Sprungmarken: Inhalt, Navigation.
neues-deutschland.de: Blogs

Über den Wolken: Niedriglohn und Klimaschaden

Folge zwei der kleinen Serie zu den ökosozialen Aspekten der Mobilität

Ist besonders klimaschädlich: Der Flugverkehr. Hängt sich ein grünes Deckmäntelchen um: die Luftfahrtbranche – jedenfalls in aller Regel.
Sparen wollen und müssen sie alle. Doch besonders geizgeil ist der Unternehmer Michael O'Leary, der offenbar am wirklich Wesentlichen knapst – dem professionellen PR-Berater, der das üble Geschäftsgebahren in ein halbwegs mildes Licht rücken könnte. Der Boss des Billfliegers Ryanair redet lieber selbst. Und gab der »Süddeutschen Zeitung« unlängst ein bemerkenswert ehrliches Interview. Darin prangert der Geschäftsmann an: Staatliche Regulationen und Steuern (nicht jedoch indirekte Subventionen, von denen er profitiert). Er wettert gegen »diese verrückten Richtlinien, wegen derer wir Entschädigungen zahlen müssen, wenn ein Flug ausfällt«. Er rechtfertigt Extra-Gebühren selbst für die Nutzung von Flugzeug-Toiletten. Er bestreitet den Klimawandel. Und bekennt: »Die Umwelt interessiert mich einen Dreck«.

Ryanair ist bekannt als gewerkschafts- und weitgehend arbeitnehmerrechtsfreie Zone. Lohnfortzahlung im Krankheitsfall wäre übertriebener Luxus. Die Leiharbeiter/innen/quote ist enorm hoch. Bereitschaftszeiten und Mehrarbeit in Folge von Verspätungen werden nicht entlohnt. Und Flugbegleiterinnen müssen kostenlos putzen. »Hungerlohn als Ergebnis«, resümiert die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di die »Ausbeutung über den Wolken« und spricht von »skandalösen Arbeitsbedingungen«.

Ein Pilot im Cockpit – statt derer zwei – reiche aus, so scherzte Michael O'Leary einst. Notfalls müsse halt eine Stewardess den Steuerknüppel übernehmen. Möge es tatsächlich ein Scherz sein.

Selbst die wirtschaftsliberale »Wirtschaftswoche« kam obdessen nicht umhin, O'Learys »Spar-Exzesse« zu geißeln. O'Leary ficht solche Kritik nicht an. Warum auch? Er hat Ryanair zum größten Billig- und drittgrößten Fluganbieter überhaupt in Europa gemacht. Er gebietet über 262 Flugzeuge. Er transportiert 72 Millionen Passagiere pro Jahr – wenn auch meist auf arg abgelegene Airports. Sein Führungsstil? »Warm, mitfühlend, sensibel«, diktierte er dem »Süddeutsche«-Journalisten in den Block. Ob sich bei Ryanair irgendetwas ändern müsse? »Nein«, sagt Michael O'Leary, denn »seit Adam Smith, seit Ende des 18. Jahrhunderts gilt: Unternehmen wachsen, wenn sie die Preise senken.«

Auch dank solcher Hauptsache-billig!-Kapitalisten wie Michael O'Leary nimmt die Zahl der Flüge immer mehr zu. Andere Ursachen sind die Globalisierung nebst stärkerer ökonomischer Vernetzung und höherer Mobilität – insbesondere in Form des Ferntourismus. Seit 1960 stieg die Zahl der Passagiere jährlich um durchschnittlich neun Prozent. Eine Trendumkehr ist nicht in Sicht, insbesondere nicht in Nord-Amerika, Europa, Asien. Der Flugverkehr wird weiter stark zunehmen, da sind sich die meisten Experten einig.

