Es geht nicht nur um Plagiate. Karl-Theodor zu Guttenbergs Dissertation bietet vor allem, wie der Rezensent Andreas Fischer-Lescano schrieb, »wenig Neues«. Doch gerade das wird von einem Doktoranden verlangt: Er soll die Wissenschaft wirklich weiterbringen. Warum vergab aber ein so honoriger Gelehrter wie Peter Häberle, unterstützt von einer ganzen Kommission, trotzdem die absolute Bestnote »summa cum laude«?
Es liegt wohl daran, dass die deutschen Universitäten immer großzügiger werden. Nach Untersuchungen des Wissenschaftsrates von 2003 und 2005 vergaben sie durchschnittliche Abschlussnoten je nach Fach zwischen 1,24 in Wirtschafts- und Sozialgeografie und 2,76 in Verwaltungswissenschaften. Die Landesprüfungsämter waren viel strenger: Während Magisterkandidaten in Jura mit 1,97 bestanden, lag der Durchschnitt bei den Staatsexamina bei 3,17.
Dieser Unterschied hat einen besonderen Grund: Staatliche Prüfer werden nicht von den Studenten benotet, Professoren aber wohl. Deshalb hat sich an den Universitäten längst ein »do ut des« eingespielt: Erteilt der Professor gute Noten, bewerten die Studenten seine Lehre ebenfalls positiv. Zwar ist das bei Doktoranden noch nicht der Fall, aber wer als Doktorvater zu streng ist, läuft leicht Gefahr, bald keine Kandidaten mehr zu bekommen. Diese »Kuscheluni«, wie die »Berliner Zeitung« schon 2007 titelte, geht zweifellos auf Kosten des Niveaus. Der Freiburger Soziologe Wolfgang Essbach erklärte 2009, dass »die Mehrheit der Professoren [...] die Verwahrlosung der Universität, den Abbau von Leistungskontrollen, das Durchwinken bei Zwischenprüfungen, das Absenken des Niveaus mitgetragen« hat. Und es wird immer schlimmer.
Nach den Bildungsstreiks von 2009 erleichterten einige Universitäten die Prüfungen und verzichteten auf Präsenzpflicht. Im Dezember des gleichen Jahres versprachen Kultusminister- und Rektorenkonferenz in einer gemeinsamen Entschließung, beim Arbeitspensum »ein realistisches und vertretbares Maß zu gewährleisten« und »die Prüfungsbelastungen zu reduzieren«. Nur wenige Monate später, im September 2010, wies der Hamburger Erziehungswissenschaftler Rolf Schulmeister auf Grund präziser Arbeitstagebücher von 121 Studenten nach, dass sie wöchentlich im Durchschnitt nicht mehr als 26 Stunden für Lehrveranstaltungen und Selbststudium aufwandten. Und viele kamen sogar mit 20 Stunden pro Woche aus. Studenten, die motiviert sind und sich wirklich für ihr Fach interessieren, werden von den anderen ausgelacht. Eine Studentin der Kommunikationswissenschaften berichtete kürzlich in einer überregionalen Tageszeitung, dass ihr ein älterer Kommilitone unter dem Beifall der anderen stolz erklärte, während seines ganzen Studiums kein einziges Buch gelesen zu haben.
Das ist ja auch nicht mehr nötig. Für die Prüfungen reicht stures Auswendiglernen von Vorlesungsfolien, für Hausarbeiten oder Referate schummelt man sich mit »copy and paste« aus dem Internet oder anderen Plagiatstechniken mühelos durch. Soll man dies den Studenten vorwerfen? Und soll man es Guttenberg vorwerfen? Schließlich machen das einige Professoren auch.
Vor acht Jahren verlieh die französische Presse François G. Dreyfus, einem berühmten Geschichtsprofessor der Sorbonne, den Titel »Docteur ès plagiat«. Er hatte ohne Skrupel ganze Abschnitte aus dem Buch eines Kollegen wörtlich übernommen, wurde verklagt und musste schließlich 360 000 Francs (ca. 60 000 Euro) Entschädigung bezahlen. Andere bekannte Fälle sind der Erlanger Historiker Wolfgang Wüst und die US-Amerikaner Stephen E. Ambrose und Doris Kearns Goodwin. Insider halten dies nur für die Spitze eines Eisbergs.
Die Berliner Plagiatsexpertin Debora Weber-Wulff enthüllte bereits vor einigen Jahren in einer Serie im Spiegel-online/unispiegel noch ganz andere Praktiken, die viele kennen, aber nicht zu sagen wagen: Manche Professoren plündern schamlos die Arbeiten ihrer Studenten und Doktoranden und veröffentlichen die Ergebnisse unter ihrem Namen, andere lassen ihre Bücher zum Teil von abhängigen Assistenten schreiben, denen sie dann im Vorwort für ihre »Mitarbeit« danken, oder sie weisen als Gutachter Forschungsprojekte zurück und reichen sie anschließend unter ihrem eigenen Namen ein – die Liste der Möglichkeiten ist lang.
Am bequemsten ist es aber, jedenfalls für Studenten, sich die Arbeit wie einen Versandartikel ins Haus liefern zu lassen. Auf seiner Homepage im Internet www. ghostwriting-uni.de preist sich ein Dr. Claus Hebell aus Berlin-Charlottenburg als »Dozent, Übersetzer, Ghostwriter« an und offeriert Studenten fast aller Fachrichtungen seine Hilfe. »Herzlich willkommen!«, heißt es da, »Ghostwriting für die Universität ist eine von vielen Menschen in Anspruch genommene Dienstleistung.« In der Tat, hier wird alles feilgeboten, was ein angehender Akademiker benötigt: vom Seminarreferat bis zur Doktorarbeit, preiswert, diskret und ausdrücklich ohne Plagiate. Ob Dr. Hebell auch bei Prüfungen einspringt? Vielleicht sogar verkleidet und auf jung geschminkt? Aber das ist wohl unnötig, denn beim heutigen Massenbetrieb in Deutschland kennt der Professor seine Studenten oft sowieso nicht mehr.
