Von Michael Scheuermann, Freiburg
18.01.2011

Untot im Internet

Eine Freiburger Theologin wickelt den digitalen Nachlass von Verstorbenen ab

Erben war schon immer eine Angelegenheit mit Unwägbarkeiten. Die Nachlasswirklichkeit des 21. Jahrhunderts sorgt jedoch für Überraschungen, die vor 20 Jahren noch undenkbar waren. Immer öfter hinterlassen Verstorbene digitale Spuren auf Computern und im Internet, die den Hinterbliebenen nicht nur Angenehmes verheißen, sondern sie auch teuer zu stehen kommen und Missbrauch Tür und Tor öffnen können.

Seit zwei Jahren bieten die Freiburger Theologin Birgit Janetzky und der Informatiker Marc Zielenski deutschlandweit den »Semno«-Service an, der digitale Guthaben ebenso wie Kostenfallen aufspürt, sensible Daten sichert und einen pietätvollen Internetabschied ermöglicht.

Birgit Janetzky kennt viele Fälle. Als ein Mann mit Ende 50 vor Antritt einer Griechenlandtour überraschend stirbt, versuchten die Kinder, den Veranstalter vom Tod des Vaters zu informieren und aus dem Vertrag herauszukommen, erzählt sie. Unterlagen oder Ausdrucke der Internetbuchung mit Anbieteradresse gab es nicht, der Computer war durch Passwort geschützt. Erst die fachmännische Durchforstung des digitalen Erbes brachte die gesuchten Daten ans Licht, und der Vertrag konnte storniert werden.

Bei einem Unfalltoten im Alter von Mitte 20 wandten sich die in Onlinefragen unbedarften Eltern mit dem Hinweis an »Semno«, ihr Sohn habe alles über das Internet erledigt. Nach Sichtung infrage kommender Netzwerke beschlossen die Familienangehörigen, all seine Internetpräsenzen »herauszunehmen«. Aber auch die Einrichtung einer Kondolenzseite zum würdevollen Abschiednehmen der Internetgemeinde ist denkbar, erklärt die Unternehmerin.

Verträge, Konten, Kontakte

Um die vielfältigen Probleme zu meistern, holte sich die freie Theologin und Trauerbegleiterin den Internetspezialisten Marc Zielenski ins Boot. Der untersucht für die Angehörigen Festplatten und Internet nach kostenpflichtigen Homepages, über das Internet abgeschlossene Kreditverträge oder Versicherungen, Guthaben auf Paypal und anderen Internetkonten des Verstorbenen. Auch kenne sich nicht jeder mit Facebook, SchülerVZ und anderen sozialen Netzwerken aus und wie diese mit gestorbenen Mitgliedern umgehen, sagt Janetzky. Selbst jemandem mit Computerkenntnissen fehlten oft Zeit und Kraft, sich neben Beisetzung und Trauer noch darum zu kümmern. Bei schwieriger Rechtslage hole sich Janetzky Unterstützung von Juristen des Erb- und Internetrechts.

Auch der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien, BITKOM, rät, »bewusst« mit der digitalen Privatsphäre eines Verstorbenen umzugehen. Denn Erben übernähmen ebenfalls die Verpflichtungen des Erblassers. Ein Datennachlass könne Hinweise zur Annahme- oder Ablehnung eines Erbes bezüglich Krediten und anderer Risiken enthalten. Darüber hinaus enthielten E-Mails und Communitypostfächer häufig sensible, private Informationen, die sowohl den Toten als auch den Erben schaden könnten.

Janetzky denkt dabei an Betrüger, die verwaiste Profile übernehmen, um Geschäfte auf Kosten der Erben unter der Identität des Verstorbenen abzuwickeln oder um Sendungen zu fingieren, die dann aus Unkenntnis entgegengenommen und bezahlt würden. Auch Netzangriffe unter einer gehackten Identität könnten für die Hinterbliebenen schwerwiegende Folgen haben. Für einen Fixpreis von 139 Euro analysiert »Semno« den hinterlassenen Computer oder Laptop sowie das Internet und erstellt ein »nach Prioritäten gestaffeltes Gutachten«. Für die Zusendung erhalte der Auftraggeber einen speziellen Versandkarton, in dem er das zu untersuchende Gerät samt eines Nachweises, den digitalen Nachlass regeln zu dürfen, verschickt. Weiterbearbeitungswünsche kosteten extra.

Anfragen weitergeleitet

Die Idee für ihre Firmengründung kam der Mittvierzigerin, als sie entdeckte, wie schwierig es ist, »Dinge im Internet zu entfernen, über die man noch selbst Kontrolle hat«. Bestatter kümmerten sich zwar um die Beisetzung, Sterbeurkunde und Versicherungsabmeldungen. Bei digitalen Hinterlassenschaften seien Erben aber weitgehend auf sich gestellt, sagt Janetzky. Mittlerweile informierten jedoch einige Beerdigungsinstitute über diese Problematik und leiteten Anfragen an sie weiter.