Von Hans-Dieter Schütt
04.02.2011

Ordnung schaffen?

Das Brodeln an verschiedenen Orten der Welt, Berliner Besetzer und der Hass

Die Medien melden jetzt viel Brodeln. Noch aber wankt sie nicht, unsere mittlere Existenz, die hauptsächlich aus häuslichen Momenten besteht. Woanders aber ist die Masse Mensch in Bewegung. Und dies Woanders scheint näher zu rücken. Eindrücke von politisch-sozialen Erregungsfeldern der letzten Monate jedenfalls summieren sich zur Vermutung, dass Nachbarschaften sich kräftiger, abrupter, entschiedener auflösen in Gegnerschaften. Die Castor-Proteste im Wendland. Stuttgart 21. Aus Frankreich, wo des Öfteren Vorstädte brennen, kommen geistige Aufhilfen für die Unzufriedenheit – Manifeste wie »Der kommende Aufstand« oder Stéphane Hessels »Empört euch!« sind Bestseller. Und in Nordafrika tanzen bibbernd die Verhältnisse. Der Feier des unbelangbar gewordenen Individuums, das nichts mehr aus der ihm geschichtlich zugefallenen Ruhe bringt, steht überraschend wieder die aufgebrachte Menge gegenüber, die nicht mit sich reden lässt. Jüngstes Mosaikbildchen: In Berlin rückten über zweitausend Polizisten gegen Hausbesetzer vor.

Dem Außenstehenden vermengt sich alles. Freiheitskampf und politische Interessenkriege; da der Umsturz mit den Gefahren eines überschießenden Grauens (Ägypten), hier der geduldige demokratische Umbauversuch, dessen höchstgreifender Kraftausdruck der »Wutbürger« ist (Stuttgart). Es gibt hysterisch aufgedrehte Agitationsformen und brüllendes Spiel an der Grenze von Wildnis und Zivilisation. Der Hass hat Konjunktur? Es ist gefährlich, den Hass abschaffen zu wollen. So der Theaterregisseur Frank Castorf vor Jahren in einem ND-Interview. Hass sei der Antikörper, an dem eine politische Ordnung ihre Gesundungskräfte trainiere. »Die Gesellschaft aber, in der wir leben, will eine ewige künstliche Immunitätssituation. Sie predigt Freiheit, stößt sich jedoch an dem, was den Konsens aufkündigt.«

Grundeindruck der Stunde: Es gibt keine Unschuld mehr, dafür aber viel Verworrenheit, die in unzählige Gründe für Rebellion und Gegenwehr hinunterzieht. Es gibt für uns Zuschauer das gesteigerte, fantasiegestützte Empfinden, alles habe plötzlich mit allem zu tun, 1789 und 1989 und 2011 – und ebenso stimmt, dass nichts miteinander zu schaffen hat. Die Dinge drängen aber zum Vergleich, der sich stark macht, auch wenn er verfehlt. Es ist ein wenig wie mit dem Alltag der Globalisierung: Die Vernetzung der Welt als eine Errungenschaft zu behaupten, hat auch bittere Konsequenzen. Jedes Konsum-, jedes Wahl-, jedes individuelle Verhalten muss sich heute eingebunden wissen in jenen Grundstrom globaler Geschehnisse, der viel Erbarmungslosigkeit transportiert und ebenso viel Hilflosigkeit. Outsourcing, dieses nahezu wichtigste Prinzip des modernen Kapitalismus – es verteilt mit den Produktionskapazitäten auch sämtliche Probleme und Konflikte dieses modernen Kapitalismus auf die Welt. Wie Viren, die dann irgendwo als scheinbar lokaler Krankheitsherd ihr Aufbruchswerk tun. Immigration und Emigration, Weltoffenheit und Fundamentalismus, Versöhnung von Ökonomie und Ökologie, Balance zwischen Leistung und Wohlfahrt – wir sind Verstrickte, Schuldige. Die Politik steht machtlos davor; und jene Vergeblichkeit, bei Ausschreitungen und Verzweiflungsausbrüchen bestimmter Gruppen darum zu bitten, Unschuldige vor Schaden zu bewahren, diese Vergeblichkeit offenbart sich im Versuch des Umkehrschlusses: Welche Schuldigen könnte man denn wirklich noch treffen, zur Rechenschaft ziehen, dingfest machen? Kapitalmächte sind so wenig einzuschüchtern wie Politiker, die es sich sogar leisten, trotz entgleister Verhältnisse, für die sie Verantwortung tragen, noch in der Stunde des meist peinlich erzwungenen Rücktritt wie Stars durch die Fernsehprogramme zu hüpfen.

Der naive Wunsch kommt auf, man könne absehen, was aus Straßenschlachten, etwa in Ägypten, werde. Als gebe es ein Menschenhandeln mit Garantie für die Folgen. Aber Zukunft lässt sich nicht vergegenständlichen – dies zu missachten, war die verhängnisvolle Hybris der »wissenschaftlichen« Sozialisten. Manches lässt sich nur ungegenständlich ertragen, Zukunft etwa. Wer sie zu sehr ausmalt, gehört schon wieder zu den neuen Missbrauchern. Manchmal zählt erst einmal nur, dass Menschen den unabwendbaren Mut haben, auf die Straße zu gehen und alles in Gefahr zu bringen, vor allem sich selber.

Die Hausbesetzer in Berlins Liebigstraße haben nun wahrlich nichts, absolut nichts mit den größeren Weltbeben zu tun, und doch werfen sie einen realen Schatten auf das Bild jener Gesellschaft, die anderswo als Paradies der frei bestimmbaren Werte gilt. Hier wurde eben gerade dem Staat, in seiner Hauptstadt, die Lüge gestattet, er schütze mit Polizeikraft Bürgerinteressen. Der Staat stürzt sich beflissen in solche Lüge hinein – und wird im Feuerwehreifer stets nur kenntlicher in seiner Unfähigkeit, soziale Probleme wirklich in den Griff zu bekommen. So entwickelt sich im vielfach verbreiteten öffentlichen Bild von Außenseitern das Muster einer Verworfenheit, daraus ein lädierter, zerfaserter Bürgersinn letzte Funken Ethos schlägt: Ordnung schaffen! Wo es doch eine Asozialität der Wohlstandssicherheit, eine Verwahrlosung an ständischer Herrschaftsgewissheit gibt, bei der nicht minder Ordnung zu schaffen wäre.

Die vertriebenen Besetzer sind Vorboten einer Wahrheit, die nicht mehr aufzuhalten ist: Eliten und die anderen stehen einander gegenüber als Ausdruck politischer Verhältnisse, in denen Regierung wie Verwaltung unfähig zur dialogischen Arbeit sind und zur Gesellschaft hin nicht mehr durchlässig operieren. Ganz ohne Respekt für Randständige und in dieser fatalen Respektlosigkeit auch noch, als staatliche Institutionen, mit einem unangebracht starken Selbstbewusstsein.

Es gibt einen Bruch mit der landläufigen Art des modernen politischen Zurechtkommens; Peter Sloterdijk: »Das gegenwärtige Zeitalter wälzt die Dinge, die Themen nicht um: es walzt sie aus. Es übersetzt Träume in Gebrauchsanweisungen.« Das scheint, an verschiedenen Orten der Welt, aufgebraucht. Es gibt eine Ungeduld mit dieser Welt, die sich immer wieder einen Ausdruck sucht und die in immer stärkeren Gegensatz gerät zur Frechheit des offiziellen politischen Optimismus. Der zu gefahrvoller Festschreibung des Bestehenden neigt. Fotos: dpa

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