Von René Heilig
21.03.2011

Bomben für Afrikas Zukunft

»Odyssey Dawn«: Massive Angriffe gegen libysche Luftverteidigung

Deutschland, so bestätigte Außenminister Guido Westerwelle (FDP) gestern erneut, hält sich raus aus der Operation »Odyssey Dawn«. Und dennoch laufen in Deutschland wichtige Fäden zusammen, die zum Sturz des libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi führen sollen.
Mit 50 Reichspfennig pro Quadratmeter begann 1937 die militärische Karriere des schwäbischen Ortes Möhringen. Hitlers Wehrmacht baute auf ehemaligem Ackerland Kasernen, in denen heute das United States Africa Command – kurz AFRICOM – seinen Sitz hat. Es ist das jüngste der insgesamt sechs Regionalkommandos der US-Streitkräfte und seit 2008 für alle US-Militäroperationen auf dem afrikanischen Kontinent mit Ausnahme Ägyptens zuständig. In einer jüngst veröffentlichten Festschrift hebt der erste Kommandeur, der US-Vier-Sterne-General William »Kip« Ward, die Rolle Afrikas in der globalisierten Welt hervor und betont: »Dieses Kommando ist auf die Zukunft ausgerichtet.«

Ein Stück Weg in die Zukunft wird seit dem Wochenende in Libyen deutlich. Die USA, Frankreich, Großbritannien, Kanada, Italien, Spanien und andere NATO-Staaten führen Krieg gegen Gaddafis Machtsystem. Sie erfüllen, so behaupten die westlichen Regierungen, die UN-Resolution zur Errichtung einer Flugverbotszone.
 Was so klingt, als wolle man nur Gaddafis Luftwaffe daran hindern, Angriffe gegen die Rebellen in Ost-Libyen zu starten, ist in Wahrheit ein Hightech-Krieg, der bereits seit Monaten vorbereitet wurde. Während man auch medial politische Voraussetzungen zum Eingreifen geschaffen hat, wurde die Aufklärung aus dem Kosmos, aus der Luft und von See her intensiviert. Meldungen auch westlicher Korrespondenten, dass in der vergangenen Woche bereits Spezialeinheiten vor allem des britische SAS auf libyschen Boden operierten, fanden kaum Beachtung. Bereits Tage bevor Paris offiziell den Einsatz seiner Luftwaffe gegen Gaddafi bestätigte, führten französische Kampfflugzeuge Aufklärungsflüge über libyschem Gebiet durch. Und auch AWACS-Aufklärer Frankreichs und der NATO registrierten genau, was sich auf feindlichem Terrain tat.

Im zentralen Mittelmeer ist seit über einer Woche das Flaggschiff der 6. US-Flotte »Mount Whitney« zur taktischen Leitung der Operation »Odyssey Dawn« bereit. Auch der amphibische Träger »Kearsarge« mit Landungseinheiten ist vor Ort. Das Schiff soll von der »Bataan« abgelöst werden, die sich am Mittwoch von Norfolk aus auf den Weg ins Mittelmeer macht. Zwei Docklandungsschiffe mit Marines sind auf dem Weg. Das deutet darauf hin, dass die US-Führung nicht mit einem schnellen Ende Gaddafis rechnet und sogar an Bodenoperationen denkt.

Den ersten Schlag in der Nacht zum 20. März führten jedoch andere US-Kriegsschiffe. Unter anderem die Zerstörer »Stout« und »Barry«, das U-Boot »Providence« sowie ein britisches Atom-U-Boot der Trafalgar-Klasse verschossen 112 Marschflugkörper vom Typ »Tomahawk«. Speziell auf der »Providence« hat man Erfahrungen mit solchen Überfällen. Das Schiff nahm bereits an der Flugverbotsoperation »Southern Watch« und dem anschließenden Krieg gegen Irak im Jahr 2003 teil. Weil ihre Raketen präzise ins Ziel trafen, ehrte die US-Marine die Besatzung des Atom-U-Bootes mit der »Global War on Terrorism Expeditionary Medal«.

