Die Schwerkraft scheint ihm ein abwerfbarer Balast zu sein, dem Alter aber zahlt er nun Tribut. Rudolf Weisheit, Chef der Artistentruppe Geschwister Weisheit, ist in den Ruhestand getreten. Geschwebt, denn seinen Abschied von der aktiven Luftakrobatik nahm der 68-Jährige am letzten Wochenende auf einem Hochseil in Monte Carlo – vor 4500 Zuschauern.
Bei den Weisheits handelt es sich um eine Familie mit einem besonderen Gen, das man sich in der Form eines gedrehten Drahtes vorstellen mag. Clanchef Rudi Weisheit, Gothaer Spross einer weit verzweigten, vor 100 Jahren von einem Büchsenmacher mit Kaiser-Wilhelm-Bart und einer Artistin aus der Traber-Familie gegründeten Dynastie, balancierte mit fünf erstmals auf jener Scheidelinie zwischen Schweben und Stürzen. Der Handstand seines Sohnes in 62 Metern Höhe durfte ihm nie Grund zur Sorge sein und war es womöglich wirklich nicht, denn »einer, der keine Angst hat, braucht keinen Mut«.
Eine verschworene Balanciergemeinschaft bahnte sich seit 1973 unter seinem Regime ihren Weg übers Seil. Nach Belieben auf Motorrädern oder Rennwagen, als wären die eigenen Luftschlösser so schneller zu erreichen. Weil vom Erfolg nicht nur die eigene Unversehrtheit, sondern die der ganzen Familie abhängt – er bildet schließlich ihre Haupteinnahmequelle –, gedeiht so ein Clangeist, der bei »normalen« Familien längst verschüttet ist. Einheiratende Männer legen ihren alten Namen ab und ordnen sich der Autorität der fest gefügten Gemeinschaft unter.
Daran wird sich wohl nichts ändern. Für die Weisheits war schon mit dem Ende der DDR die Welt zwar weiter, aber nicht höher geworden. Die Grenzen nach oben ließen sich nicht kappen. Zuvor als eine von zwei DDR-Luftartistiktruppen vom Staatszirkus wie in den sozialistischen Ländern gern gebucht, heißt es seither nicht nur auf Märkten, sondern auch auf einem Markt zu bestehen. Die Weisheits gelten als größte und bekannteste Hochseiltruppe in Europa. Dass das so bleibt, darauf wird Rudi Weisheit sicher weiterhin ein waches Auge haben. Von seinem Thüringer Publikum will er sich im Juli in Gotha verabschieden. Gewiss mit seinem zum Markenzeichen gewordenen Trompetensolo in luftiger Höhe. Uwe Kalbe
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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