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Die barocke Kassettendecke im Festsaal von Schloss Moritzburg in Zeitz, zeitweise »Landarmenanstalt« für »Gemütskranke und zu Korrigierende«. Arbeit unter Engelsaufsicht: Zynismus oder Trost?
Foto: Thomas Steinert, aus dem besprochenen Band
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Sein Gram, schreibt er, sei groß, damit könne er jede Gegend ruinieren. Ernst Ortlepp, 1800 in Droyßig bei Zeitz geboren, ist ein Vormärzdichter, kein Großer, aber ein intensiv Fühlender, einer, der berauscht durchs Leben geht, unzählige Verse schreibt und im »Naumburger Kreisblatt« veröffentlicht. Rund um Pforta ein provinzialischer Zergröler des Gottesdienstes, der in »Korrektionsanstalten« landet und, wieder in Freiheit, mit Blumensträußen, um sich selber zu erfreuen, durchs Saaletal zieht. Er will irgendwann kein Zuhause mehr, ein Verstoßener, Geächteter, aber er findet seinen Einfluss, seine Strahlkraft im jungen Nietzsche: Ortlepp, der Kauz, der Bohemien, der ungebärdig Verrückte, gleichsam als Urbild des grenzverletzenden Träumers, der sich den Bindungspflichten der Zeit um den hohen Preis der Einsamkeit entwindet. »Die ganz sich nur der Gegenwart ergaben,/ Die wird auch ganz die Gegenwart begraben.« Dem landläufigen Menschenwesen ins Stammbuch geschrieben.
Der Fotograf Thomas Steinert hat die Gegend um Pforta durchstreift, Auen und Wirtshäuser, Kirchen und Kleinstadtgassen und Wege bis hinüber nach Weimar oder hinunter nach Stuttgart – Ortlepps Wege, Erinnerungen an einen Skurrilen, an einen ins Unbekannte abgewanderten Besonderen. »Dionysos war hier«: Dichte, stimmungsvolle Porträts von Landschaften, aus denen plötzlich etwas heraufruft, was nicht mehr existiert. Steinert fotografierte, als sei das Schöne die einzige Rechtfertigungs-Chance der Welt. Es ist die einzige Chance. Dieser Fotograf hat kein Bedürfnis nach Verhältnismäßigkeit. Und es herrscht eine berückende Entspanntheit in den Fotos – die sich allerdings von dem, was sie zeigen, nicht in dem irritieren lassen, was sie erzählen wollen. Etwa: ein Kastanienbaumblühen vor einer Hausfront – so, als würfe sich Lockenpracht halbdeckend über eine Stirn, hinter der, von Schläfe zu Schläfe, wilde Pferde des Geistes jagen. Oder leere Kaffeegartentische und -stühle auf einem dünnen Laubteppich: Tschechow trifft auf Schnitzler, und das an der Pleiße – Steinert taucht uns den Kopf in den Schaum der Einbildung. Oder: Ein Krüppelbaum des Saaletals vorn im Bild und die Ruine der Rudelsburg hinten, zwei Findlinge eines Gegensatzes: Leben und Stein, Natur und Kultur.
Du schaust auf die Fotos, Assoziationen reißen sich los. Alles ist im Grunde lieblich, sehr lieblich, doch wird keine Existenzermäßigung ausgesprochen. Alles Blühen weiß mit der Tragik dessen zu spielen, was dem Menschen blüht, will er unter Menschen er selber bleiben. Das macht die Natur auf den Fotos so überlegen. Als sei Philosophie nicht Blutpochen des überforderten Menschen, sondern der souverän fließende Saft in den Gräsern.
Die Fotos stehen jeweils auf einer rechten Buchseite, links summieren sich, zahlengespickt, die Lebensstationen des Ernst Ortlepp. Dazu Zeugnisse – von Nietzsche, von Fallersleben, Amtliches. Vor allem aber Auszüge aus dem poetischen Werk Ortlepps. Das Ganze leider ungeschickt im Satz, störend uneinheitlich in Zeichensetzungen und ärgerlich fehlerhaft in Orthografie und Grammatik. Es ist Steinerts Fotos zu danken, dass der Unmut darüber weggesogen wird. Die Fotos müssen diese Arbeit zusätzlich tun, und sie tun es leichten Sinns: leichten Lichts und leichter Schatten.
Wenn man weiß, dass Thomas Steinert, 1949 bei Chemnitz geboren, als fotografischer Künstler in der DDR quasi verurteilt worden war zu Nicht-Öffentlichkeit und also zur »brüchigen Werkbiografie« (Christian Eger im Vorwort), dann weiß man, wie sehr die Spurensuche (das Buch wird zunehmend zum Nietzsche-Buch) eine Selbstvergewisserung ist. Fotografieren wie dichten. Dichters Hauptaufgabe: schreiben müssen und dann warten können. Die Endlichkeit und vielleicht Vergeblichkeit aller Mühen herausfordern. Es gibt ein Ortlepp-Buch, also gibt es Ortlepp. Ein schönes Porträt lustvoller wie leidender Ungebundenheit.
Th. Steinert: Dionysos war hier – Fotoessay über Leben und Werk des Dichters Ernst Ortlepp. Verlag Pro Leipzig. 88 S., geb., 17 Euro.
Der Thomas Steinert ist in der DDR quasi verurteilt worden und dern Hans-Dieter Schütt konnten sie damals noch nichts nachweisen. Wegen übler Nachrede und so?
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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