Dabei ist Fliegen die klimaschädlichste Form des Personentransports: Nicht nur emittieren Flugzeuge Unmengen des Hauptreibhausgases Kohlendioxid. Auch durch den Ausstoß von Aerosolen tragen sie indirekt zur Erderwärmung bei. Die Wirkung der emittierten Stickoxide ist durchwachsen: Einerseits führen sie zum Aufbau von Ozon, das in dieser Höhe als starkes Treibhausgas wirkt. Andererseits sind sie beteiligt am Abbau des klimaschädlichen Methans. Das Umweltbundesamt resümiert: »Durch die zusätzlichen Effekte ist der Klimabeitrag um den Faktor 2 bis 5 höher als der von Kohlendioxid allein.« Die meist milden Klimaschutzerfolge, die anderen Orts erzielt werden, würden durch das Wachstum des Flugverkehrs konterkariert: »Die steigenden Emissionen des Flugverkehrs gleichen Minderungserfolge in anderen Sektoren aus.«

Doch gerade Flugkonzerne pflegen sich mit großem Eifer und ebensolchem Erfolg grün zu waschen. Neben der Auto- und Atom-Lobby sind sie diejenigen, deren »miese Klimabilanz ... kaum einem Verbraucher« auffalle, so die Webseite »Klimalügendetektor«. Laut einer repräsentativen Umfrage bezeichneten lediglich vier Prozent der Befragten Flugzeuge als »nicht klimafreundlich«. Erfolgreicher kann man die Verbraucher kaum in die Irre führen – Ausnahmen wie Ryanairs überehrlicher Michael O'Leary bestätigen die Regel.

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

10 Kommentare zu diesem Artikel

Kommentar schreiben (Login erforderlich)
  • Rotspoon, 04. Mär 2011 13:25

    Dachschaden

    Seit es auf diesem Planeten eine Atmosphäre gibt, gibt es Wetter, Wetter längerfristig betrachtet, nennt der Mensch Witterung. Witterung überlange Zeiträume läßt uns von Klima reden. Es gibt Kleinklimate (aus der Sicht der Buttersäurebakterien kann ein solches z.B .zwischen unseren Fußzehen entstehen: der Schweißfuß). Das ganz große Klima heißt Weltklima. An ihm dreht ununterbrochen die Sonne. Es ist in stetem Wandel begriffen. Es kann keinen Schaden nehmen. Ach der Michael O'Leary von Ryanair steht da hilflos vis-a-vises. Wer gegenteiliges behauptet, hat einen Dachschaden.

    • Permalink

  • h.yuren, 04. Mär 2011 13:36

    Der Alptraum vom Fliegen

    dem artikel ist kaum etwas hinzuzufügen. allerdings erinnere ich mich nicht, dass der billigfluggangster als krimineller bezeichnet wird. wenn menschliche maßstäbe angelegt werden, ist der mann sofort aus dem (flug)verkehr zu ziehen.
    aber nicht der herr über ryanair allein. andere machen es nicht besser oder nur wenig.
    mit dem traum vom fliegen hat der flugbetrieb der millionenbeförderung gar nichts mehr zu tun. außerdem werden immer frachten durch die luft geschickt.
    wirtschaftlich kann sowas nur sein, wenn es massiv subventioniert wird. in der schule sollten die polit- und profitmeister gelernt haben, dass fliegen die mobilität ist mit dem höchsten energieverbrauch. von höheren wartungskosten und unerträglichen schall-emissionen gar nicht zu reden.
    fliegen bedeutet krieg gegen mensch und erde. du weißt ja, wann und unter welchen bedingungen die strahltriebwerke entwickelt wurden. das war im selben land und zur selben zeit, als die vorstufen für die weltraumraketen gebaut wurden - als vergeltungswaffe oder v 1 und v 2.
    so einen lärm ertragen nur krieger. lärm ist von alarm abgeleitet, und das bedeutete mal den ruf "zu den waffen".
    ich finde nichts nennenswert positives an der kondensstreifenmalerei.

    • Permalink

  • h.yuren, 04. Mär 2011 13:41

    Re: Dachschaden

    schön, dass sich ein ausgewiesener klimaexperte hier zu wort meldet. seine sprache glänzt durch die fülle der fachausdrücke. seine argumente überzeugen sofort.
    klar, dass den dachschaden immer die anderen haben.

    • Permalink

  • Rotspoon, 04. Mär 2011 13:46

    @ H.YUREN

    Du auch? Das tut mir leid

    • Permalink

  • h.yuren, 04. Mär 2011 14:19

    Re: @ H.YUREN

    lieber angeblich roter löffel, wenn du etwas zu sagen hast, kannst du das ja hier buchstabieren. aber bitte nicht noch mehr trivialitäten.

