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Fragwürdig

Kollektiv schwarzfahren?

Kampagne »Berlin fährt frei« erhält durch das S-Bahn-Chaos Auftrieb / Yann-Eric Döhner ist Aktivist der Kampagne »Berlin fährt frei«, die einen öffentlichen Nahverkehr zum Nulltarif fordert

Bild 1

ND: Sind Sie selbst auch vom S-Bahn-Chaos betroffen?
Döhner: Weil ich in Nord-Neukölln wohne, bin ich nicht auf die S-Bahn angewiesen. Aber wenn ich mich mit dem Bus fortbewegen will, dann gibt es auch genug Probleme, etwa dass die Bushaltestellen vereist sind. Alles in allem ist das ein blamables Geschäftsgebaren der Verkehrsbetriebe in Berlin.

Mit dieser Einschätzung stehen Sie nicht alleine dar. Der Unmut unter den Berlinern ist enorm. Rennen Ihnen die Leute bei Ihrer Kampagne »Berlin fährt frei« nicht die Bude ein?
Tatsächlich bekommen wir jetzt viele Anfragen, wann wir endlich eine Demonstration gegen die Fahrpreiserhöhung und gegen das Chaos bei der S-Bahn machen.

Und wann wird die Demonstration stattfinden?
Langsam. Auch wir kommen aus den Weihnachtsferien und müssen das erst diskutieren. Außerdem ist unser Ansatz, nicht nur Protest zu organisieren, sondern generell den Nulltarif für den Öffentlichen Nahverkehr zu fordern.

Vielmehr ist das S-Bahn-Chaos ein weiterer Beleg dafür, dass wir endlich wieder eine solidarische Kontrolle von öffentlichen Gütern brauchen. Wir haben es beim Berliner Wasser gesehen, beim Gas, bei den Strompreisen und wir sehen es jetzt bei der Berliner S-Bahn: Profitmaximierung bei der öffentlichen Daseinsvorsorge funktioniert nicht.

Wie fanden Sie denn die Fahrpreiserhöhung zum 1.1.?
Angesichts der Leistungen, die die Verkehrsbetriebe erbringen, ist das beschämend und katastrophal. Weil wir den Nulltarif wollen, ist der Unterschied zwischen 2,30 Euro oder 2,10 Euro politisch nicht so gravierend. Für viele Menschen allerdings schon.

Inzwischen haben Sie ja selbst Berlins Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) auf Ihrer Seite. Sie fordert zwei Monate Freifahrt für die S-Bahn-Kunden.
Es braucht mit Sicherheit für die Kunden eine Entschädigungsregelung. Die Verkehrssenatorin allerdings betreibt nicht mehr als die Verwaltung des Elends. Wir müssten jetzt aber diskutieren, wie wir zukünftig unseren öffentlichen Nahverkehr organisieren wollen.

2004 haben Sie zusammen mit Obdachlosen das Büro des BVG-Vorsitzenden besetzt ...
... um das Sozialticket wieder einzuführen.

Gestern hörte ich Fahrgäste, die über kollektives Schwarzfahren sinniert haben. Ist es nicht wieder Zeit für radikalere Protestformen?
Sicher. Kollektives Umsonstfahren ist eine probates Mittel. Aber für mich persönlich ist es nicht die Antwort auf die derzeitigen Zustände, sondern es geht darum, dass wir einen anderen Nahverkehr brauchen. Wenn man dazu das politische Totalversagen des Senats sieht, scheint es, dass die Zeit reif ist, dass sich die Berliner und Berlinerinnen ihre Verkehrsmittel selbst wieder aneignen.

Wie geht's weiter?
Für den Wahlkampf planen wir Veranstaltungen und Aktionen. Wir verbinden die sozialpolitische Problematik – ganz viele Menschen können sich den öffentlichen Nahverkehr auch zu den alten Preisen nicht leisten – mit der Klimafrage, also Lösungen zur Reduzierung des individuellen Automobilverkehrs. Außerdem geht es um die Fragen der Verwaltung öffentlicher Güter und wie wir in unserer Stadt leben wollen, wie die Lebensqualität mit weniger Autoverkehr steigt.

Fragen: Martin Kröger

berlin-faehrt-frei.de/

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

  • S-Bahn Berlin

    Die Probleme bei der Berliner S-Bahn nehmen nicht ab. Auch in diesem Winter kommt es zu teilweise massiven Verspätungen bis hin zu Zugausfällen auf den Berliner S-Bahnstrecken. Eine zeitnahe Lösung der Probleme ist nicht in Sicht.
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