Für Deutschland erwarten die Ökonomen des IWF ein Wachstum des realen Bruttoinlandsproduktes (BIP) von 2,5 Prozent in diesem und von 2,1 Prozent im kommenden Jahr. Damit liegt der Exporteuropameister auch beim Wachstum an der Spitze im Euro-Raum. Auch für Osteuropa stehen die Zeichen auf schwungvolles Wachstum. Besonders im größten Land Europas: Das BIP-Wachstum für Russland korrigierte der IWF für dieses Jahr nach oben – auf 4,8 Prozent. Schon 2010 war das Bruttoinlandsprodukt des Rohstofflieferanten um vier Prozent gestiegen.
Dagegen fallen die Krisenländer in Europa deutlich ab. Spanien (+0,8%) und Irland (+0,5%) werden in etwa dieselbe Menge an Waren und Dienstleistungen herstellen wie im Vorjahr. Die Volkswirtschaften Portugals (-1,5%) und Griechenlands (-3,0%) könnten sogar schrumpfen.
Die Weltwirtschaft werde in diesem Jahr um 4,4 Prozent und im kommenden Jahr um 4,5 Prozent zulegen, prognostiziert der Fonds. Für den Welthandel wird sogar ein Plus von 9,0 Prozent erwartet. Doch auch hier gibt es eine »Erholung der zwei Geschwindigkeiten«, so der Titel des Weltwirtschaftsausblickes des IWF. Während die Industrieländer des Nordens »nur« um 2,4 Prozent zulegen, werden 7,5 Prozent für die Schwellenländer des Südens vorhergesagt.
Nicht so in Libyen. Dessen Wirtschaft war im vergangenen Jahr für Nordafrika noch überdurchschnittlich um 4,5 Prozent gewachsen. Für dieses Jahr gibt der IWF keine Prognose ab. Der Aufruhr dürfte wie in Tunesien und Ägypten zwei, drei Wachstumspunkte kosten.
Anders als viele Institute, Banken und internationale Organisationen in diesem Frühjahr hat der IWF seine Vorhersagen insgesamt nicht nach oben korrigiert und warnt vor Risiken. Die japanische Tragödie gilt auch ökonomisch als unkalkulierbar. Noch andere Großrisiken drohen, wie die Unruhen in Arabien und Nordafrika mit dem Krieg in Libyen. Es geht mal wieder ums Öl. Der IWF betrachtet einen längerfristigen Anstieg des Ölpreises als größtes Risiko. Allerdings hofft der IWF, »dass die gestiegenen Rohstoffpreise die Erholung nicht aus dem Gleis werfen«.
Als drittes Großrisiko gilt die Staatschuldenkrise im Euroraum. Auch weiß niemand, ob in den kommenden Wochen, Monaten, Jahren nicht noch weitere unvorhergesehene Ereignisse dieser Art passieren.
Zudem schwelen altbekannte Brandherde weiter, wie Chinas riesige Devisenreserven von 3,045 Billionen US-Dollar und die Schuldenkrise der USA. Deren Staatsschuld wird bald auf rund 120 Prozent des BIP wachsen – griechische Dimensionen und weit höher als in Portugal. Und der Riss, der Gewinner von Verlierern trennt, klafft immer weiter auseinander. Auch dies zeigt der neue Weltwirtschaftsausblick des IWF. Die EU polarisiert sich, statt zusammen zu wachsen. Und die Internationalisierung des großen Kapitals aus den USA, der EU und Japan geht einher mit der Verlagerung der Wachstumspole in die ehemalige Peripherie, nach China und Indonesien, Brasilien und Südafrika. In diesen und um diese Schwellenländer herum herrscht oft bittere Armut.
Angesichts der unsicheren Lage warnt der IWF die entwickelten Volkswirtschaften davor, zu früh die Notbremse zu lockern. Ohne die Europäische Zentralbank (EZB) beim Namen zu nennen, ist dies eine Schelte der EZB, die als erste der großen Notenbanken am Donnerstag ihren Leitzins heraufsetzte. Leitzinserhöhungen könnten den zarten wirtschaftlichen Frühling austrocknen, bevor der Sommer kommt.
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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