So umtriebig Aurore Millets Leben, so insistierend ist ihre Suche nach dem rechten Verhältnis von Linie und Fläche, wie sie sich nicht nur in den Zeichnungen äußert. Über 20 von ihnen stellt die Galerie Zeisler aus, alle gehören sie zu Serien, was für die stete Variation eines Themas spricht. Drei Beispiele stehen für die Serie »Reminiscence« aus dem Jahr 2007.
Woran sie erinnern will, kann man nur ahnen: Mit rotem Stift legt Millet in wenigen Strichen über Büttenpapier ein Netz aus Linien, die die weiße Fläche in unregelmäßige Unterflächen teilen. Die Schnittpunkte festigen Knoten, was Stacheldraht assoziiert. Möglicherweise reagiert die Künstlerin damit auf Erfahrungen, die sie bei Aufenthalten in Israel gemacht hat, nach Studien in Tel Aviv bei einer mehrjährigen Residenz in Jerusalem mit seinen Spannungen zwischen den Nationalitäten, auch wohl beim Besuch palästinensischer Siedlungen in ihrem Abgesperrtsein.
Nach dem Studium von Literatur und Geschichte in Göttingen und Hannover belegte die gebürtige Französin die Kunstakademie Düsseldorf, ging nach New York, lebt seit 2004 in zweitem Anlauf freischaffend in Berlin.
Gleiches Format wie »Reminiscence«, 30 mal 40 Zentimeter und weiß gerahmt, hat der Zyklus »Traces & Movement« von 2009, die mit 16 Exponaten stärkste Sektion der Ausstellung. Die Unterserien bündeln mehrere Zeichnungen thematisch. Alle sind sie in Tinte auf handgeschöpftem Papier ausgeführt. Sehr verhalten verteilen sich da Kringel aus dickem oder dünnem Tintenstrich auf weißem Grund, bilden diagonal ein Gewirr, wie es Vogelkrallen hinterlassen haben könnten oder das einfach eine Fläche gliedert. Wenn sich die Tinte untergründig verwischt und sich ein Gitter darüberlegt, scheint das Raster zu schweben.
Zwei Exponate aus »Traces & Movement« füllen blassfarbig graue Hohlkringel, die, Spuren wovon immer, über die Fläche treideln. Ob Linie oder Hohlform: In ihrer Bewegtheit sind sie fast tänzerisch über die Fläche verteilt, als zeichnerisch ins Zweidimensionale übersetzter Tanz, abstrahierter aber als etwa bei Henri Matisse.
Auch die Serien »Bewegung« und »Movement« zu je zwei Exponaten scheinen trotz verschiedenem Format thematisch verklammert. Auf 21 mal 21 Zentimetern schneiden, überlagern, verfangen, runden sich in »Bewegung« von rotem und violettem Stift auf Bütten gezogene Linien, zittern fein und zierlich auf weißem Grund. »Movement« – ebenfalls aus dem Jahr 2010 – übersetzt das ins größere Format von 66 mal 97 Zentimetern. Eine Linie verzweigt sich darauf zum Adersystem, darunter oszilliert eine Linie zur Kurve, unter der Notenwerte auf angedeuteten Linien schweben. Der gedankliche Sprung zu musikalischem Klang ist da nicht mehr weit.
Wie die Summe aller grafischen Versuche muten die vier Großformate der Serie »Carnaval« an. »Face of a dog«, »Berliner Bär«, »Flower on a truck« basieren auf per Laser ausgedruckten Fotos, sind bearbeitet und handkoloriert. Entstanden ist jeweils ein wieder rein grafisches, verschieden temperiertes Produkt aus viel Weiß, wenig Schwarz und sorgsam aufgebrachtem Rotpigment. Höhepunkt jener Technik: die völlig gerötete Fläche mit grauen Trennlinien und Schwarz in der Mitte, Zellstruktur vielleicht, spannungsvoll im Miteinander, freundlich harmonisch in der Wirkung.
Bis 23. April, Galerie Zeisler, Gethsemanestraße 9 in Prenzlauer Berg, Tel.: (030) 44 79 35 11, Geöffnet mittwochs von 15 bis 19 Uhr sowie nach Vereinbarung,
www.galerie-zeisler.de
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