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Von Irmtraud Gutschke
05.04.2011

Das rettend Höhere, Tiefere

Das Buch »Zorn und Zuwendung« – Hans-Dieter Schütt mit Friedrich Schorlemmer im Gespräch

Das »und« im Titel deutet auf Gleichwertigkeit hin. Zorn und Zuwendung gehören beide zum Leben. Von ersterem gibt’s freilich übergenug, wohingegen an letzterem – auch das ein Zusammenhang? – immer wieder Mangel herrscht. Zorn, der im Katechismus der katholischen Kirche übrigens als eines der sieben Hauptlaster gilt, will erklärt sein. Wir nennen ihn blind oder gerecht, zerstörerisch oder heilsam. Es ist etwas, das heraus muss, weil es den Menschen sonst vielleicht zerreißt. Zorn – ein Versuch, sich von Ohnmachtsgefühlen zu befreien. Auf Kränkung folgt Wut, auf Gewalt Vergeltung, langwährende Ungerechtigkeit weckt Empörung. Das Wort Zuwendung indes bedarf keiner Attribute.

Es sei »vielleicht so etwas wie ein Essay zu zweit« sagt Hans-Dieter Schütt einleitend über sein Buch. Die Lebendigkeit, die in den Gesprächen der beiden war, ist in eine konzentrierte – künstlerische – Form gebracht, die sich beim Lesen dann wieder zur Lebendigkeit entfaltet, auf neue, anders subjektive Weise. Es gibt Interviews, die dem Leser nur einen abgesteckten Weg offen lassen, auf dem er bloß Ja oder Nein zu den Äußerungen sagen kann. Dieses – das durfte man von Hans-Dieter Schütt erwarten – gewährt und verlangt viel mehr. Im günstigsten Fall wird man wie in einen Spiegel blicken, und es ist überhaupt nicht ausgemacht, welches Bild da zurückgeworfen wird.

Lebenserkundung. Dazu braucht es auch Kraft. Für die Lektüre sollte man nicht allzu müde sein, sonst rauscht es vorüber, und man bringt sich um den Genuss.

Die Bibliografie Friedrich Schorlemmers im Anhang (nur eine Auswahl) zählt 28 Bücher, auch ein Interviewbuch mit Hans-Dieter Schütt aus dem Karl Dietz Verlag hat es schon gegeben – wer all das gelesen haben sollte, wird nicht umhin können, Bekanntes wiederzufinden. Aber es sei auch Neues versprochen. Ein Weitergehen. Zwei, die jeder auf seine Weise in geistiger Bewegung waren und sind, säen hier etwas, das nicht nur im einzelnen Leser aufgehen kann, sondern auch in ihnen selbst, die sie sich allein schon darüber freuen können, wie sie zusammenkamen.

Denn einst waren sie einander fern. Wenn sie zu DDR-Zeiten voneinander sprachen, der Chefredakteur der »Jungen Welt« und der Bürgerrechtler, dann im Zorn. Die Zuwendung jetzt beruht auf Gegenseitigkeit. Verstehen wollen, wie man war, wie man geworden, besser, immer noch im Werden ist. Die Beobachtung dieses Vorgangs wird umso spannender, desto mehr man sich als Leser aus der Rolle des Zuhörenden herausgedrängt fühlt, sich also einmischen möchte mit eigenen Erinnerungen, die indes etwas Persönliches sind und zum Streit nicht taugen.

So fühlte ich mich plötzlich an das kleine Mädchen mit den weißen Kniestrümpfen erinnert, ich weiß den Namen nicht mehr, das von uns allen in der ersten Klasse scheel angeschaut wurde, weil es nicht Pionier werden wollte, und das auf die spöttische Frage der Lehrerin, wieso man denn an einen lieben Gott im Himmel glauben könne (Vorstellung: alter Mann mit weißem Bart), nicht recht zu antworten wusste. Mir kam der Philosophieprofessor aus Jena in den Sinn, ein charismatischer Mann, der aus der BRD in die DDR gekommen war und dem wir in Aufsätzen zu begründen hatten, warum Religion Opium fürs Volk sei, warum Glauben passiv mache u.ä.

Ich kann mir gut vorstellen, wie sich die Kinder der Pfarrersfamilie Schorlemmer fühlten, denen früh schon klargemacht wurde, dass sie nicht »dazugehörten«. Vielleicht gab es für sie dann nur einen Weg, um nicht zu zerbrechen: »Besondere« zu werden.

