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Von Katja Herzberg 21.04.2011 / Inland

Wissenschaftler für den Atomausstieg

Professoren und Dozenten übergaben Memorandum an Politik und Ethikkommission

1205 Wissenschaftler aus ganz Deutschland fordern den schnellstmöglichen Ausstieg aus der Atomenergie. Gestern überreichten sie den politisch Verantwortlichen ihre Unterschriften.

Seit Jahrzehnten fordern Wissenschaftler das Ende der Atomenergie. Doch erst jetzt, nach dem zweiten GAU in Japan, finden kritische Wissenschaftler Gehör in der breiten Öffentlichkeit. Um noch mehr Aufmerksamkeit für ihre Expertise und Erfahrung zu bekommen und den Atomausstieg voranzutreiben, überreichten die Autoren des Memorandums »Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beziehen Stellung zur Kernenergie« gestern ihre Unterschriftensammlung beim Kanzleramt und versendeten sie an die Bundesminister und die Bundestagsabgeordneten. Darin warnen sie, dass die Menschen die Atomtechnologie nicht vollständig beherrschen können. Deshalb müsse Deutschland »schnellstmöglich« aus der Atomenergie aussteigen. Davon würde auch die deutsche Wirtschaft als Vorreiter für Erneuerbaren Energien profitieren.

Wolf Schluchter, Professor für sozialwissenschaftliche Umweltfragen an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus (BTU), ist einer der 15 Erstunterzeichner des Memorandums. Zwei Wochen lang waren Wissenschaftler aller Disziplinen in Deutschland aufgerufen, den Appell im Internet zu unterzeichnen. »Es war ein Selbstläufer«, sagte Schluchter am Mittwoch bei einer Pressekonferenz in Berlin. Denn insgesamt unterstützen 1205 Wissenschaftler die Forderung nach einem baldigen Atomausstieg. Davon sind 872 Professoren. »Wir können diese Frage nicht mehr nur den Energiekonzernen und der Regierung überlassen«, erklärte Schluchter seine Motivation.

Der Energieexperte Lutz Mez vom Otto-Suhr-Institut an der Freien Universität Berlin kritisierte die Laufzeitverlängerung für die Atomkraftwerke aus dem vergangenen Herbst. »Es ist besonders ärgerlich, dass in der Politik offenbar mehr auf betriebswirtschaftliche Forderungen gehört wird als auf volkswirtschaftliche Erkenntnisse«, argumentierte Mez. Denn bei Einbeziehung insbesondere der staatlichen Subventionen sei die Atomkraft mit Abstand der teuerste Energieträger, wie jüngst eine Studie des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft ergab. Auch der anwesende Wirtschaftskriminologe Hans See äußerte seine Bedenken gegenüber der Atomtechnologie: »Das ist im Grunde unbezahlbar.« Er kritisierte auch die zunehmende Abhängigkeit der Wissenschaft von der Politik und der Wirtschaft.

Für Eike Albrecht, Umweltrechtler an der BTU Cottbus, stellte den politischen Charakter der Frage nach dem Atomausstieg ins Zentrum. Für ihn sei nicht nachvollziehbar, warum die Bundesregierung vom Atomkompromiss wieder abgerückt ist. »Es ist kein Zustand, dass wir den nachfolgenden Generationen einen Berg an ungelösten Problemen hinterlassen«, äußerte Albrecht seine Bedenken.

Mit ihrem Memorandum wollen die Wissenschaftler vor allem gehört werden. »Wir sind die Wächter des Gemeinwohls«, sagte Mez. Im Gegensatz zu ihren Kollegen in der Ethikkommission seien sie nicht berufen. Dennoch wollen sich die Professoren beteiligen und Einfluss auf die kommenden Entscheidungen der Bundesregierung nehmen – eben nicht in einer »Alibi-Kommission«, so Schluchter. »Im Zweifelsfall«, ergänzte er, »werden wir wieder ein Memorandum verfassen«.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

  • Deutscher Ausstieg aus der Atomkraft

    Nach Laufzeitverlängerung vom Herbst 2010, zeitweiligem Moratorium nach der Havarie von Fukushima in Japan nun die dritte Wende in Sachen Atompolitik der Bundesregierung - der erklärte Ausstieg bis 2022. Ist der Beschluss nachhaltig? Wohin kommen künftig die Atom-Abfälle?

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