    • Permalink

  • Rotspoon, 04. Mär 2011 16:34

    Re: Re: @ H.YUREN

    Wie kommst Du auf den roten Löffel, mei Gudster. Ist das ein Schimpfwort? Vielleicht stimmt meine Ferndiagnose doch.

    • Permalink

  • h.yuren, 04. Mär 2011 18:22

    Re: Re: Re: @ H.YUREN

    nu, mein lieber, das will ich dir ausnahmsweise verraten. spoon = löffel, und da es nicht rotten heißt, sondern rot, hab ich das mal für rot stehen lassen.
    wir sind ein bisschen off topic, aber wie gesagt ausnahmsweise geht das.

    • Permalink

  • Rotspoon, 05. Mär 2011 14:02

    Re: Re: Re: Re: @ H.YUREN

    Mein letztes Wort: Rotspon ist eine norddeutsche Bezeichnungfür eine guten Rotwein .EinKönigreich für ein Faß Lübecker Rotspon! Die O-Verdopplung ist meine persönlicheNote .Und nun gib Ruh

    • Permalink

  • Sissyfuss, 05. Mär 2011 18:05

    Re: Dachschaden

    Dottore Rotspoon und Sarah Palin, die ruhmreichen Koryphäen der Klimatologie! :-)

    • Permalink

  • h.yuren, 05. Mär 2011 21:31

    Re: Re: Dachschaden

    danke sysifus, für die notwendige kurskorrektur ad rem und ad personam.

    • Permalink

Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.

Ihre Meinung zu diesem Artikel

Unsere aktuellen Blogs

  • Eine Zukunft ohne NATO

    Eine Zukunft ohne NATO

    Von dem Supergipfel, der ursprünglich als gemeinsames NATO- und G8-Treffen in Chicago geplant war, nahm die US-Regierung schnell wieder Abstand.
    Die Proteste wären wohl aus dem Ruder gelaufen. An diesem Wochenende tagen die Vertreter der G8-Länder in einer militärisch abgeschirmten Sperrzone in Camp David in der Nähe der US-Hauptstadt. Die NATO-Strategen halten dagegen Chicago in Atem. Von dort berichtet Max Böhnel über die internationale Gegenkonferenz namens „NATO Free Future“, zu der auch Vertreter der deutschen Friedensbewegung anreisen. Am Sonntag soll als Höhepunkt gegen den Willen von Stadtverwaltung und Polizei eine Grossdemonstration gegen das Militärbündnis stattfinden.

  • Linke und Technik...!

    Linke und Technik...! Foto: dpa

    Blog von Marcus Meier: Welche Chancen erwachsen aus technischen Innovationen - für eine soziale und umweltfreundliche Gesellschaft, für mehr Demokratie, für ein rationaleres Wirtschaftssystem? Wo verhindern kapitalistische Mechanismen den technischen Fortschritt oder den fortschrittlichen Technikgebrauch? Wie, wo und warum generiert der Kapitalismus schlicht Fortschrott? Das sind die Fragen, die das neue nd-Weblog "Linke und Technik..! Fortschritt, Fortschrott und die Folgen " beantworten will. Autor Marcus Meier ist übrigens beides: Technikfreund und Technikskeptiker.

  • In eigener Sache

    neues deutschland

    Hausblog: Aus dem nd über das nd: In unserem Hausblog halten wir Sie über alles berichtenswerte aus Redaktion und Verlag auf dem Laufenden.

Unsere Blogger:

  • Marcus Meier

    Marcus Meier ist Journalist und arbeitet zu den Themen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Für das nd schreibt er seit Oktober 2009 regelmäßig – und meist zu NRW-Themen. Meier betreibt Das SPRUSKO-Prinzip, ein Weblog »zur Kritik des Ramsch-Kapitalismus«. Er lebt und arbeitet in Bochum. Seine Webseite: www.marcusmeier.de.

    Er ist beteiligt an folgenden Blogs:

  • Max Böhnel

    Max Böhnel lebt seit dreizehn Jahren in der Nähe von New York und berichtet als freier Journalist für deutschsprachige Radiosender, Print- und Internetmedien, unter anderem auch für nd.

    Er ist beteiligt an folgenden Blogs:

Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.
Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.

Werbung:

Werbung:

Sprungmarken: Seitenanfang.