Da höre ich Friedrich Schorlemmer widersprechen: Ein »Besonderer« das sei doch jeder Mensch. Das müsse er nur für sich begreifen, dass er ein Ich, ein Besonderer, ist, ein Gezeichneter, einer, der auch irren kann, der aber in Gnade allein schon dadurch lebt, dass er auf dieser Welt ist. Und der sich immer wieder in Dankbarkeit daran erinnern möge – beim Anblick einer Frühlingsblume oder wenn die Vögel singen. Das habe ich jetzt nicht so gut gesagt wie er, aber ich habe es unterlassen nachzuschlagen, wollte sehen, ob ich es mit eigenen Worten hinbekomme und es also verinnerlicht habe. Glaube mache unfrei, hat uns jener feurige Philosophieprofessor einst gepredigt. Ich vermute heute, dass es wahrscheinlich die Erfahrung eigener Kindheitsbedrängnisse gewesen ist, die er uns als Glaubenssatz offerierte.

Wahr aber ist, dass Menschen ein Grundvertrauen brauchen. »Nenn's Glück! Herz! Liebe! Gott! Ich hab keinen Namen dafür«, sagt Goethes Faust auf die »Gretchenfrage«, die zu erörtern er in diesem Moment freilich nicht viel Interesse hat. Aber wenigstens hat er das liebe Gretchen nicht mit dogmatischen Beteuerungen verführt. Missbrauch der Religion, darüber weiß unsereins leicht Auskunft zu geben. Schwerer ist's zu erklären, was Religion überhaupt sei. Es wird Leser geben, denen die politischen Erörterungen über die DDR und ihr Ende im Buch am anregendsten sind. Ich finde es spannend, wie hier, in der ND-Buchreihe, über Religion so gesprochen wird, dass ich etwas hinzulerne und bekräftigt werde. Wusste ich nicht schon immer, dass es – in mir – etwas rettend Höheres, Tieferes geben könnte, etwas, das mich hält? Die Liedzeile »Es rettet uns kein höh'res Wesen« ist deshalb trotzdem nicht falsch. Es ist der Ruf, aus der Ohnmacht herauszutreten. Allein in diesem Moment: Wie vielen Menschen bleibt nichts anderes, als auf Rettung »von oben« zu hoffen – und zu ahnen, dass es womöglich vergeblich ist.

Wobei es schon Folgen hat, wenn man, wie Schorlemmer, als kleines Kind die Mündung eines sowjetischen Maschinengewehrs an der Schläfe hatte und überlebte (weil er aufhörte zu schreien) oder von einem 20 Meter hohen Kirchturm stürzte und mit einer leichten Gehirnerschütterung davonkam. Weht einen dann vielleicht doch der Gedanke an, man sei gerettet worden um einer Berufung willen?

Wer Friedrich Schorlemmer reden hört und seine Bücher liest, der sieht: Das kommt von tief innen heraus. Grundvertrauen trifft auf Grundbegeisterung und Ausdruckskraft. Zustimmung oder Ablehnung – sie müssen nach draußen. Nach dem Luther-Motto »Hier stehe ich« kann er gar nicht anders, als das zu vertreten, was er für richtig hält.

So war es mit seiner Aktion »Schwerter zu Pflugscharen«, so ist es heute, wenn es um soziale Nöte in einer »gnadenlos uninteressierten Gesellschaft von gemütserkalteten Zöglingen des Wohlstands« geht. Das könnte jetzt wie Zorn klingen, aber es ist auch lustvoll zugespitzte Formulierung. Dazu haben beide Gesprächspartner ein Talent: an einem Umgang mit Sprache, die mitunter gar nicht lange poliert zu werden braucht, sie glitzert von vornherein.

Immer wieder Sätze, die sich zu Grundsätzen formen. Gewissheit – und Zweifel. Denn wer andere überzeugen will – Walter Jens nennt Schorlemmer einen »Anwalt der Aufklärung« – der muss auch in eigene Abgründe blicken. Wer auf die Kanzel steigt, darf sich doch nicht überheben. Von des Pfarrers ausgeprägter Fähigkeit zur Selbstreflexion profitiert der Leser. Mit großer Offenheit spricht Friedrich Schorlemmer von sich, seinen Erlebnissen und Einsichten, sodass wir in Gedanken auch offen von uns selber reden können.

Hans-Dieter Schütt: Friedrich Schorlemmer. Zorn und Zuwendung. Neues Deutschland/ Das Neue Berlin. 240 S., 16,95 €. Bestellungen auch über ND-Bücherservice (030) 2978 1777.

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