Von Regina General
10.02.2011

An der Leine und meinten zu tanzen

»Die Grenze im Kopf« – Michael Meyen und Anke Fiedler befragten Journalisten aus der DDR

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Von »Wir waren gar keine Journalisten« bis »mir hat niemand gesagt, was ich zu tun oder zu lassen habe« finden sich im Buch von Michael Meyen und Anke Fiedler über Journalisten in der DDR so ziemlich alle Aussagen, die über den Alltag der schreibenden Zunft der DDR denkbar sind. Je höher die Befragten in der Hierarchie ihres Blattes kletterten, desto weniger meinen sie heute, fremd bestimmt gehandelt zu haben. Wobei ein kleiner Trick in den meisten Fällen hilft, diese Feststellung zu legitimieren: Viele der Befragten aus den Redaktionen von »Neues Deutschland«, »Junge Welt«, »Der Morgen«, »Neue Zeit« sowie Rundfunk und Fernsehen, die als Macher der sogenannten Hauptmedien befragt wurden, klammern die Aufmacher ihrer Zeitungen bzw. Nachrichtensendungen als zentral vorgegeben, mindestens aber abgestimmt einfach aus.

Heraus kommt bei den meisten die Feststellung: Was immer wir waren, das waren wir gern. Auch diejenigen, die heute eher differenziert oder scharf ablehnend über ihre Arbeit sprechen, glauben nicht anders gekonnt zu haben, wenn sie ihren Beruf nicht an den Nagel hängen wollten. Die meisten aber geben zu Protokoll: Sie arbeiteten mit Spaß, trotz –, manchmal auch gerade wegen der Art, wie die zuständigen Stellen im Zentralkomitee der SED, der FDJ oder der Parteivorstände von CDU und LDPD sie lasen. Wirkung direkt, schnörkellos bis ganz nach oben in die Spitzen von Regierung und Parteien. Das hatte ja auch was, was bei einigem guten Willen als Erfolg von Journalismus gesehen werden kann.

Wichtig war ihnen, so die Aussagen, was Leser, auch die offiziellen, über die zentral vorgegebenen Themen hinaus, ihren Zeitungen entnehmen konnten. Da ist die Spanne breit. Die einen rühmen den Automarkt, die anderen den Kulturteil, wieder andere bestehen darauf, den besten Sportteil aller Zeitungen geliefert zu haben. Andere wiederum glauben, mit ihrer ganz persönlichen Wahl von Themen die eine oder andere Meinung gestützt, das eine oder andere Theaterstück oder Buch, samt zugehörigem Autor befördert zu haben.

Merkwürdig: Fast alle Befragten leugnen, so etwas wie Karriere im Auge gehabt zu haben, mehr oder weniger alle geben zu Protokoll, die jeweiligen Parteien oder Organisationen hätten sie ausgewählt und an eben jenen Platz gestellt, an dem sie dann tätig wurden. Keine Eigenreklame also, keine Wünsche oder Planungen oder direkte Vorbereitungen, allenfalls auffällig gute Leistungen an Universitäten, in Betrieben oder Schulen, hätten dann zu einer Empfehlung geführt. Das hört sich in einer Zeit, in der sich der Einzelne bis zur Schamgrenze anpreisen muss, um aus der Masse durch irgendwelche Besonderheiten herauszuragen, wie die totale Sicherheit auf der Karriereleiter um den kleinen Preis der Fremdverplanung an. Tatsächlich aber gab es natürlich auch bei den jungen Leuten der DDR Wünsche und Vorlieben und Pläne. Manchmal unterschieden sie sich gar nicht so sehr von jenen Wünschen und Plänen, die junge Leute heute für die Berufswahl Journalist(in) nennen: Reisen, fremde Länder sehen, sich anderen mitteilen können und dadurch Einfluss nehmen auf die Zustände, unter denen sich eine Gesellschaft entwickelt. Und natürlich gab es auch in der DDR die Möglichkeit der Ablehnung. Jeder hätte auf Amt und Würden verzichten können. Sogar ohne Arbeitslosigkeit oder Armut befürchten zu müssen. Lediglich der Lieblingsberuf wäre dann nicht so einfach zu haben gewesen.

Die Autoren des Buches haben mit ihren Interviews offenbar (mit wenigen Ausnahmen) bewusst auf Chefredakteure, bzw. Abteilungsleiter und entsprechende Sekretäre in den einzelnen Parteien und Organisationen zurückgegriffen, weil es ihnen darum ging, die Mechanismen der Informationsübermittlung, der verschiedenen Anleitungen, Weisungen, ja der direkten Zusammenarbeit von Redaktionen und Partei- oder Regierungsstellen zu beleuchten. Das ist für damalige Mitarbeiter nicht neu und liest sich heute, als hätte die DDR sich für den politischen Teil der Zeitungen schon vor vierzig Jahren in einer heute so genannten »Zentralredaktion« organisiert, die allerdings direkt dem Politbüro der SED und darüber hinaus den einzelnen Parteien als Herausgeber unterstellt war. Dass Herausgeber auch heute auf den Inhalt von Zeitungen Einfluss nehmen, ist keine Besonderheit. Besonders ist, dass es in der DDR in jedem Falle dem sozialistischen Staat gewogene, den Zielen der regierenden Partei SED verpflichtete Stellen waren (auch andere Parteien und Massenorganisationen bekamen letztlich das Geld von diesem SED-geführten Staat), die zwar in einer graduell unterschiedlichen, im Prinzip aber ähnlichen Abhängigkeit existierten und deshalb mindestens loyal waren.

