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Von Andreas Fritsche
30.03.2011
Brandenburg

Schwester Agnes soll noch mehr tun

Versuchsweise entwickeln Kassenärztliche Vereinigung, AOK und Barmer GEK das Modell weiter

Hertha Kress erlitt mehrere Schlaganfälle. Nach dem letzten schweren Schlaganfall konnte die 87-Jährige nicht mehr sprechen und nicht mehr laufen. Inzwischen kann sie das erzählen. Es geht ihr schon wieder besser. Alle zwei Wochen schaut Schwester Sabine Kruc nach der alten Dame. Sie macht für Hertha Kress auch Termine mit der Physiotherapeutin. Sabine Kruc arbeitet in Kyritz für die Ärztin Edda Rinno. Ohne diese Hilfe wäre der Arbeitsalltag gar nicht mehr zu bewältigen, sagt die Allgemeinmedizinerin.

Bisher helfen die sogenannten Praxisassistentinnen in Gegenden Deutschlands, in denen es viel zu wenige Ärzte gibt, die deswegen überlastet sind. Die Assistentinnen machen bei alten und chronisch kranken Menschen Hausbesuche, nehmen Blut ab oder geben Spritzen. Vorbild sind die aus der DDR bekannten Gemeindeschwestern. 1975 drehte Regisseur Otto Holub den wundervollen DEFA-Fernsehfilm »Schwester Agnes« mit der Schauspielerin Agnes Krauß in der Titelrolle. Als vor einigen Jahren versucht wurde, die Gemeindeschwestern wieder einzuführen, lag es nahe, die Frauen Schwester Agnes zu nennen. So kommt es, dass die gelernte Kinderkrankenschwester Sabine Kruc eine Schwester Agnes geworden ist. Doch damit nicht genug: Seit Januar ist sie auch eine Agnes zwei.

Die Kassenärztliche Vereinigung Brandenburg (KVBB) erprobt im Modellversuch, wie den Ärzten noch mehr Arbeit abgenommen werden kann, damit sich die Mediziner auf Diagnose und Behandlung konzentrieren können. Mit im Boot sitzen dabei die beiden größten Krankenkassen AOK und Barmer GEK. Der Modellversuch mit insgesamt fünf Agnes-Kräften läuft bereits in der Kyritzer Praxis von Dr. Rinno, in der Fürstenwalder Facharztpraxis des Gynäkologen und Onkologen Dr. Georg Heinrich und im Medizinischen Zentrum Lübbenau. Cottbus und Schwedt sollen noch hinzu kommen. Die Beteiligung von Bad Belzig scheitert vorerst daran, dass die dort vorgesehene Schwester schwanger geworden ist.

Angestrebt wird eine Helferin, die nicht nur für Hausärzte und nicht nur in Gegenden mit geringer Arztdichte auf den Plan tritt. »Wir benötigen Schwester Agnes überall«, findet Frank Michalak, Vorstandsvorsitzender der AOK Nordost. Außerdem sollen die Schwestern mehr Aufgaben übernehmen, als dies bislang der Fall war. So sollen sie beispielsweise Einweisungen ins Krankenhaus vorbereiten und sich bei Entlassungen aus der Klinik darum kümmern, dass die Patienten die notwendigen Medikamente zur Hand haben.

Evelyn Mende tut dies jetzt schon in den Diensten von Dr. Heinrich. Die Medizinisch-Technische Assistentin betreut vornehmlich junge Mütter, die an Brustkrebs erkrankten. Dabei beantragt die 39-Jährige Kuren, beschafft Schwerbehindertenausweise und bemüht sich, auch etwas für die Kinder zu tun. Die Patientinnen haben in der Regel die Chemotherapie hinter sich und warten auf die Operation. »Sie sind durch die Krankheit psychisch sehr belastet und froh, einen Ansprechpartner zu haben«, erzählt Mende.

Sabine Kruc kümmert sich derweil auch um die Qualifizierung der Kolleginnen. Wer Agnes zwei werden möchte, muss mindestens Arzthelferin sein und drei Jahre Berufserfahrung haben. Wie lange die Weiterbildung dauert, hänge davon ab, wie groß das Vorwissen sei, sagt Kruc. Eine Arzthelferin sei da gegenüber einer Krankenschwester im Nachteil. Aber auch sie werde nach sechs Monaten ihr Zertifikat haben.

Bei Agnes eins gab es Schwierigkeiten mit der Finanzierung. Bei einer Vergütung mit höchstens 17 Euro je Hausbesuch lohnten sich lange Anfahrten nicht. So sei es gekommen, dass sich die Schwestern bevorzugt in Altenheime begaben, wo immer gleich mehrere Patienten zu finden sind, weiß AOK-Vorstand Michalak zu berichten. Er glaubt, der Lösung des Problems zumindest auf der Spur zu sein. Es werden jetzt zum Beispiel alle Leistungen einzeln abgerechnet oder Pauschalen für ein komplettes Quartal gezahlt. Nach einer gewissen Zeit soll sich herausstellen, welche Art der Vergütung für welchen Fall die beste ist.

Ob nun Agnes zwei ein ganzes Jahr oder bloß eines halbes Jahr lang getestet wird, das bleibt offen. Sicher ist für die Kassenärztliche Vereinigung nur, dass sie sich nicht allzu viel Zeit lassen darf. Es gebe großes Interesse, verrät der KVBB-Vorstandsvorsitzende Hans-Joachim Helming.

Man möchte die Politik überzeugen, Agnes zwei flächendeckend einzuführen, erklärt Hermann Schmitt, Landesgeschäftsführer bei der Barmer GEK. Gebraucht werde die Praxisassistentin mit den erweiterten Kompetenzen auch im Schwarzwald, in der Eifel und im Sauerland. Medizinisch unterversorgte Regionen werde es in wenigen Jahren auch anderswo geben. Das sei dann kein ostdeutsches Phänomen mehr. Agnes zwei sei eine Lösung für die Zukunft.

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