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Von Oliver Matz 05.01.2011 / Feuilleton

Zukunft als kleines Dorf

Kino: Kommunismus

Zum Beispiel Montaretto« – Farhad Payar und Yasmin Khalifa nehmen den Zuschauer mit auf eine Reise in die kleine Welt eines dörflich gelebten Kommunismus. Europa im 21. Jahrhundert. Ganz Europa ist kapitalistisch. Ganz Europa? Nein, ein kleines, in Norditalien gelegenes Dorf ist kommunistisch.

Montaretto heißt es, liegt zwischen Genua und Pisa, in der malerischen Landschaft Liguriens, und zählt kaum 200 Einwohner. Wer nun Parteiideologie erwartet, wird enttäuscht. Es wird der ganz praktisch gelebte Alltag porträtiert. Die Kamera folgt den Menschen in die Küche, begleitet sie beim Sitzen auf der Veranda und beim Spielen aufs Fußballfeld. Nacheinander kommen alte und junge Dorfbewohner, sowohl Frauen, Männer als auch Kinder zu Wort. Individuell liefern sie – humorvoll und nachdenklich – ganz unterschiedliche Definitionen ihres gelebten Kommunismus.

Ein deutscher Bewohner bringt zu Beginn die Botschaft des Films auf den Punkt: »Der Kommunismus in Montaretto funktioniert nur deshalb so gut, weil schon lange, bevor der Marx seinen ersten Rülpser gemacht hat, der Kommunismus in Montaretto in seinen Grundprinzipien bestanden hat.« Ein anderer ergänzt: »Es gibt eine Philosophie, bevor man sie niederschreibt.«.

Die Kamera macht uns mit eindringlichen Bildern zu Zeugen der gelebten Solidarität einer kleinen italienischen Gemeinschaft mit Menschen in verschiedenen Kontinenten: Montarettini veranstalten eines der größten 1. Mai-Feste der Region, um mit den Einnahmen ein Krankhaus in Afrika mitzufinanzieren, oder Straßenkinder aus Bukarest oder einem arabischen Land in den Ferien bei sich aufzunehmen. Und das stößt selbst bei dem Pfarrer der winzigen Kirche auf Respekt, der zwar mit der politischen Einstellung der Montarettini nicht zurecht kommt, aber mit Genugtuung bestätigt: »Sie sind keine Terroristen!«

Dem Zuschauer wird nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Historie des Dorfes vor Augen geführt. Rekonstruiert wird exemplarisch die Geschichte des Faschismus in Italien und die des Zweiten Weltkrieges mit der deutschen Besatzung. Aufnahmen deutscher Wochenschauen erwecken die Schrecken des Krieges, zeigen parallel aber auch die Selbstbehauptung der kommunistischen Dorfbewohner in schwierigen Zeiten. Der Film lebt und wirkt indes nicht nur, ja nicht einmal vordringlich, von den Gesprächen mit den Bewohnern, sondern mindestens ebenso sehr durch die Landschaftsaufnahmen und kleine, lustige Animationen.

Dieser unspektakuläre Dokumentarfilm ist ein sehr persönliches Produkt der Filmemacher Payar und Khalifa, die ihre Eigentumswohnung in Teheran verkauft haben, um ihn zu realisieren. Der Film entstand in Montaretto zwischen Frühjahr 2006 und Sommer 2009.

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2 Kommentare zu diesem Artikel

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  • OrhanS, 06. Jan 2011 10:29

    Schön, dass es so etwas noch gibt

    Dass solche Filme gemacht werden, muss man den Machern auf die Schulter klopfen. Und das tut ND mit diesem Artikel. Ich hatte das Gefühl, dass dieses Dorf so eine Art Uopia ist und dass die Leute dort uns vorleben, was wir in Großstädten nicht können. Sind wir denn unfähig, zu egoistisch, oder funktioniert die Gerechtigkeit und Brüderlichkeit nur in einer kleinen Gemeinschaft? Wenn es so ist, sollten wir nicht Großstädte in kleinen Gemeinschaften zerteilen? So einen Film würde ich gern sehen. Jetzt muss ich aber googlen, wo und wann. Vielleicht sollte Herr Oliver Matz demnächst auch Datum und Ort der Veranstaltungen angeben.
    Danke Neues Deutschland!

    • Permalink

  • OliverMatz, 06. Jan 2011 10:42

    Re: Schön, dass es so etwas noch gibt

    Der Film kann ab dem 13.1.2011 im Kino in den Hackeschen Höfen gesehen werden. Die Zeitung hat aus Platzgründen diese von mir dem Text beigefügte Information leider weglassen müssen.

    Viele Grüße und viel Spaß im Kino
    wünscht
    OliverMatz

    • Permalink

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