen in Berlin vor Kurzem zwei Tage streikten. Prominente Unterstützung gab es von der schwangeren SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles, die ihre Tochter im Januar zur Welt bringen wird.

Die Forderung der Hebammen: Für jede Leistung 20 bis 30 Prozent mehr Geld. »Wir müssen so viel verdienen, dass wir auf eine 40-Stunden-Woche kommen und auch davon leben können«, so die Verbandsvorsitzende von Haldenwang. Ein entsprechender Antrag sei jedoch vom Bundesrat abgeschmettert worden. Vor dem Bundesgesundheitsministerium versammelten sich die selbstständigen Geburtshelferinnen zu einer Mahnwache, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Sie waren sehr enttäuscht: Eine Staatssekretärin wurde geschickt, die jedoch schnell wieder verschwand.

»Wir bekommen nun mal viel zu wenig Geld«, erinnert Ulrike von Haldenwang immer wieder. »Da aber nichts passiert und die Abzüge immer mehr werden, wird unser schon marodes Gebäude zum Einsturz gebracht. Immer weniger Hebammen arbeiten deshalb als Freiberuflerinnen.« Wobei die Lage bei den fest angestellten Kolleginnen nach Schilderung der Verbandsvorsitzenden nicht viel rosiger ist. »Hebammen in Kliniken werden ähnlich wie Pfleger bezahlt«, erklärt sie. Die Kosten für Schwangerschaftsbetreuung, Geburt, Betreuung im Wochenbett und Beratungen während der Stillzeit sind im Hebammengebührenvertrag festgelegt.

Wird das nun alles irgendwann wegfallen? Werden Geburten ohne Hebammen stattfinden? »Das passiert nicht«, so Saskia Buchner. Sie klärt auf: »Ärzte dürfen Geburtshilfe nicht ohne Hebamme leisten, aber Hebammen dürfen das alleine tun.«

Und warum entscheiden sich Frauen für Geburtshäuser oder auch Hausgeburten und nicht für einen Aufenthalt im Krankenhaus? »Hier können die Schwangeren professionell und trotzdem in häuslicher Atmosphäre auf die Geburt vorbereitet werden«, meint Saskia Buchner. »Das Wissen der Hebammen um das Befinden der Schwangeren ist die beste Voraussetzung für eine sanfte Geburt. Das gibt viel Vertrauen, so kommt es zu viel weniger Notfällen.«

Von der 37. Schwangerschaftswoche an können die Frauen Zimmer in den Geburtshäusern beziehen. Auch in der Zeit bis Neujahr sind schon Räume belegt, die Rufbereitschaft für die Hebammen festgelegt, damit die Frauen optimal versorgt werden können.

Um so viel Wissen zur Vorsorge, Geburtshilfe und Nachsorge zu erlangen, bedarf es einer Ausbildung von mindestens drei Jahren. In Berlin ist das in zwei Schulen möglich. Wer den akademischen Weg bis zur Hebamme wählt, braucht vier Jahre und ist dann Bachelor.

Berliner Hebammenverband, Erkelenzdamm 33, Kreuzberg, Tel. 6 94 61 54; www.berliner-hebammenverband.de

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