Von Volkmar Draeger
15.03.2011

Katzen wie du und ich

Im eigenen Tourneezelt am Hauptbahnhof elektrisiert das Musical »Cats« als Rundumerlebnis

Glitzernd wie die Lämpchengirlanden quer durch das Zelt als dem ensembleeigenen Spielort ist die Historie des Musicals »Cats«. Ein Gedichtband von T.S. Eliot, »Old Possum’s Book of Practical Cats« von 1939, regte den Katzennarren Andrew Lloyd Webber zu Vertonungen an. Als er von der Witwe des Dichters weitere Verse bekam, war das die Initialzündung: Der Katze Grizabellas Schicksal führte ihm die Idee eines Katzenmusicals vor Augen.

Die Uraufführung 1981 im Londoner West End wurde ein Triumph, der seither nicht abgerissen ist: 21 Jahre lief das Stück in London, 18 Jahre in New York. Ab 1983 trat es seinen Siegeszug rund um den Globus an, erlebte seine deutschsprachige Erstaufführung in Wien, an die sich gern erinnert, wer sie 1987 beim Gastspiel in der Komischen Oper sehen konnte. Insgesamt 23 Preise, vom Tony bis zum Oscar, gewann »Cats«, seinen Hauptsong »Memory« sangen Stars von Barbra Streisand über Céline Dion bis José Carreras.

Webber, der unnachahmlichen Leichtigkeit seiner melodischen Erfindungen wegen »Mozart des Musicals« genannt, wurde 1992 zum Ritter geschlagen, 1997 geadelt. Wie er »Cats« entworfen hatte, für eine Rundbühne, so gastiert die Inszenierung nun nahe dem Hauptbahnhof im Tournee-Zelt von 60 Metern Durchmesser. Im »griechischen Theater«, einsehbar von vielen Seiten, können sich die fast 30 Katzencharaktere mit den menschlichen Zügen austoben und ihre Geschichten zum besten geben. Eben das, die unverhohlen augenzwinkernde Parabel aufs Menschendasein, macht »Cats« zum Dauer-Gleichnis.

In einem gewaltigen Schrottgebirge – gebastelt aus 3000 Einzelstücken von der Autokarosse bis zur Dose und mit gemasertem Mond dazwischen – zelebrieren die Jellicle-Cats alljährlich ihren Ball. Höhepunkt ist die Verleihung eines zweiten Lebens an ein auserwähltes Mitglied der großen Cats-Community. In den drei Stunden bis dahin stellen sich die Katzen-Persönlichkeiten vor und sind dabei wie ich und du: vom Draufgänger über den feisten Gourmet bis zum »Macky Messer« Maccavity, der nie da ist, wenn Böses passiert, aber stets seine Pfoten im Spiel hat. Gefleckt, gestreift, schwarz oder weiß sind sie, tragen gewaltige Mähnen oder, wie der muntere Rum Tum Tugger, einen Steifkragen von spanischem Ausmaß. Aus elf Nationen rekrutieren sich die Darsteller, und die spielen, singen, tanzen begeistert, als müssten sie auch jene im Saal noch gewinnen, die ohnehin schon als Fans am Jellicle-Ball teilnehmen.

Womit Webber beinah durchgängig beschenkt, ist das Füllhorn seiner Einfälle. Seine Songs haben Hitqualität, mit herrlichen Motiven für die Charaktere, und wenn sich diese Motive mischen, entsteht beste musikalische Spannung. Im Gegensatz zu »Grease« und Co. geht es um blutvolles Theater, um Gegensätze. Was eben noch quicklebendig das Zuschauerherz hüpfen lässt, erhält tragische Färbung beim Auftritt der abgerissenen, angefeindeten Ex-Glamourkatze Grizabella oder des einstigen Theaterkaters Bus mit den zitternden Pfoten, der seine berühmte Piratenpistole nochmals herbeiträumen darf. Alt Deuteronimus, greiser Dichter und Jellicle-Oberhaupt, strahlt auch vom Kostüm her die Würde eines Moses aus und hat mit Unterstützung aller eine Szene, die dem Gefangenenchor aus Verdis »Nabucco« kaum nachsteht.

Wechsel der Stimmungen ist es, der »Cats« so einzigartig macht, jenes permanente Changieren zwischen bestem Entertainment und hohem Anspruch, zu dem Michael Kunzes sprühende deutsche Texte nicht unerheblich beitragen. Masha Karells berührende Grizabella, der Alt Deuteronimus des Martin Berger, Dominik Hees’ präsenter Rum Tum Tugger, Frank Logemanns Bus, der magische Mistoffelees des Mark John Richardsons und all die anderen verschmelzen zu einem veritablen Ensemble. Das lässt die Bühne zwei Akte und 20 Bilder über so vibrieren, wie Regisseur Trevor Nunn und Choreografin Gillian Lynne es original einstudiert haben und die unsichtbare Live-Band es befeuert: als elektrisierendes Rundum-Theater.

Bis 24.4., Theaterzelt Heidestraße, Kartentelefon (0180) 515 25 30, www.cats.de

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