Von Hendrik Lasch
12.02.2011

Gebraucht werden auf Zeit

Allheilmittel oder eine »Maßnahme« wie viele? – Besuch in Bad Schmiedeberg, dem Geburtsort der Bürgerarbeit

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Der bald 60-jährige Gerd Rühle hat sich als Bürgerarbeiter um Senioren gekümmert; nach vier Jahren war Schluss: »Den alten Leuten fehlen wir jetzt.«

Die Kinder von Bad Schmiedeberg scheinen gern zu lesen. Der Schulflur hängt voller Gedichte, einmal im Jahr findet ein Tag des Buches statt, einen Lesewettbewerb gibt es auch. »Und viele Schüler schreiben sogar selbst Gedichte«, sagt Stefan Dammhayn. Als ehemaliger Lehrer freut sich der Bürgermeister der Kurstadt über solche literarischen Ambitionen, die, wie er meint, einen Auslöser haben: »Ohne die Wiederbelebung unserer Schulbibliothek wäre das nicht passiert.«

Mitverantwortlich für das Lesewunder von Bad Schmiedeberg ist also Heidrun Rühle. Die 58-jährige gelernte Industriekauffrau hat die Bibliothek in den vergangenen vier Jahren in Schuss gehalten: Bücher katalogisiert, ausgeliehen, empfohlen. Sie hat auch aus Stapeln alter Dokumente im Schulkeller ein gut sortiertes Archiv entstehen lassen. Außerdem hat sie Schüler in Freistunden betreut, manchmal während einer Klassenarbeit. Die Kinder mochten sie. Als sie von einer Reise zurückkam, wurde sie »mit Brause und Keksen begrüßt«.

Dass Heidrun Rühle in der Schule zur »Frau für alle Fälle« werden konnte, liegt daran, dass Schmiedeberg auserwählt war. Das Städtchen im östlichsten Zipfel Sachsen-Anhalts machte 2006 bundesweit Furore, als hier ein neuartiges Beschäftigungsmodell erprobt wurde: die Bürgerarbeit. Die Idee klangt bestechend simpel: Zunächst wurden alle Kräfte gebündelt, um möglichst viele Arbeitslose in Arbeit zu bringen. Für diejenigen, bei denen das nicht gelang, sollten alle Sozialleistungen in einen Topf geworfen und so Arbeit im gemeinnützigen Bereich bezahlt werden. Miterfinder Reiner Haseloff (CDU), Wirtschaftsminister im Land und Ex-Arbeitsamtschef, schwärmte, es werde in Bad Schmiedeberg »faktisch Vollbeschäftigung« geben.

Tatsächlich sank die Arbeitslosenquote rapide von 15,6 auf sechs Prozent. Menschen, die sich zuvor oft jahrelang vergebens beworben hatten, durften wieder arbeiten, so wie Günter Jost, der einst als Justiziar arbeitete, dann bei der Treuhand und seit 1998 ohne Job war.

Die Überstunden hat keiner gezählt

Jetzt erledigte er beim FSV Rot-Weiß den Papierkram, trainierte Jugendliche und pflegte den Rasen, der zuvor so katastrophal aussah, dass keine Mannschaft gern in Schmiedeberg antrat. 30 Stunden sollte er arbeiten; dabei blieb es selten. »Die Überstunden«, sagt er, »hat keiner gezählt.«

Jost hat die Arbeit gern erledigt. Es könne ja, sagt er, »nicht Sinn des Lebens sein, dass man zuhause sitzt«. So denken viele seines Alters – und müssen dennoch zuhause bleiben: »Mit 60 findet man in meinem Beruf nichts mehr«, sagt Gerd Rühle, einst Schlosser, später Trockenbaumonteur. Auch er kam nur dank Bürgerarbeit wieder aus dem Haus; als Hausmeister bei der katholischen Kirche, wo er Reparaturen erledigte, Gras mähte, aber auch Senioren aus der Zeitung vorlas. Er habe das Gefühl genossen, »gebraucht zu werden«, sagt Rühle – und auch das, »mal wieder planen zu können«: Jeder Bürgerarbeiter erhält 825 Euro brutto. Davon blieben, sagt er, »669,69 Euro«. Nicht übel für einen, der zuvor von Eurojobs und Hartz IV lebte.

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Günter Jost betreute die jungen Fußballer des FSV Rot-Weiß und pflegte den Sportplatz – eine Stelle fand er danach aber nicht.

Geholfen wird mit der Bürgerarbeit nicht nur Menschen wie Rühle, der zu Protokoll gibt, die Tätigkeit habe ihn »froh und glücklich« gemacht. Auch der Kommune sei gedient, sagt der Bürgermeister. Bad Schmiedeberg habe viel Geld in die Kureinrichtungen gesteckt und jetzt kaum noch etwas übrig, um Aufgaben zu bezahlen, die »für das Gemeinwohl extrem wichtig«, aber dem Gesetz zufolge freiwillig und also bei leeren Kassen aufzugeben seien, sagt Dammhayn: die Betreuung von Kindern in der Freizeit, die Pflege der städtischen Anlagen, eine Schulbibliothek, die Beschilderung von Wanderwegen. Dinge also, die »moralisch wichtig wären, aber finanziell auf der Strecke bleiben« – wenn es nicht Projekte wie die Bürgerarbeit gäbe.