Viele Professoren schieben die Schuld auf die Bologna-Reform. Ich bestreite das. In anderen Ländern, z.B. in Frankreich und Polen, wurde seit jeher jedes Jahr geprüft – ohne dass das Niveau darunter gelitten hätte. Doch seit einiger Zeit sinkt auch dort das Niveau kontinuierlich. Als ich noch in Frankreich lehrte, wurden im ersten Studienjahr ca. 50 Prozent der Germanistikstudenten hinausgeprüft, im zweiten Jahr noch ca. 30 Prozent. Inzwischen ist diese strenge Selektion aufgehoben, u.a. weil die Studentenzahlen zurückgehen und man einen Abbau der Lehrkräfte befürchtet. Immerhin wird ein gewisses Niveau durch die jährlichen »Concours«, die nationalen Wettbewerbsprüfungen, gewährleistet, wo nur die besten Kandidaten eine Stelle bekommen. Aber selbst hier beklagt eine 2005 erschienene Untersuchung von Sophie Lorrain den »besorgniserregenden Niveaurückgang«.
In Polen erklärte mir ein Kollege einmal: »Wir haben bei uns die Diktatur der Studenten.« Wie das im Detail abläuft, ließ sich vor kurzem an einer kleineren polnischen Hochschule beobachten. Ein Professor verlangte von seiner Studentin bei der Arbeit für die »Lizenz« (Abschluss nach drei Jahren Studium) einige Verbesserungen. Daraufhin ging sie mit Billigung der Institutsleitung zu einem seiner Kollegen und reichte die Arbeit bei ihm ein, ohne Korrekturen, versteht sich. Als ein anderer Professor einigen Studenten wegen ihrer Internet-Plagiate in den Hausarbeiten nur eine mittelmäßige Note gab, beschwerten sie sich bei der Institutsleitung – natürlich nicht über die Zensuren, sondern über angeblich schlechten Unterricht und erhielten für das nächste Semester prompt eine Vertretung zugewiesen. Dass auch die Präsenzpflicht aufgehoben wurde, versteht sich von selbst. Am schlimmsten aber ist es in Russland, denn hier regiert die Korruption. Nach dem Bericht der »OZPPOU«, einer russischen »Schutzgesellschaft für Schüler und Studierende«, werden gute Noten von den Professoren einfach verkauft, was die Studenten oder vielmehr ihre Eltern jährlich insgesamt 1,5 Milliarden kostet.
Es liegt also nicht an Bologna, sondern an einem neuen Studentenprofil. Wie die Generation der 68er in verschiedenen Ländern gleichzeitig auftrat, so auch die jetzige Spaßgeneration, die sich für ihr Studium nicht mehr verantwortlich fühlt und mehr freizeitorientiert ist. Guttenbergs Dr. jur. – ein fröhlicher Internetspaß!
War es früher besser? Zeitweise schon. Wer unmittelbar nach 1945 studierte, war hochmotiviert und wollte die durch den Krieg verlorene Zeit einholen.
In der Wilhelminischen Zeit galten die deutschen Universitäten zwar als die besten der Welt, ein Drittel der Nobelpreise ging an deutsche Forscher, doch verbummelte Studenten gab es trotzdem. Die Dissertationen umfassten im Durchschnitt nicht mehr als 50 bis 70 Seiten, und schon damals wurden einige von Ghostwritern verfasst, wie man in Universitätsarchiven nachlesen kann. Natürlich gab es auch Professoren, die ein Auge zudrückten. In den zwanziger Jahren riet der Heidelberger Philosoph Karl Jaspers einem eiligen Studenten, wegen »beschleunigter Abkürzung« lieber bei einem Kollegen zu promovieren, was er in der Tat in knapp über einem Jahr schaffte. Auch das Niveau der Studenten war recht unterschiedlich. Carl Zuckmayer erinnerte sich später: »Die große Masse der Studenten, die für unsere damaligen Begriffe die Universität überfüllten, bestand aus den gleichen Büffelochsen und Sturböcken wie überall.«
Kurt Tucholsky schrieb 1928 in seiner allerdings nur gegen den Korpsstudenten gerichteten Kritik: »Ein solches Bierhirn, in dem auch nicht ein Gedanke über den sauren Muff seiner Kneipe reicht, entscheidet über Leben und Tod? [...] Das will Provinzen verwalten? Ein solch minderwertiges Gewächs vertritt Deutschland im Ausland?« So eine scharfe Kritik dürfte sich heute wohl doch erübrigen.
Prof. Dr. Dr. Eberhard Demm ist pensionierter Ordinarius für »Civilisation allemande« der Universität Jean Moulin, Lyon. Er unterrichtete Neuere deutsche Geschichte auch in Deutschland sowie in fünf weiteren Ländern. Jüngste Publikation: Akademische Lebenswelten. Habitus und Sozialprofil von Gelehrten im 19. und 20. Jahrhundert. Hrsg. mit Jaroslaw Suchoples, Verlag Peter Lang, 2011.
Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) stürzt über die Plagiats-Affäre. Knapp zwei Wochen nach dem Bekanntwerden der Affäre verkündete er nun seinen Rücktritt. Mehr
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