Bei ihm kam die Einsicht im Kopf, erzählt Berkan O. »Ich habe gemerkt, dass ich den Kontakt zu meinen Kindern verliere.« Der junge Vater war spielsüchtig. Mit dem täglichen Gang zu den Spielautomaten, die es in seinem Neuköllner Kiez reichlich gibt, hätte er »dafür gesorgt, dass meine Kinder nichts mehr zu essen hatten.« Erklärt hätte er ihnen das nicht, solange er süchtig war. »Ich habe einfach gesagt, Geld ist keins da, geht in euer Zimmer.« Und: Berkan O. konnte mit dem Spielen aufhören, weil er verstand, dass nicht er, sondern »immer nur der Automat gewinnt«. Geholfen habe ihm die Selbsthilfegruppe türkischstämmiger Väter in Neukölln.
Deren Initiator Kazim Erdogan fordert von der Politik, die Konzessionsvergabe für Glücksspiele zu verschärfen und die Nutzung von Spielhallen, Spielautomaten in Restaurants und Bistros sowie Wettbüros unter staatliche Kontrolle zu stellen. Die Zahl der türkischen Familienväter, die bei ihm Hilfe suchten, sei erschreckend hoch. Er erzählt von einem Mann, der in drei Stunden den Hartz-IV-Monatssatz der Großfamilie verspielt hatte. Die Folge: Mietschulden, Hunger und Eheprobleme.
Rechnet man die bundesweiten Zahlen auf Berlin herunter, kann man von 17 000 Berlinern mit problematischem Spielverhalten und weiteren 17 000 pathologisch Spielsüchtigen ausgehen. 40 Prozent von ihnen seien Zuwanderer und nach Erfahrungen von Erdogan oft Neuankömmlinge. »Sie fühlen sich einsam und nehmen den Spielautomaten als Ersatz für Sozialkontakte.« Die Verlockung sei sehr groß. Allein in der Karl-Marx-Straße zählte Erdogan 33 Spielhallen und Wettbüros. Dazu stehen in fast jedem Imbiss Automaten.
»Spielhallen zerstören Kieze und sie zerstören Menschen«, pflichtet der SPD-Abgeordnete Daniel Buchholz bei. »Viele Einkaufsstraßen verlieren diesen Charakter und sind zu Spielhallenstraßen geworden.« Berlin werde deshalb noch vor der Sommerpause als erstes Bundesland ein Spielhallengesetz erlassen. Darin sollen etwa der Mindestabstand zwischen zwei Spielhallen geregelt und Automatenbetreiber zur Prävention verpflichtet werden. Doch Buchholz dämpfte die Erwartungen. »Das Gesetz schützt vor der Neuansiedlung von Spielhallen. Bestehenden Anbietern die Lizenz zu entziehen wäre ein Eingriff in die Gewerbefreiheit.« Das sei schwierig, weshalb »die Juristen mehrerer Senatsverwaltungen an dem Gesetz arbeiten.« Ergebnis offen.
Die grüne Abgeordnete Canan Bayram warnte vor der Begrenzung von Spielhallen als einzigem Lösungsansatz gegen Spielsucht. Daneben brauche es mehr Therapieangebote: »Selbsthilfegruppen müssen in jedem Bezirk finanziert werden.« Außerdem wünscht sie mehr Behördenkontrollen.
Dem stimmten die Männer der Selbsthilfegruppe zu. Berkan O. etwa erzählte von einem Imbiss, in dem er rechtswidrig kostenlos verköstigt wurde und Kredite erhielt, damit er nur weiter spielte. Schließlich bringt der Automat dem Imbissbetreiber bares Geld. Berkan O.: »Ich hatte Einrichtungsgegenstände verkauft, um aus der Schuldenfalle zu kommen. Für andere ist so was der Einstieg in die Kriminalität.«
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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