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Von Marcus Meier 02.02.2011 / Inland

Todesfall nach PCB-Giftskandal

Zeuge für Prozess gegen Envio starb plötzlich

Ein 57-Jähriger, der über Jahre in einer PCB-belasteten Halle des Dortmunder Skandalunternehmens Envio arbeitete, ist plötzlich verstorben. Er galt als hochgradig durch PCB vergiftet. Schon spekulieren Medien über ein Tötungsdelikt – der Mann sollte als Zeuge aussagen.

Wenn im nordrhein-westfälischen Landtag darüber diskutiert wird, ob der massive Stellenabbau in der Umweltverwaltung zumindest ein Stück weit zurückgenommen werden soll, um so bessere Kontrollen zu ermöglichen, dann fällt stets ein Name: Envio AG. Das Dortmunder Unternehmen steht schließlich im Zusammenhang mit der größten PCB-Katastrophe der letzten Jahrzehnte.

300 Arbeiter sollen im »Recycling«-Zweig der Firma vergiftet worden sein – ihre Blutwerte waren teilweise um das 25 000-Fache erhöht. Es ist die Rede von einer mafiösen Verstrickung mit osteuropäischen Kriminellen. Seit Mai ermittelt die Staatsanwaltschaft Dortmund unter anderem gegen den Geschäftsführer des Unternehmens. Die Vorwürfe: Umweltdelikte, gefährliche Körperverletzung sowie Steuerhinterziehung.

Gerüchte und Drohungen

Möglicherweise muss die Deliktliste nun erweitert werden. Denn gestern wurde in Dortmund ein Trafo-Monteur beerdigt, der hochgradig durch PCB vergiftet war. Jahrzehntelang hatte in einer hochgradig kontaminierten Halle gearbeitet, die Envio an das Bochumer Unternehmen TSW Transformatoren West vermietet hatte, für das der Tote tätig war. Am Montag vor einer Woche war der 57-Jährige während der Arbeit zusammengebrochen, konnte nicht wiederbelebt werden. Er galt als einer der am stärksten Belasteten unter den von PCB-Vergiftungen Betroffenen.

Noch sei unklar, ob sein Tod in Zusammenhang mit der PCB-Belastung steht. »Das werden uns die Toxikologen sagen«, so die Dortmunder Oberstaatsanwältin Dr. Ina Holznagel. Bei der ersten Obduktion war die Todesursache nicht feststellbar. Nun stehen komplizierte giftchemische und feingewebliche Analysen an. Derweil wird über ein Tötungsdelikt spekuliert – wenn auch auf schlechter Faktengrundlage: Der Tod falle »zeitlich zusammen mit Drohungen gegen Personen, die im Envio-Skandal als Zeugen auftraten«, ist auf DerWesten, der zentralen Webseite der WAZ-Gruppe, zu lesen. Auch sei, so wird behauptet, Zeugen Polizeischutz angeboten worden.

Kein Zeugenschutz?

Die Staatsanwaltschaft Dortmund widerspricht: »Einen solchen Zusammenhang halte ich nicht für plausibel«, sagt Pressesprecherin Ina Holznagel. Auch sei ihr von Zeugenschutzangeboten nichts bekannt. Zwar sollte der Tote demnächst vernommen werden. Doch sei er »kein zentraler Zeuge«, versichert die Oberstaatsanwältin. »Wir befragen zunächst die aktuellen Envio-Mitarbeiter, dann Ehemalige und Leiharbeiter, schließlich Mitarbeiter von Fremdfirmen, zu denen auch der Verstorbene zählte«. Holznagel befürchtet, dass Zeugen sich von den Medienberichten abschrecken lassen könnten: »Sie leiden schon sehr stark unter der PCB-Belastung, hoffentlich bekommen sie nun keine Angst, auszusagen.«

Bei Envio selbst war schon gestern Mittag niemand mehr im Hause, der zum Sachverhalt hätte Stellung nehmen können. Noch immer wirbt Envio mit dem Slogan »Wertvolles verwerten« und erklärt, man biete »Speziallösungen im Umweltsektor« an. Laut Geschäftsbericht hat die Envio-Gruppe ihren Umsatz im ersten Halbjahr 2010 gegenüber dem Vorjahr »mehr als verdoppelt« – und das »trotz der temporären Stilllegung des Recyclingbetriebes in Dortmund«.

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