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Von Harald Kretzschmar 23.03.2011 / Feuilleton

Zeichnen ohne Marktdogma

Wie werben für MoMA in Berlin?

Endlich steht die elementarste und organischste Kunstübung, die des Zeichnens, einmal im Mittelpunkt einer Ausstellung: Werke aus dem New Yorker MoMA im Berliner Gropiusbau. Welch schmieriger Konsens, den ein raffgieriger Markt der medialen Werbung für Kunst auferlegt! Alle Statements der Veranstalter und der als Rezension getarnten medialen Werbetexte folgen bekannten Mustern: Sie gehorchen dem Dogma der Staranbetung. Die stille Sensibilität der Zeichenkunst aber hat nichts Starmäßiges. Wenn das Malen ein Redenhalten vor Publikum ist, dann das Zeichnen ein Plaudern mit ihm.

Das, was die Amerikaner an anerkannt Deutschem ausgesucht haben, schmeichelt den hiesigen Meinungsführern ungemein: Ihr ewig westgeprägtes Selbstbild wird bestätigt. Dabei ist kaum etwas den sensitiven Bleistift-Chiffren des Joseph Beuys Vergleichbares da. Die maßlos überschätzten Baselitz und Kippenberger, Lüpertz und Trockel – müssen sie denn um jeden Preis als »grandiose« Zeichner imponieren? Haben sie etwas zu sagen? Ich habe andere Favoriten: Jim Lambie und Arturo Herrera, Charline von Heyl und Shahzia Sikander, Allen Ruppersberg und Chloe Piene etwa. Mit diesen Namen könnte man ruhigen Gewissens eine profunde Werbung für MoMA in Berlin betreiben.

Man darf hier Konkretes und Abstraktes in schönem Wechsel erleben. Durchaus möglich, dass sich minimalistische Verknappung doch als simpler Flop entpuppt. Manches ist in kompakter Gruppenhängung als banales Ensemble mit originellen Einsprengseln arrangiert. Als solche sehe ich Chloes Pienes Akt »Dreißig Jahre alt« und Lucian Freuds Porträt »Leigh«.

Politisches oder Soziales gerät selten ins Bild. Gezeichnete Satire gehört in der Stadt des hochkultiviert scharfsinnigen Journals »The New Yorker« offenbar nicht ins Heiligtum des Museums. Wenn der Schweizer Thomas Hirschhorn Pressefotos irakischer Kriegsgräuel mit lasziven Pornobildern zusammenkleistert, ist das zwar wenig pointiert, aber immerhin politisch brisant.

Höchste technische Raffinesse beweisen David Hammons mit einem Körperdruck und Lee Boutecou mit einer Rußabreibung. Mit zig Rahmen Kante an Kante bilden sie einzigartige grafische Netzwerke. So in 15 Varianten bei Charline von Heyl: Die grafischen Eruptionen von »Ohne Titel« bewältigen souverän den Schwarz-Weiß-Kontrast. Oder die zauberhaften neun Collagen mit berühmten Zitaten aus der Kunstgeschichte von Lucy McKenzie und Nova Popularna. Letztere haben mit Allen Ruppersbergs »Liebling, ich habe die Sammlung neu geordnet« den hintergründigen Witz gemeinsam.

Die eindrucksvollsten formalen Experimente liefern übrigens Collagen. Unübersehbar des Venezolaners Arturo Herreras swingendes Geflecht aus Streifen von Farbzeitungsdruck. Nur vergleichbar dem gigantischen Augen-Netz »Screamadelica« des Jim Lambie als Raumteiler mitten im Saal.

So viel charmanter Geist, wie ich ihn lange nicht in deutschen Kunstausstellungen gesehen habe. Und, wie könnte es anders sein – den Vogel schießt dabei wiederum eine Frau ab. Exotischer geht es nicht: Die Pakistanerin Jahrgang 1969 Shahzia Sikander tuscht mit zartester Hand auf getöntem Bütten die zauberhaftesten Farbformgebilde der ganzen Schau. Und nennt das »Candied«. Wenn man das lediglich mit »kandiert« übersetzt, plumpst man in den Irrtum. Nein – hier grüßt ganz surreal menschlich-tierisch-pflanzlich der Abgott aller Ironiker: Candide. Ja, und wenn der alte Voltaire heute noch so wundersam wirkt, muss uns um die unsterbliche Kunst der Zeichnung nicht bange sein.

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