Von Hilmar König
01.04.2011

Fruchtbare »Kricket-Diplomatie«

Ein Großereignis im Sport brachte Indiens und Pakistans Premiers an einen Tisch

Die Hoffnungen wurden nicht enttäuscht: Die fieberhaft erwartete Halbfinalbegegnung im Kricket-Weltcup zwischen Indien und Pakistan am Mittwoch brachte auch spürbar Pluspunkte im Verhältnis zwischen beiden Nachbarstaaten.

Pakistans Premier Raza Jusuf Gilani folgte der Einladung seines indischen Amtsbruders Manmohan Singh und saß im punjabischen Mohali in der Ehrenloge.

Auf dem Speilfeld besiegte das indische Team seinen Kontrahenten mit 260:231 Runs und steht im Finale des Weltcups. Die laut dem gerade veröffentlichten ersten provisorischen Resultat der Volkszählung 1,21 Milliarden Inder waren begeistert. Und die Politiker und nahezu alle Medien sind sich einig im Urteil: Die »Kricket-Diplomatie« hat sich beruhigend und entspannend auf das traditionell gereizte Verhältnis zwischen beiden Nachbarn ausgewirkt, die bereits dreimal gegeneinander Krieg führten und sich, nuklear bewaffnet, gegenseitig belauern. Seit dem Terrorschlag vom November 2008 in Mumbai, dem mehr als 160 Menschen zum Opfer fielen, tun sie sich schwer, den Friedensdialog wieder aufzunehmen.

Vor diesem Hintergrund gab es in Mohali auf diplomatischem Parkett zwei Gewinner. Premier Manmohan Singh, der in einem Dorf geboren wurde, das heute in Pakistan liegt, sah in dem Kricketmatch eine günstige Gelegenheit, auch ein politisches Zeichen zu setzen, und hatte deshalb Premier Raza Jusuf Gilani zu dem Spiel eingeladen. Beide hatten acht Stunden lang – mehr als bei einem offiziellen Staatsbesuch – ununterbrochen Zeit, Seite an Seite erst dem Match beizuwohnen, dann beim Dinner und bei anschließenden Gesprächen an einem Tisch zu sitzen. Und offensichtlich wurde diese Chance gut genutzt.

Indiens Premier schätzte den Besuch so ein: »Was auch immer unsere Differenzen sind, unsere beiden Länder müssen einen Weg finden, sie auszuräumen. Herr Gilani und ich hatten extensive Diskussionen zu allen offenen Fragen. Wir haben bekräftigt, dass es Schwierigkeiten gibt, aber wir ehrliche Anstrengungen unternehmen werden, diese Schwierigkeiten zu überwinden.« Nirupama Rao, die Staatssekretärin im indischen Außenministerium, ergänzte vor Journalisten, es gehe »um Frieden, um Wunden zu heilen, um Aussöhnung«. Die Begegnung habe das Verständnis füreinander gefördert, sie übe eine wohltuende Wirkung auf das zwischenstaatliche Verhältnis aus, insbesondere auf die Kontakte von Mensch zu Mensch. Frau Rao fügte hinzu, wenn man eine wirkliche Normalisierung der Beziehungen haben wolle, müsse eine von Terrorismus freie Atmosphäre geschaffen werden.

Premier Gilani nahm ebenfalls angenehme Eindrücke mit zurück nach Islamabad. Er formulierte sie so: »Wir fühlen uns beide dem Frieden und der Prosperität in der Region verpflichtet und wollen das Umfeld so verbessern, dass wir den Menschen dienen können.« Die Gespräche seien gut verlaufen und man habe alle Kernfragen angesprochen. Schon vor seiner Abreise hatte man in Islamabad zu hohe Erwartungen gedämpft und betont, der Regierungschef reise zum Kricketspiel nach Mohali und nicht, »um die Kaschmirfrage zu debattieren«.

Nägel mit Köpfen hatten ein paar Stunden zuvor die Staatssekretäre der Innenministerien bei Verhandlungen in Delhi gemacht. Ihr Treffen folgte der Vereinbarung vom Februar in Thimpu, der Hauptstadt Bhutans, den Dialog Schritt für Schritt wieder aufzunehmen. Im April treffen sich die beiden Staatssekretäre für Handel in Islamabad, danach die Verteidigungssekretäre und wohl im Sommer die Außenminister.

Bei den »extrem positiven« Verhandlungen in Delhi wurde vereinbart, eine Hotline zu installieren, um Informationen zu möglichen bevorstehenden »terroristischen Bedrohungen« sofort auszutauschen. Das Visasystem soll bürgerfreundlicher gestaltet werden. Mit Menschen, die unbeabsichtigt die Grenze überschritten haben, will man humaner umgehen und einen Zeitrahmen für die Freilassung inhaftierter Fischer festlegen. Man beschloss, die Kooperation im Kampf gegen Terrorismus, gegen Drogen- und Menschenhandel sowie gegen Falschgeldproduktion zu verstärken.

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