Bei der Operation »Odyssey Dawn«, von der niemand weiß, wie sie enden wird, konzentrierte man den ersten Schlag – wie bereits auf dem Balkan oder gegen Irak erprobt – auf die Ausschaltung der feindlichen Flugabwehr. Man wollte die Fähigkeit zur Luftraumüberwachung und zur Führung der Streitkräfte entscheidend schwächen. Um ungestört die Luftherrschaft auszuüben, beschoss man rund 20 Flugabwehrstellungen, die vor allem mit sowjetischen SA-5-Raketen bestückt und mit entsprechenden Radarsystemen ausgestattet waren. Ebenfalls beschossen wurden Kommunikationseinrichtungen bei Misurata und in der Hauptstadt Tripolis.


Drei US-Tarnkappenbomber vom Typ B2 haben parallel zu den Attacken von See her Militärflugplätze bombardiert, um Gaddafis Kampfjets zu zerstören oder am Boden festzuhalten. Mit im Angriffsteam sind französische Mirage 2000- und Rafale-Jets, die Jagd auf Fahrzeuge des libyschen Militärs machen, die sich in Richtung Bengasi bewegen. Die Jagdbomber operieren überwiegend von Flugplätzen in Italien und auf Korsika. Möglicherweise werden auch schon bald Flugzeugträger wie die USS-»Enterprise« und die französische »Charles de Gaulle« als Basis dienen. Einsätze von maritimen Trägern unterliegen weniger der medialen Kontrolle.

Unklar ist noch, in wie weit die ständigen NATO-Flottenverbände SNMG-1 und SNMCMG-1 in die Kriegsoperationen einbezogen werden. Deutschland ist an diesen NATO-Verbänden derzeit mit der Fregatte »Lübeck« und einem Minenjäger beteiligt.


Chronologie

Im libyschen Bruderkrieg kämpfen Aufständische und Regierungsanhänger seit Mitte Februar gegeneinander.

15.-19. FEBRUAR: Dutzende Menschen werden in Bengasi verletzt, als die Polizei eine Sitzblockade auflöst. Es folgen Proteste. Augenzeugen berichten von Zusammenstößen und Schüssen auf Demonstranten.

28. FEBRUAR: Nach UN und den USA verhängt auch die EU Sanktionen gegen Gaddafi und 25 Vertraute, wie Reiseverbote und Kontensperrungen.

1. MÄRZ: Die Opposition kontrolliert den ölreichen Osten und einige Küstenstädte im Westen.

3. MÄRZ: Der Internationale Strafgerichtshof leitet Ermittlungen gegen Gaddafi wegen des Verdachts von Verbrechen gegen die Menschlichkeit ein.

4. MÄRZ: Gaddafis Truppen stoppen den Marsch der Opposition Richtung Tripolis.

5. MÄRZ: Der von Oppositionellen gegründete Nationalrat unter der Führung des ehemaligen Justizministers Mustafa Abdul Dschalil erklärt sich zum alleinigen legitimen Vertreter des Volkes.

9. MÄRZ: Gaddafi setzt ein Kopfgeld auf Dschalil aus.

10. MÄRZ: Frankreich erkennt als erstes Land den Nationalrat als legitimen Vertreter an.

11. MÄRZ: Die Rebellen bitten um Waffen, Frankreich und Großbritannien fordern Angriffe gegen die Regierungstruppen.

12. MÄRZ: Laut Gaddafis Sohn Seif el Islam kontrollieren Gaddafis Truppen 90 Prozent des Landes. Die Arabische Liga fordert eine Flugverbotszone.

17. MÄRZ: Der UN-Sicherheitsrat beschließt eine Resolution, um Libyens Armee mit allen Mitteln außer Bodentruppen aufzuhalten. Fünf Staaten, darunter Deutschland, enthalten sich.

18. MÄRZ: Gaddafi kündigte eine sofortige Waffenruhe an, aber es gibt keine klaren Anzeichen, dass sie eingehalten wird.

19. MÄRZ: Kämpfe um Bengasi – beide Seiten beschuldigen sich, die Waffenruhe zu verletzen. Sondergipfel in Paris von EU, Arabischer Liga und UN-Generalsekretär Ban. Um 17.45 Uhr MEZ zerstören französische Kampfflugzeuge libysche Panzer. Am Abend greifen auch die USA und Großbritannien ein.

20. MÄRZ: Die internationale Koalition setzt ihre Luftangriffe fort. Gaddafi droht mit einem »langen, ausgedehnten Krieg ohne Grenzen«. AFP/ND