Von Tobias Riegel
29.01.2011

Pressestelle

Kleinkaliber

Die Dienstwagenaffäre des zurückgetretenen Bildungsministers Brandenburgs, Holger Rupprecht (SPD), drängte diese Woche den Berliner Redakteuren die Bildsprache aus der Automobilwelt geradezu auf. Schließlich habe »Allrad-Holger« kräftig die »Bodenhaftung« verloren und sei vollkommen verdient »ins Schleudern geraten«. Man kann es den Kollegen nicht verdenken – die naheliegende Sprache nicht, und auch nicht die Empörung. Schließlich hat sogar die »Morgenpost« recht, wenn sie Rupprechts Fauxpas als »dumm und eitel« bezeichnet.

Angesichts zahlreicher ungesühnter echter Verfehlungen in Wirtschaft und Politik – gerade in jüngster Zeit – haftet der Erregung über die Rupprecht-Lappalie aber etwas Doppelzüngiges an. Die Relation zu wirklichen Skandalen stellt nur der »Tagesspiegel« her: »In der Mark stürzt man nicht über Schmiergeld-Millionen oder Pleitebanken.« Dort nicht, und andernorts leider auch nicht, möchte man anfügen. Gleich wieder zunichte macht die Zeitung ihren guten Ansatz leider, indem die Autoren eine abstrakte (moralische) »Abgehobenheit« von Politikern als ebenso gravierend einordnen wie ganz handfeste Wirtschaftsverbrechen.

Dass die Minister-Spritztour den Steuerzahler nämlich keinen Cent kostete, wird in den Kommentaren nicht erwähnt. Im Gegenteil werden munter Verknüpfungen zwischen der Nutzung des »Luxus-Leihwagens« und Missständen hergestellt – etwa zu den Beamten, die »zu Hause auf ihr Weihnachtsgeld verzichten« (»Berliner Zeitung«) oder zu den Reparaturen von Straßen, »die sich das klamme Land« spare (»Morgenpost«).

Welches Empörungs-Kaliber die nun so echauffierten Redakteure wohl beim nächsten Bankenskandal hervorholen? Es steht zu befürchten: ein kleineres.

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