Von Licius Stolo
27.01.2011
Politisches Buch

Kopf hoch und Hoffnung wahren

Briefe des Kommunisten Heinrich Buchholz aus Konzentrationslager und Zuchthaus

Unglaublich, aber wahr – doch auch das gab es im NS-Regime: Familien, in der Kinder im Geiste der Völkerversöhnung und Menschenwürde erzogen wurden. Wie war das möglich? Eine Antwort darauf gibt ein ebenso außergewöhnliches wie eindrucksvolles Buch. Es enthält Briefe, die Heinrich Buchholz in den Jahren 1933 bis 1937 aus KZ und Zuchthaus an seine Frau, Tochter und Mutter geschrieben hat und in denen er ihnen immer wieder Mut machte, die schwere Zeit ohne ihn zu überstehen.

Buchholz (1895-1953) war ein vielseitig begabter und hilfsbereiter Mensch: interessiert an den großen und kleinen Fragen der Politik, handwerklich geschickt, fantasie- und humorvoll, gebildet und selbstbewusst. Er stammte aus einfachen Verhältnissen, machte aus seiner Herkunft keinen Hehl und empfand sich der Arbeiterklasse zugehörig. Für ihre Ziele setzte er sich ein, warb und stritt er, doch zum Klassenhass aufgerufen, wie es ihm die Bremer Behörden 1926 unterstellten, als er zum ersten Mal in Untersuchungshaft geriet, hat er nicht. Er wurde in seinem Stadtteil Bremen-Walle selbst von politischen Gegnern geschätzt.

Vor 1914 war er in der »Jungen Garde« der SPD, im Arbeitergesangsverein sowie im Holzarbeiterverband aktiv. Sein ausgeprägtes politisches Interesse führte ihn nach der Teilnahme als Soldat im Ersten Weltkrieg über die USPD in die KDP (1920). Er rief die Politische Bühne Bremens mit ins Leben, aus der sich die Agitprop-Truppe »Die Blauen Blusen« entwickelte, die ohne seine Auftritte nicht so erfolgreich gewesen wäre. Von Beginn an wirkte er im Rot-Front-Kämpferbund, war Mitglied der Roten Hilfe und der Internationalen Roten Hilfe. Im Herbst 1932 bis zum Verbot der KPD 1933 arbeitete er als Zeitungsobmann für den Bezirk Nord-West; über längere Zeit schrieb er Theaterkritiken für die Bremer »Arbeiter-Zeitung«. Bei den »Naturfreunden« lernte er 1922 die junge Auguste Wagenfeld kennen, die er drei Jahre später heiratete. Am 2. Juni 1927 kam ihre Tochter Lore zur Welt.

Mit dem Verbot der KPD standen Buchholz und seiner Familie schwierige Jahre bevor. 1933 und 1934 wurde er gleich zwei Mal inhaftiert und war schweren Misshandlungen ausgesetzt; im Oktober 1934 sperrten die Nazis auch seine Frau für eine Woche ein, um ihn unter Druck zu setzen. Erfolglos. Seine kommunistische Gesinnung reichte den Richtern im Februar 1935 aus, um ihn wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« zu einer Strafe von drei Jahren Zuchthaus mit anschließender Polizeiaufsicht und Wehrunwürdigkeit zu verurteilen. Im August 1937 aus dem Zuchthaus Bremen-Oslebshausen entlassen, inhaftierte man ihn im Januar 1938 erneut. Die anrührenden, doch nie sentimental wirkenden, in Hoch- und Niederdeutsch verfassten Briefe sind getragen von der Liebe zu seiner Frau und Tochter Lore. An keiner Stelle merkt man, in welch schwieriger und leidvoller Lage sich der Verfasser befand. Mehr noch. Heinrich Buchholz, der gewiss Zuspruch nötig gehabt hätte, ermuntert seine Frau und Tochter immer wieder, den Kopf nicht hängen zu lassen, nicht traurig zu sein, sondern sich des Lebens, so gut es irgend geht, zu erfreuen, und die Hoffnung »auf die schöne Zeit, wenn wir wieder alle zusammen sind«, nie aufzugeben. Er wusste, dass Nazibeamte seine Briefe lasen, und so musste er auf jede Kritik an dem unmenschlichen Herrschaftssystem verzichten. Er verfasste Gedichte, erfand kleine Geschichten, denen er lustige Zeichnungen hinzufügte. Wie sehr seine Tochter Lore an ihm hing, dokumentieren die Karten und Briefe, die sie ihrem Vater schickte, ebenfalls liebevoll mit Skizzen und Bildern versehen.

Je mehr man Heinrich Buchholz aus seinen Briefen als einen mit liebender Sorge an seiner Familie hängenden Menschen kennen lernt, »um so zorniger wird man«, schreibt Heinrich Hannover in seinem Geleitwort, »dass ihm und Tausenden seiner Genossen die Freiheit nur deshalb geraubt wurde, weil sie auch nach Hitlers Machtantritt Kommunisten geblieben waren«.

Buchholz war kein Mensch wie jeder andere. Sein Widerstand gegen das Dritte Reich – und die Art, wie er mit seiner Verfolgung umging – hebt ihn aus der Masse der Deutschen, der Mitläufer und Täter heraus. Er gehörte zu jenen, die ihre Menschlichkeit bewahrten. Eine ebenso außergewöhnliche wie historisch wertvolle Dokumentation, die einen seltenen Einblick gibt in die Lebenswirklichkeit von Menschen, die, von den Nazis hinter Gitter gebracht, ihre Kinder gleichwohl im Geist des Friedens und einer sozial gerechten Welt erzogen haben.

»Na, Lütten?« Briefe aus dem Konzentrationslager und Zuchthaus 1933-1937. Hg. v. Lore Buchholz. Mit einem Geleitwort von Heinrich Hannover. Donat Verlag, Bremen 2011. 192 S., geb., 16,80 €.

Werbung in eigener Sache

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken