Am 27. September 1936 vermerkte Victor Klemperer in seinem Tagebuch, die NSDAP habe die Stimmung im deutschen Volk wohl richtig eingeschätzt. Die Mehrheit der Deutschen scheine zufrieden über die Ausgrenzung der Juden zu sein. Niemand empöre sich. Der in seiner Jugend national-patriotisch eingestellte Literaturwissenschaftler resignierte: Naiv sei wohl der einstige Traum vom deutschen Judentum gewesen.
Indes, es gab, wie Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung auf der 3. Internationalen Konferenz zur Holocaustforschung in Berlin betonte, in jener Zeit der Unmenschlichkeit trotzdem Deutsche, die sich empörten und Juden vor ihren Verfolgern zu schützen bemüht waren. Diesen Helfern und Rettern widmete sich die dreitägige Veranstaltung.
»Es waren offenbar ganz normale Menschen, die Anstand, Humanität, Barmherzigkeit und Mut gezeigt haben«, mutmaßte Bundesinnenminister Thomas de Maizière, der nach der Gedenkstunde im Bundestag am 27. Januar zu den Holocaust-Forschern aus dem In- und Ausland geeilt war. Helfer und Retter entstammten unterschiedlichsten Klassen und Schichten, gehörten verschiedensten politischen Lagern oder Konfessionen an und waren »keineswegs immer von hohem Bildungsstand« (Krüger). Die Kenntnis von diesen Mutigen beschränkte sich zu lange auf ein ein paar prominente Namen wie Oskar Schindler.
In den letzten Jahren hat sich das Wissen um die »unbesungenen Helden« erweitert, dank biografischer Forschungen, die vielfach durch Gerettete selbst angestoßen wurden, so etwa von Inge Deutschkron (»Papa Weidt«).
Auch Ladislaus Löb hat seinem Retter jetzt ein Erinnerungsbuch (»Geschäfte mit dem Teufel«) gewidmet: ein ungarischer Jude, der seinen 12. Geburtstag wahrscheinlich nicht mehr erlebt hätte, wenn es diesen anderen ungarischen Juden nicht gegeben hätte. »Natürlich bin ich voreingenommen für Rezsö Kasztner«, offenbarte der emeritierte Germanistikprofessor aus Sussex (Großbritannien). Als das mit Hitlerdeutschland verbündete Ungarn die Seiten wechselte, aus der faschistischen Achse ausschied, marschierte die deutsche Wehrmacht ein. »Der 19. März 1944 war ein schwarzer Tag für die ungarischen Juden.« Und für alle in den Jahren zuvor aus den Nachbarländern vor deutschen Antisemiten geflüchteten Juden.
Denn mit der Wehrmacht kam auch der Eichmann-Stab nach Budapest, »150 bis 200 Leute, die ohne die Mithilfe von Ungarn – Gendarmen, Beamten, Nachbarn – die Deportation der 400 000 ungarischen Juden nicht hätten bewerkstelligen können«. Kasztner verhandelte mit dem Teufel und konnte dessen Klauen 1700 Menschen entreißen, auch den elfjährigen Ladislaus Löb.
Doch nach dem Krieg wurde der Judenretter der Kollaboration mit dem Feind bezichtigt und am 3. März 1957 vor seiner Wohnung in Tel Aviv angeschossen; nach zwölf Tagen erlag er seinen Verletzungen.
Auch deutsche Judenretter erfuhren nach dem Krieg keinerlei Anerkennung und Dank in ihrem Land, im Gegenteil. Sie galten der Mehrheit der Deutschen noch immer als »Verräter«. Die NS-Ideologie wirkte fort. Hilfe für rassisch und politisch Verfolgte galt, wie jedes von den Normen der »Volksgemeinschaft« abweichendes Verhalten, als asozial.
Als konform galt die Denunziation und Auslieferung von Juden, nicht die Hilfe, so Harald Welzer vom Kulturwissenschaftlichen Institut Essen. Seit einigen Jahren befasst sich der Autor des viel beachteten Buches »Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden« mit der Frage: Wie wird man zum Helfer? »Es gibt kein klares Helferbild, wie es auch nicht den Täter gibt«, so Welzer. »Verbrechen werden von Menschen begangen, die sich für gut halten. Und Menschen, die in bestimmten Situationen gut handeln, halten sich selbst nicht für gut.« Später nach ihren Motiven befragt, hätten viele Helfer lediglich lakonisch gemeint: »Man musste doch etwas machen, man konnte doch so nicht mit Menschen umgehen.« Begründungen, wie sie in Sonntagsreden zu hören sind: »Ich habe Kant gelesen!«, kenne er nicht, ließ der Sozialpsychologe wissen. Es gebe keine »geborene Helfer«, vielfach fänden sie sich »im Milieu der Prostitution und Kleinkriminellen, die sich selbst im subversiven Terrain bewegen«.
Welzer erinnerte dankenswerterweise auch an den »Rettungswiderstand«. Um eine Person zu schützen, illegal zu verstecken oder ins Ausland zu schleusen, seien mitunter bis zu 30 Personen, die oft voneinander nicht wussten, beteiligt gewesen. »Es war eine gigantische logistische Aufgabe, gefälschte Papiere, Geld, Lebensmittel, Unterkünfte und Transportmittel zu besorgen«, würdigte Welzer die Helfer.
Seine pädagogisch-didaktischen Schlussfolgerungen hingegen wollte die Nachredner nicht unwidersprochen lassen. Welzer hatte dafür plädiert, Helfer und Retter nicht zu heldischen Persönlichkeiten zu stilisieren. »Das ist irreal und kontraproduktiv.« Denn: »Wer kann sich vorstellen, ein Held zu sein?« Johannes Tuchel betonte indes: »Derjenige, der in einer totalitären Diktatur seinen Handlungsspielraum nutzt, um zu helfen – der ist für mich ein Held! Hilfe für Verfolgte war Widerstand, ein extrem bedeutender«, wie der Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin unterstrich. »Wer einen Juden versteckte, traf den ideologischen Kern des Nationalsozialismus.«
Die Taten der »stillen Helden« widerlegten das nach 1945 gepflegte Selbstbild der deutschen Mehrheitsgesellschaft, man habe nichts tun können. Es gab Alternativen, nicht nur in der Anonymität der Großstadt, auch in der Kleinstadt und auf dem Lande.
Die Legende von der eigenen Ohnmacht widerspiegelt sich auch in der Entschädigungspraxis. Während die Juden, die in illegalen Verstecken die Shoah überlebt hatten, Wiedergutmachung beantragen konnten, gingen deren Retter leer aus, wie Dennis Riffel vom Verein »Gegen Vergessen – Für Demokratie« ausführte. Erst spät erfolgte eine mehr als bescheidene Anerkennung. Hanebüchen die Begründung, mit denen Entschädigungsanträge der Helfer und Retter abschlägig beantwortet wurden: Ihre Handlungen hätten sich nicht gegen den Bestand des NS-Systems gerichtet.
Den eigentlichen Skandal benannte Tuchel: Noch heute gelten jene mutigen Deutschen, die bei Lebensmittelbeschaffungsaktionen für Versteckte wegen »Schwarzhandels« verhaftet und nach der Kriegswirtschaftsverordnung vom 3. September 1939 vor Sondergerichte gestellt worden sind, als rechtskräftig verurteilt! Der Bundestag hat die Lex »zum Schutz der Verbraucher im Krieg« noch nicht aufgehoben!
Sie waren eine winzige Minderheit unter den Deutschen. Geschätzt wird ihre Zahl auf 20 000 – in einem Volk von 80 Millionen. In der 18,5 Millionen angehörige zählenden Wehrmacht sind es nach Recherchen von Wolfram Wette, Autor des Buches »Retter in Uniform«, gerade mal 100 gewesen. In der Gedenkstätte Yad Vashem wird an über 23 600 Judenretter erinnert, darunter 476 Deutsche, wie Irene Steinfeldt aus Israel informierte. Ihre Geschichten sollten der Jugend vermittelt werden.
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