Loyalität gegenüber dem Staat gehörte aber nicht nur bei Journalisten, sondern auch bei vielen Intellektuellen, die die Ostzone und spätere DDR nicht verlassen hatten, zum Selbstverständnis. Auch wenn viele wussten, dass von der Utopie nicht allzu viel gerettet werden würde, erschienen Antifaschisten als bessere Wahl an der Spitze eines Staates als jene, die den Krieg in den Ministerien von Hitlerdeutschland überdauerten und für die Bundesrepublik den Anfang markierten. Hinzu kam: Zum ersten Mal war in Deutschland das Bildungsprivileg gebrochen, eine ganz neue Schicht eroberte die Universitäten und Redaktionsstuben. Dafür arbeitete der kritische Verstand für einige Jahrzehnte nur in Richtung Auseinandersetzung mit dem Westen. Es brauchte nicht einmal einen Zensor. In der Regel wussten Journalisten, wie weit sie gehen konnten. Die Grenzen im Kopf waren deutlich markiert: »kein Infragestellen des Systems«, weil ihnen das sozialistische Land über viele Jahre als bessere Heimat erschien.

Problematisch wurde es erst, als es nach den ersten Jahren der Honecker-Ära um die konkrete Ausformung von Politik ging, um die beste Art, sozialistische Politik umzusetzen, um die unterschiedlichen Sichten auf ein Land, das, trotz internationaler Anerkennung, Probleme vor allem wirtschaftlicher Art zu bewältigen hatte und dessen Führung sich zunehmend in einem Wolkenkuckucksheim einrichtete, an dessen Wänden von erfüllten Träumen und einem sonnigen Weg in die Zukunft erzählt wurde. Überaltert und unfähig den realen Blick auf die Gegebenheiten zu wagen, erlagen sie der eigenen Propaganda von sich als »Avantgarde« der Arbeiterklasse. Dass niemand mehr nachkam, dass da keine Arbeiterklasse und kein Volk mehr waren, die von ihnen geführt werden wollten, war ihnen nicht einmal aufgefallen. Und in den Redaktionen wurde darüber zwar geredet (sagen jedenfalls viele der Befragten), geschrieben allerdings nicht.

Die Autoren des Buches ziehen daraus den Schluss, dass die unmittelbare Nachkriegsgeneration trotz durchaus erfahrener Repression sich grundsätzlich positiv verhielt und gleichzeitig freier fühlte als diejenige, die mit dem Blick der Nachgewachsenen auf die Entwicklungen schaute, sehr viel kritischer agieren wollte und Einschränkungen als Fremdbestimmung erfuhr, als Bremsen eigener Kreativität. Das Ende der Loyalität war gleichzeitig das Ende des Staates DDR. Und das, obwohl die Massenmedien als allerletzte auf den Zug Richtung Wende aufgesprungen waren.

Warum heute eine Untersuchung, wie die Einmischung von Parteiapparaten und Staat in der DDR konkret funktionierte? Eine Eins-zu-eins-Wiederholung ist ausgeschlossen und um absolute Autonomie von Medien kann es auch nicht gehen. Wikileaks-Veröffentlichungen und das Echo bei staatlichen und polizeilichen Stellen verweisen darauf, dass Rücksichtnahmen auf Interessenlagen von wichtigen Institutionen oder gar politischen Systemen, gegebenenfalls auch auf Absprachen von Regierungen bis heute zu den übergeordneten Gütern zählen, denen sich vor allem große Redaktionen klaglos unterwerfen. Es kann also nur darum gehen, jede Art Druck zu diskriminieren, auch den heute üblichen über Anzeigen- oder Geldentzug. Journalisten agierten und agieren auch heute nicht im luftleeren Raum. Sie wachsen mit Überzeugungen auf, die sie nur unter bestimmten Voraussetzungen abstreifen.

Alles und Jedes, vor allem aber das Gegebene, das Vorgefundene grundsätzlich mit Fragezeichen zu versehen, das sollte für junge Journalisten zum Einmaleins gehören. Wenn das Buch über den DDR-Journalismus dazu beitragen würde, wäre ein Zweck erfüllt. Ob das die Intention der Autoren war, geht aus der Veröffentlichung nicht hervor.

Michael Meyen ist Professor für Allgemeine und Systematische Kommunikationswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er forscht und publiziert zu Medien in der DDR. Anke Fiedler ist ebendort wissenschaftliche Mitarbeiterin.

Michael Meyen/ Anke Fiedler: Die Grenze im Kopf – Journalisten in der DDR. Panama-Verlag. 400 S., brosch., 24,90 €.