Dass viele deutsche Unternehmen von »Partnerschaft« und »Mitbestimmung« nichts wissen wollen, wird im täglichen Kleinkrieg um akzeptable Arbeitsbedingungen und Betriebsratsgründungen immer wieder deutlich. Zu den neuen und »modernen« Branchen, die oft mit Armutslöhnen, schlechten Arbeitsbedingungen, verweigerten Mitbestimmungsrechten, Schikanen und willkürlichen Kündigungen auffallen, gehören die Call Center. Dort arbeiten mittlerweile rund 750 000 Menschen. Erst kürzlich machte ein nordbayerischer Betreiber, der sich selbst als »Premium«-Klasse einstuft, durch die Kündigung von Gewerkschaftern von sich reden, die einen Betriebsrat bilden wollten. Der Konflikt beschäftigt jetzt die Arbeitsgerichte.
Ins Rampenlicht gerückt ist auch die MainCom Telemarketing Services GmbH in Frankfurt am Main mit rund 140 Beschäftigten. Die Firma »bearbeitet nur Projekte im anspruchsvollen Rahmen mit hohem Beratungs- und Sevicebedarf«, heißt es in der Online-Selbstdarstellung.
Das Bild einer heilen Betriebswelt bekam Kratzer, als Anfang dieser Woche die Geschäftsleitung mehreren ver.di-Beauftragten den Zugang zum Betriebsgelände verweigerte. Sie wollten der Belegschaft bei der Bildung eines Wahlvorstands für die erstmalige Wahl eines Betriebsrates helfen. Besonders brisant: Dieser Betrieb ist nicht irgendeine »Klitsche«, sondern eine Tochtergesellschaft der renommierten Tageszeitung Frankfurter Allgemeine (FAZ). Muttergesellschaft der FAZ ist die FAZit-Stiftung, deren Kuratorium aus politisch einflussreichen Repräsentanten von Großkonzernen und neoliberalen Think Tanks besteht. Erst vor drei Monaten hatte ein tagelanger Streik bei der Frankfurter Societät, einer weiteren FAZit-Tochter, Tarifflucht und Aushöhlung von Mitbestimmungsrechten verhindert.
Ver.di stellt jetzt Strafantrag gegen die MainCom-Geschäftsführung wegen Behinderung der Betriebsratswahl. Wenn der FAZ-Werbespruch »Dahinter steckt immer ein kluger Kopf« Sinn machen soll, dann lässt der neu aufgeflammte Konflikt ahnen, dass es die FAZ-Lenker – und nicht nur sie – auch im neuen Jahr mit dem sozialpolitischen Rückschritt ernst meinen.
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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