Von Haidy Damm
20.01.2011

Überschattet vom Dioxin-Skandal

Heute wird die 76. Internationale Grüne Woche in Berlin eröffnet / Agrarmesse diskutiert über Lebensmittelsicherheit und die Zukunft der Landwirtschaft

In Berlin startet heute die 76. Internationale Grüne Woche. Vorab vermeldet die Messe Berlin als Veranstalter einen neuen Ausstellerrekord.
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Endlich mal ein erfreulicher Termin, mag sich Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) heute Abend denken, wenn sie die 76. Internationale Grüne Woche offiziell eröffnet. Zwar werden der Dioxin-Skandal und das Thema Lebensmittelsicherheit auch hier eine wichtige Rolle spielen. Doch die Veranstalter hoffen, dass die anderen Themen nicht in den Hintergrund geraten und vermelden schon mal mit 1632 Austellern aus 57 Ländern einen neuen Rekord. Im Vorjahr waren es 1589 aus 56 Ländern. Erstmals vertreten sind Ruanda und Afghanistan, offizielles Partnerland ist in diesem Jahr Polen. Bis zum 30. Januar rechnet die Messe Berlin mit 400 000 Besuchern. Ab Freitag ist die Messe für das Publikum geöffnet.

Die Agrarmesse richtet sich nicht nur an das breite Publikum der Verbraucher. So werden auf dem zeitgleich stattfindenden Agrarministergipfel, dem »Global Forum for Food and Agriculture«, 52 Agrarminister und Staatssekretäre aus aller Welt erwartet, die sich mit Vertretern der Land- und Ernährungswirtschaft treffen, um über das Thema »Handel und Sicherung der Welternährung« zu debattieren.

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Steigende Preise für Lebensmittel

Zum Start der Agrarmesse verkündete die Ernährungsindustrie gestern in Berlin ein moderates Wachstum der Branche. 2010 sei der Umsatz um 1,2 Prozent gewachsen, für 2011 erwartet der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) ein Umsatzplus von bis zu 2,5 Prozent. Gleichzeitig kündigte der Vorsitzende des Branchenverbandes höhere Preise für Lebensmittel an. »Die Preise für Rohstoffe sind extrem gestiegen«, sagte Jürgen Abraham gestern in Berlin. Seit Mai 2010 hätten sich Agrarrohstoffe um 40 Prozent verteuert. Er rechne damit, dass »dieser Druck 2011 an die Kunden weitergegeben wird«. Vor allem durch die höheren Preise und einen weiter wachsenden Export erwartet die Ernährungsindustrie 2011 ein Umsatzplus von 2 bis 2,5 Prozent.

Nicht die höheren Rohstoffpreise, sondern ihre Schwankungen durch Spekulationen auf den Agrarmärkten, die »Spekulationsblasen begünstigen«, macht dem Präsidenten des Bauernverbandes (DBV), Gert Sonnleitner, Sorgen. Er forderte Bundeslandwirtschaftsministerin Aigner auf, sich auch auf europäischer Ebene für Maßnahmen einzusetzen, die die Risiken für den Bauern minimieren. Dazu zählen auch die EU-Subventionen, die nach 2013 weiterlaufen müssten, denn »30 bis 50 Prozent des Einkommens einer Bauernfamilie stammt aus den EU-Direktzahlungen«, sagte der Bauernpräsident.

Der Verband der ökologischen Lebensmittelwirtschaft sprach indes von einem Roll-Back in der Agrarpolitik. »Schwarz-Gelb bekämpft das Erfolgsmodell ÖkoLandbau«, kritisierte Felix Prinz zu Löwenstein, Vorstandsvorsitzender des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft. Nach einer Studie der Universität Bonn steigerte der Handel seinen Umsatz mit Bio-Produkten zwischen den Jahren 2000 und 2009 um rund 180 Prozent. Der Flächenanteil und die Zahl der deutschen Bio-Betriebe wuchsen in dem Zeitraum aber nur um 75 Prozent.

Umsatzsteigerung bei Bio-Produkten

Gleichzeitig habe die Bundesregierung das Bundesprogramm Ökologischer Landbau als explizites Instrument für die Unterstützung des Öko-Landbaus aufgegeben. Die veranschlagten acht Millionen würden jetzt auch für nachhaltige Forschung in der konventionellen Landwirtschaft geöffnet. »In Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg streichen die schwarz-gelben Landesregierungen zudem die Förderung für Neuaufsteller«, kritisiert Löwenstein. Der Branchenverband ruft gemeinsam mit Umweltverbänden und Initiativen anlässlich der Grünen Woche zu einer Demonstration gegen Massentierhaltung, Gentechnik im Essen und Dumping-Exporte auf.


