Für Berlin war es der erste Prozess dieser Art, der gestern vor dem Landgericht eröffnet wurde: Vier gebürtige Vietnamesen im Alter zwischen 23 und 40 Jahren wird vorgeworfen, eine Wohnung in Moabit in eine Indoor-Cannabis-Plantage mit rund 300 Pflanzen verwandelt und 10 Kilogramm Ernte bereits verkauft zu haben.
Deutschlandweit ist das nicht der erste Fall. Laut Bundeskriminalamt kommt Cannabis immer öfter nicht aus dem sonnigen Süden, sondern dank vietnamesischer Zimmerbauern aus einheimischen Plantagen. In Sachsen und Bayern liefen bereits Prozessserien. Es geht dabei nicht um einzelne Pflanzen, die liebevoll im heimischen Blumentopf angebaut werden, sondern um Großplantagen unter Lichtstrahlern.
Die Angeklagten aus Berlin waren europäisch vernetzt. Ein getrenntes Paar, das zwei gemeinsame Kinder hat, lebt seit Jahren als wenig erfolgreiche Gewerbetreibende in Mitte. Beide sprechen hervorragend Deutsch. In einem Asiamarkt hätten die beiden, die Geständnisse ablegten, in den Niederlanden lebende Landsleute kennengelernt. Mehrmals wurden sie von ihnen eingeladen und fürstlich bewirtet. Die Gastgeber sollen keinen Hehl daraus gemacht haben, woher ihr Reichtum stammt: Sie zeigten den Berlinern eine Indoor-Plantage.
Die beiden anderen Angeklagten waren nach Angaben der Staatsanwaltschaft illegal nach Deutschland eingereist. Laut den Mitangeklagten waren sie »im Ausland ausgebildete Cannabisbauern«. Sie lebte längere Zeit in Hongkong. Der Mann stammt aus dem bitterarmen Zentralvietnam und stand offensichtlich unter Druck, seine Schlepperschulden abzuarbeiten und die Familie in Vietnam finanziell zu unterstützen.
Während sich die Berliner um die Anmietung der Wohnung, den Kauf der Pflanzen, die Beschaffung und Installation der Technik gekümmert haben sollen, hegten die in bäuerlichen Verhältnissen in Vietnam aufgewachsenen Neuankömmlinge laut Anklage die Pflanzen. Sie haben keine Geständnisse abgelegt.
Die Polizei kam den vier Angeklagten per Telefonüberwachung auf die Schliche. Seit August sitzen alle in Untersuchungshaft. Die Kinder des Paares im Alter von 6 und 13 Jahren sind seitdem in einem Heim untergebracht. Das Gericht hat angekündigt, dass im Falle eines Geständnisses der Hauptangeklagte für vier Jahre ins Gefängnis muss. Die beiden Frauen sollen dann für 2 Jahre und 8 Monate hinter Gitter. Der jüngste Angeklagte könnte mit einer Bewährungsstrafe von 2 Jahren davonkommen. Der Prozess ist zunächst auf elf Verhandlungstage angesetzt. Mit einem Urteil wird Mitte März gerechnet.
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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