Von Fabian Lambeck
03.03.2011

Die Welt im Rausch

Das Drogen-Überwachungsgremium der UNO veröffentlichte seinen Jahresbericht 2010

Der Internationale Suchtstoffkontrollrat der UNO stellte gestern seinen Weltdrogenbericht 2010 vor. Das 1968 gegründete Überwachungsgremium mahnt darin effektive Schritte gegen die Korruption an und warnt vor neuen Designerdrogen. Dass viele der Probleme mit westlicher Bündnispolitik und dem globalen Raubtierkapitalismus zusammenhängen, verschweigt der Bericht jedoch.

Seit nunmehr 43 Jahren kämpft der Internationale Suchtstoffkontrollrat (INCB) der Vereinten Nation gegen illegale Drogen. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Denn sowohl die Anzahl der verbotenen Substanzen als auch die der Konsumenten nimmt ständig zu. Am Mittwoch stellte der INCB seinen Jahresbericht 2010 zeitgleich in Wien und Berlin vor. Darin fordert der Kontrollrat unter anderem einen »verstärkten Einsatz« gegen »drogenbedingte Korruption«. Carola Lander, einziges deutsches Mitglied in dem Gremium, unterstrich in Berlin, dass dafür »transparente Systeme zur Rekrutierung und Beförderung von Beamten« und mehr Transparenz im Justizwesen nötig seien.

Wie das Beispiel Afghanistan zeigt, sind die kleinen Beamten jedoch nicht das Hauptproblem. Laut INCB-Bericht ist das Land am Hindukusch der größte Heroinproduzenten der Welt und Europa der »weltweit größte Markt« für den Stoff. Während der INCB die Drogentoten zählt, betreiben die afghanischen Verbündeten der ISAF-Truppen ganz offen ihr Heroingeschäft. Selbst der Bruder des afghanischen Präsidenten soll in den Handel verwickelt sein. So ähnlich verhält es sich in Kolumbien, wo die von den USA unterstützten Militärs ins Kokain-Business verstrickt sind. Aber solche Zusammenhänge sucht man im Bericht vergebens.

Und auch wenn der Suchtstoffkontrollrat eindringlich warnt, dass »die Produktion von Designerdrogen außer Kontrolle« sei, ignoriert er die ökonomischen und politischen Dimensionen des Problems. In Europa sind vor allem Rauschdesignerdrogen wie Mephedron auf dem Vormarsch. Eine Generation junger, prekarisierter Europäer ohne Jobperspektive flieht kollektiv in den Rausch. Die Drogenköche sind kreativ. »Ständig kommen neue Substanzen hinzu«, betonte Lander am Mittwoch. Allein in Europa zählt der INCB derzeit 16 neue Designer-Drogen. Anleitungen zu deren Herstellung finden sich im Internet.

In Asien nimmt hingegen der Konsum von leistungssteigernden Amphetaminen zu. Dass sich diese Durchhaltedroge dort solch großer Beliebtheit erfreut, ist einfach zu erklären. Viele Thailänder oder Inder schuften in Fabriken, in denen länger als 14 Stunden pro Tag für den Weltmarkt produziert wird. Ohne Doping hält die Plackerei auf Dauer niemand aus.

Der INCB-Bericht unterstreicht zudem, dass Arzneimittel gegen Krankheiten und Schmerzen für alle zugänglich sein müssten: Demnach werden 90 Prozent der Arzneimittel in westlichen Staaten konsumiert, obwohl hier nur 10 Prozent der Weltbevölkerung zu Hause sind. Dagegen haben 80 Prozent aller Erdenbürger keinen oder »nur ungenügenden Zugang« zu Schmerzmitteln und »leiden daher unnötig«. Währenddessen nimmt der Medikamentenmissbrauch im Westen weiter zu. Europäischer Spitzenreiter beim Pro-Kopf-Verbrauch sind die Deutschen: Fast zwei Millionen Bundesbürger gelten als tablettenabhängig.

Doch der Mangel an legalen Schmerzmitteln in vielen Entwicklungsländern ist auch hausgemacht. Der INCB trägt eine Mitschuld, weil sein westlich inspirierter Drogenpuritanismus seit langem tradierte Mittel illegalisiert, während er etwa das tödliche Zellgift Alkohol toleriert. Beispiel Bolivien: Am Mittwoch kritisierte Carola Lander auch, dass die Zahl der Kokabüsche in dem Andenstaat zugenommen habe.

Hier zeigt sich ein Grundproblem der Drogenbekämpfung aus westlicher Perspektive. Denn Kokablätter – die von indigenen Ureinwohnern seit Jahrhunderten gekaut werden – sind ein milder Wachmacher und Schmerzstiller. Kokain aber, das durch chemische Prozesse aus den Blättern gewonnen wird, hat mit Koka nicht mehr viel zu tun. Es wird vor allem von übersättigten Europäern und US-Amerikanern konsumiert. Weil die Gringos Koka missbräuchlich verwenden, sollen die Bolivianer auf ihre heilige Pflanze verzichten. Auch eine Art von Drogenimperialismus, den Boliviens indigener Präsident Morales zurecht kritisiert.