Wenig Förderung

Eine Studie der Universität Bonn hat im Auftrag der Grünen-Bundestagsfraktion die »Förderung des ökologischen Landbaus – Deutschland im europäischen Vergleich« untersucht. Hier die wesentlichen Ergebnisse:

Der Umsatz mit Bioprodukten wächst rasant in Deutschland. Die deutschen Biobauern verlieren aber immer mehr Marktanteile, weil die ökologische Fläche in Deutschland nur schwach wächst. Dabei ist Deutschland der größte eurpäische Absatzmarkt für Bio-Produkte.

Das Marktvolumen stieg 2010 mit beachtlichen jährlichen Zuwachsraten. Der Handelsumsatz ist in den Jahren 2000 bis 2009 um etwa 180 Prozent gestiegen.

Gleichzeitig wuchsen der Flächenanteil und die Zahl der deutschen Bio-Betriebe nur um 75 Prozent.

Die Folge ist, dass immer mehr Bio-Produkte importiert werden müssen. Besonders betroffen sind Obst und Gemüse. Aber auch ökologisch erzeugtes Getreide und Futtermittel müssen zunehmend importiert werden.

Anbauflächen nehmen besonders stark zu in Ländern, in denen Bio-Produkte wenig gekauft werden wie Spanien, Schweden, Tschechien, Polen, Lettland, Litauen, Portugal und Rumänien. So ist von 2004 bis 2008 die ökologisch bewirtschaftete Fläche in Lettland fast so stark gestiegen wie in Deutschland. Gleichzeitig fällt dabei ein wichtiger Aspekt ökologischer Landwirtschaft weg – die Regionalität der Produkte.

Während in Deutschland die Fördersätze bei der Umstellung gesenkt wurden, haben andere Länder gezielte Exportstrategien für den deutschen Bio-Markt entwickelt.

Fazit: Der Biolandbau für den heimischen Markt wird vernachlässigt.

Zahlen & Fakten

Die Internationale Grüne Woche hat vom 21. bis 30. Januar auf dem Messegelände Berlin ihre Tore für Besucher geöffnet. Sie ist die weltgrößte Schau für Landwirtschaft, Ernährung und Gartenbau. Die Messe erstreckt sich auf 115 000 Quadratmetern Fläche in 26 Hallenkomplexen.

Die Grüne Woche ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Verlängerte Öffnungszeiten bis 20 Uhr gelten an folgenden Tagen: Samstag, den 22. Januar, Freitag, den 28. Januar, und Samstag, den 29. Januar.

Die Tageskarte kostet 12 Euro (ab 14 Uhr: 8 Euro). Ermäßigte Karten gibt es für Schüler und Studenten zum Preis von 8 Euro. Die Familienkarte (maximal 2 Erwachsene + 3 Kinder bis 14 Jahre) kostet 26 Euro. Kinder unter sechs Jahren haben freien Eintritt.

Im Rahmen der Grünen Woche finden diverse Sonderschauen statt. Dazu zählen die Erlebniswelt Heimtiere (Halle 1.2a), der ErlebnisBauernhof (Halle 3.2), der BioMarkt (Halle 6.2a), die Internationale Blumenhalle (9b) und die Tierhalle (25). Die Spitzenverbände der Ernährungsindustrie und der Lebensmittelwirtschaft bieten zudem ein Bühnenprogramm mit Kochshow sowie umfangreiche Informationen zu Ernährungsfragen.

Auch in diesem Jahr bietet die Grüne Woche Ausstellern und Besuchern ein umfangreiches Rahmenprogramm. Es finden mehr als 300 Symposien, Seminare, Kongresse und Ausschusssitzungen statt. Das vom Bundesagrarministerium veranstaltete Global Forum hat den Schwerpunkt »Handel und Sicherung der Welternährung«. Zu einem Agrarministergipfel haben sich EU-Kommissar Dacian Ciolo, WTO-Chef Pascal Lamy, Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner und Regierungsvertreter u.a. aus Polen, Russland, Frankreich, Kanada und Marokko angekündigt. Verliehen wird auf der Grünen Woche zudem der Förderpreis Ökologischer Landbau. ND