Von Regina Stötzel
24.01.2011

Entwurzelt im Supermarkt

Eine heimelige Veranstaltung der Grünen zu Ernährung, Landwirtschaft und Agrarpolitik

»Heimat und Grüne – wie geht denn das zusammen?« fragt der agrarpolitische Sprecher der grünen Bundestagsfraktion Friedrich Ostendorff und beantwortet die Frage mit der Veranstaltung »Heimat. Land. Zukunft«.

»Heimat ist für mich der Duft der märkischen Kiefern, das Zwitschern der Vögel beim Spaziergang am Machnower See ...«, schwadroniert die grüne Bundestagsabgeordnete Cornelia Behm. »Heimat ist da, wo mein Partner, meine Familie und mein Freundeskreis sind. Wo ich gern lebe, ist mein Zuhause«, mogelt sich ihr Kollege Kai Gehring in andere Begrifflichkeiten. Prosaisch dagegen der Fraktionsvorsitzende Jürgen Trittin: »Heimat ist für mich ein Windrad in der Nordsee.«

Die Zitate finden sich zwischen Fotos von saftigen Wiesen und glücklichen Kühen auf Schautafeln im Marie-Lüders-Haus in Berlin. Keine Antwort zu geben oder die Frage selbst zu kritisieren, war offenbar nicht möglich. Oder es ist niemand auf die Idee gekommen.

Viele Teilnehmer der Veranstaltung »Heimat. Land. Zukunft« sind gleich von der Demonstration »Wir haben es satt« am Brandenburger Tor gekommen. Mit den Themen Agrarpolitik, ökologische Landwirtschaft, biologische und regionale Ernährung hätte man an diesem Samstagnachmittag genug zu tun gehabt. Aber die Veranstaltung heißt »Heimat. Land. Zukunft« und so muss Landwirt Matthias Stührwoldt – »Ich glaube, dass ich ein Heimatautor bin.« – anrührend-spaßige Geschichten vom Familienleben auf dem Bauernhof vortragen, und Renate Künast, Spitzenkandidatin für die Berliner Abgeordnetenhauswahlen, hat die knifflige Aufgabe, die »Heimat« von der Scholle irgendwie auch in die Großstadt zu zerren. »Heimatlos und entwurzelt« fühle sie sich beim Anblick von Regalen im Supermarkt, die mit konventionell hergestellten Erdbeerjoghurts gefüllt sind. Doch sie erinnert sich an die herrlichen regionalen und saisonalen Äpfel bei der Großmutter zu einer Tasse Kakao. Sie will Vergangenheit und Kindheit, Löwenzahn und Pastinaken, Königsberger Klopse und Artenvielfalt »in die Zukunft retten« – das sei Heimat. Berlin soll die »Vielfalt erhalten durch Aufessen« und in seinem Konsumverhalten ein bisschen Vorbild sein für andere Städte.

Dass auch früher und auf dem Land nicht alles perfekt war, erwähnt der Agrarwissenschaftler Götz Schmidt. Er erinnert sich an prügelnde Lehrer, Kinderarbeit und dass Fremde auf dem Dorf nicht gerade willkommen waren. An »Heimat« sei nichts »Heimattümeliges« sagt er. Aber das vergisst man schnell wieder bei all den Düften, Geschmäckern und singenden Landfrauen, von denen geschwärmt wird.

Es sei eine »Schwäche« gewesen, »den Konservativen die Deutungshoheit« über den Begriff Heimat zu überlassen, sagt Ostendorff. Er erwähnt nicht, dass in der Vergangenheit auch Völkische, Nationalsozialisten und Ökofaschisten kräftig mitdeuteten. »Massentierhaltung schafft kein Heimatgefühl«, sagt eine Teilnehmerin, und fordert, alle Tiere aus den Ställen auf die grüne Wiese zu lassen. Dann klappt es vielleicht.

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