Hat der Umstand, dass die Bürgerarbeit nach Bad Schmiedeberg kam, den Ort also zu einer kleinen beschäftigungspolitischen Insel der Glückseligen werden lassen? Sind hier paradiesische Zustände zu besichtigen, die bald landauf, landab herrschen? Schließlich zieht das Modellprojekt aus Sachsen-Anhalt Kreise: Derzeit wird Bürgerarbeit bundesweit eingeführt, und nachdem Teilnehmer zunächst sechs Monate lang geprüft und versucht wurde, viele von ihnen in Arbeit, Qualifizierungen oder Praktika unterzubringen, werden ab April 34 000 Bürgerarbeiter ihre Tätigkeit beginnen. Zu ihren Gunsten wurden andere Arbeitsmarkt-Instrumente stark zurückgefahren. Bürgerarbeit, lobt Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU), sei »die konsequenteste Form von Fordern und Fördern«.

Keine Anstellung nach der Bürgerarbeit

Mit dem Fördern ist das freilich so eine Sache – zumindest, wenn dessen Ziel darin bestehen sollte, den Bürgerarbeitern dauerhaft zu einer Beschäftigung zu verhelfen. Von den bis zu 106 Menschen, die am Bad Schmiedeberger Modellversuch teilgenommen haben, sind 19 in eine Stelle auf dem ersten Arbeitsmarkt übernommen worden, sagt Annette Fesse, Teamleiterin im Jobcenter Wittenberg. Zu diesen gehören weder das Ehepaar Rühle noch Günter Jost. Dieser hat sich zwar auf Stellen in der Jugendarbeit beworben, für die er durch seine Tätigkeit im Sportverein bestens qualifiziert sein dürfte: »Aber da kommt man nicht ran«, resümiert er. Auch die Kirche habe kein Geld, sagt Gerd Rühle, der seine Arbeit deshalb nach vier Jahren beenden musste. Besonders die alten Menschen, die er betreut hat, »werden uns vermissen«, glaubt er. Also kümmert er sich nun ehrenamtlich – und lebt wieder von Hartz IV. So werde es vielen Bürgerarbeitern gehen, sagt Udo Gebhardt, DGB-Landeschef: In Zeiten leerer öffentlicher Kassen gehöre »viel Phantasie dazu«, sich vorzustellen, dass Bürgerarbeiter nach Ende der künftig dreijährigen Projektzeit »nachhaltig und unbefristet angestellt werden«.

Manche indes schaffen es; Jana Kreutzer ist eine von ihnen. Die gelernte Verkäuferin hat als Bürgerarbeiterin in einer Reha-Einrichtung als »Alltagsbegleiterin« gearbeitet: Kranke im Rollstuhl auf einem Spaziergang begleitet, vorgelesen, mit ihnen gesungen und gebastelt. Ähnliche Tätigkeiten erledigte sie als Ein-Euro-Jobberin zuvor schon in einem Pflegeheim, wo man ihre Arbeit so schätzte, dass sie jetzt 25 Stunden wöchentlich arbeitet – fest und unbefristet angestellt. Die Änderung eines Gesetzes erlaubte das: Für die Betreuung Demenzkranker wurde mehr Personal bewilligt. In dem Heim mit 60 Bewohnern entstanden so zwei Stellen für Jana Kreutzer und eine Kollegin. Bald werden vier weitere Alltagsbegleiter kommen: Bürgerarbeiter, die die gleiche Arbeit erledigen – für weniger Geld und befristet auf drei Jahre.

Wirkungsvoller als die eigentliche Bürgerarbeit ist nach Ansicht von DGB-Chef Udo Gebhardt deren Vorspiel: der als »Aktivierung« bezeichnete Kraftakt von Vermittlung und Qualifizierung. Für das seit Juli laufende neue Bürgerarbeits-Projekt in Schmiedeberg wurden von 875 Bewerbern immerhin für 169 reguläre Stellen gefunden; weitere 100 kommen in Qualifizierungen und Praktika unter. Viele andere werden Bürgerarbeiter und erledigen Arbeiten, für die woanders das Geld fehlt. Oft sind das kommunale Aufgaben – ohne dass dafür der Tariflohn des öffentlichen Dienstes gezahlt werde, moniert der DGB-Chef. Bestritten wird die Bezahlung aus Geldern des Bundes und des europäischen Sozialfonds; an die Idee, dafür alle anderen Sozialleistungen zu bündeln, habe sich die Politik in den nunmehr fünf Jahren seit Erfindung der Bürgerarbeit »nicht annähern können«, sagt Sylvia Kühnel, Projektleiterin bei der Regionaldirektion für Arbeit in Sachsen-Anhalt.

Bürgerarbeit, sagt Heidrun Rühle, sei eine gute Sache: »Ich bin dankbar, dass ich mitmachen durfte.« Jetzt ist sie wieder arbeitslos. Jana Kreutzer fand eine Stelle. Was hält sie von Bürgerarbeit? Es sei, sagt sie, »eben eine Maßnahme« – nicht weniger, nicht mehr.