Sprungmarken: Inhalt, Navigation.
neues-deutschland.de: Blogs

Lauter kleine Bhagwans

Folge eins einer kleinen Serie zu den ökosozialen Aspekten der Mobilität

Keine Gute Idee: Überstunden kloppen, damit auf dem Firmenparkplatz ein besonders luxuriöser PKW auf Dich wartet. Doch ein Betriebsratsboss fordert uns zum Kauf gleich mehrerer Neuwagen auf.
Altbekanntes Problem in den Innenstädten der Republik: Autofahrer irren, ihresgleichen verfluchend und als Konkurrenten bekämpfend, durch Straßen und Gassen. Auf der Suche sind sie nach einem knappen Gut, nämlich einer freien Abstellfläche für ihr Vehikel. Gibt es zu wenig Parkplätze? Oder zu viele Autos?

Für den nüchternen Betrachter ist die Antwort eindeutig: Autos parken ebenerdig alles zu. Sie werden oberirdisch gestapelt – in Parkhäusern. Oder auch unterirdisch in Tiefgaragen, weil droben kein Platz mehr ist. Automobile stehen, anders als ihr Name suggeriert, eben nicht für (Selbst-)Bewegung, sondern meist für Stillstand. 94 Prozent ihrer Zeit stehen sie dumm rum. Und da sind die Wartezeiten im Stau noch nicht mit eingerechnet. Den Rest ihrer Lebenszeit stoßen sie Giftstoffe in Kindskopfhöhe aus und Kohlendioxid, das Haupttreibhausgas.

Doch sie töten nicht nur mittelbar: Die Verkehrswissenschaftler Klaus Gietinger und Markus Schmidt bezeichnen Autos schlicht als »Massenvernichtungswaffen«1, die von der Staatengemeinschaft geächtet werden müssten. Seit Beginn des automobilen Zeitalters, so rechnen sie vor, habe es rund eine Milliarde Verletzte durch Unfälle gegeben. Die Forscher prognostizieren eine Verdoppelung der Unfallzahlen binnen 25 Jahren – und eine »explosionsartige Zunahme des Leichenbergs«. Dabei seien nur drei Prozent des Kraftfahrzeugverkehrs wirklich notwendig.

Notwendiger Verkehr? Ein Denkfehler: Denn Autos dienen oft genug nicht primär dazu, ihren Halter und dessen Familie von A nach B zu bewegen. Sie sind zuvörderst Statussymbole – das belegen die immer größeren, immer mehr Sprit fressenden und immer gefährlicher wirkenden Großkarrossen auf unseren Straßen. »Viagra in Chrom«, spottet selbst der Vorsitzende der Autofahrer-Partei SPD über geländetaugliche SUV und ihre ebenfalls überdimensionierten Brüder.

Manchem Gewerkschafter treiben solch defätistische Worte die Zornesröte ins Gesicht. Vor einiger Zeit durfte ich einer Podiumsdiskussion zur Krise der Autobranche beiwohnen. Im Verlauf der Debatte schlug der Betriebsratsboss eines großen PKW-Produzenten allen Ernstes vor: Jeder Arbeitnehmer möge sich – bittesehr! – zwei Neuwagen unterschiedlicher Marken zulegen. Gleich zwei? Ja, denn es gelte, Arbeitsplätze bei beiden Herstellern zu retten.

Alle mal herhören: Jeder Arbeiter, jede Professorin, jeder Lügenbaron kann nur einen Wagen gleichzeitig steuern. Banale Erkenntnis, doch aus gegebenem Anlass muss sie wohl referiert werden.

Warum zur Hölle sollte jeder von uns ein kleiner Bhagwan werden? Der Guru ließ sich bekanntlich Autos en masse von seinen Jüngern schenken – als Liebesbeweis. Unser wackerer Betriebsrat hätte daran allenfalls eines missbilligt: Bhagwan ließ nur eine Automarke zu. Eine ziemlich luxuriöse übrigens; eine, von der der deutsche Arbeitsmann allenfalls träumen kann – auch wenn er andere Objekte der Begierde bevorzugen sollte: Wie wäre es mit einer drastischen Arbeitszeitverkürzung statt immer mehr Plackerei für schön scheinende Waren?

Lange her, dass ich in der Metallindustrie Südwestfalens schwitzte. Doch ich erinnere mich noch genau an jenen Kollegen, der Überstunden ohne Ende kloppte. Morgens entstieg er stolz seinem Mercedes, den er sich nur dank seiner Mehrarbeit leisten konnte, lächelte selig auf dem Weg zu Stechuhr. Doch was nützte ihm der schöne Wagen? Die freie Zeit, in der er sein heiß geliebtes Fahrzeug hätte nutzen können, sie war allzu knapp. Und so wartete des Malochers treuer Gefährte, das teure Gefährt, stets auf dem Firmenparkplatz – während Herrchen knechtete.

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Kommentare zu diesem Artikel

Kommentar schreiben (Login erforderlich)
Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.

Ihre Meinung zu diesem Artikel

Unsere aktuellen Blogs

  • Eine Zukunft ohne NATO

    Eine Zukunft ohne NATO

    Von dem Supergipfel, der ursprünglich als gemeinsames NATO- und G8-Treffen in Chicago geplant war, nahm die US-Regierung schnell wieder Abstand.
    Die Proteste wären wohl aus dem Ruder gelaufen. An diesem Wochenende tagen die Vertreter der G8-Länder in einer militärisch abgeschirmten Sperrzone in Camp David in der Nähe der US-Hauptstadt. Die NATO-Strategen halten dagegen Chicago in Atem. Von dort berichtet Max Böhnel über die internationale Gegenkonferenz namens „NATO Free Future“, zu der auch Vertreter der deutschen Friedensbewegung anreisen. Am Sonntag soll als Höhepunkt gegen den Willen von Stadtverwaltung und Polizei eine Grossdemonstration gegen das Militärbündnis stattfinden.

  • Linke und Technik...!

    Linke und Technik...! Foto: dpa

    Blog von Marcus Meier: Welche Chancen erwachsen aus technischen Innovationen - für eine soziale und umweltfreundliche Gesellschaft, für mehr Demokratie, für ein rationaleres Wirtschaftssystem? Wo verhindern kapitalistische Mechanismen den technischen Fortschritt oder den fortschrittlichen Technikgebrauch? Wie, wo und warum generiert der Kapitalismus schlicht Fortschrott? Das sind die Fragen, die das neue nd-Weblog "Linke und Technik..! Fortschritt, Fortschrott und die Folgen " beantworten will. Autor Marcus Meier ist übrigens beides: Technikfreund und Technikskeptiker.

  • In eigener Sache

    neues deutschland

    Hausblog: Aus dem nd über das nd: In unserem Hausblog halten wir Sie über alles berichtenswerte aus Redaktion und Verlag auf dem Laufenden.

Unsere Blogger:

  • Marcus Meier

    Marcus Meier ist Journalist und arbeitet zu den Themen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Für das nd schreibt er seit Oktober 2009 regelmäßig – und meist zu NRW-Themen. Meier betreibt Das SPRUSKO-Prinzip, ein Weblog »zur Kritik des Ramsch-Kapitalismus«. Er lebt und arbeitet in Bochum. Seine Webseite: www.marcusmeier.de.

    Er ist beteiligt an folgenden Blogs:

  • Max Böhnel

    Max Böhnel lebt seit dreizehn Jahren in der Nähe von New York und berichtet als freier Journalist für deutschsprachige Radiosender, Print- und Internetmedien, unter anderem auch für nd.

    Er ist beteiligt an folgenden Blogs:

Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.
Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.

Werbung:

Werbung:

Sprungmarken: Seitenanfang.