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Von Wilfried Neiße
21.04.2011
Brandenburg

Eine bildungspolitische Zeitenwende

Die 47 speziellen Förderschulen für lernbehinderte Kinder sollen abgeschafft werden

Das von Reformen immer wieder geschüttelte brandenburgische Bildungswesen steht erneut vor einer einschneidenden Wende. Am Ende soll es keine der jetzt noch 47 Förderschulen für lernbehinderte Kinder mehr geben, weil alle Kinder in eine gemeinsame Schule gehen.

Bildungsministerin Martina Münch (SPD) ist sich bewusst, dass sie bei diesem Vorhaben sehr dicke Bretter bohren muss. Mit dem Plan leite Brandenburg die »Abkehr von einer bildungspolitischen Tradition« ein, sagte sie gestern. Die in Deutschland vorherrschende Normierung und die Beschulung in homogenen Gruppen habe sich überlebt. Die von ihr angestrebte Inklusionsschule setze einen »Mentalitätswechsel« bei Lehrern und Eltern voraus.

»Andere Länder sind schon viel weiter«, sagte sie und verwies auf Nationen wie Italien, Schweden und Norwegen, wo annähernd alle Kinder in gemeinsamen Klassen unterrichtet werden. Dort gebe es kein Verständnis für die Aussondierungspolitik in Deutschland, die behinderte Kinder zwinge, in »Schonräumen« aufzuwachsen. Wenn Brandenburg den neuen Weg jetzt auch beschreite, dann erfülle es die UN-Behindertenrechtskonvention. Die BRD habe mit der Ratifizierung das Recht behinderter Menschen auf gleichberechtigten Zugang zu Bildung anerkannt. Das bedeute, dass alle Schüler unabhängig von ihren Voraussetzungen gemeinsam eine Schule besuchen. 2019 soll dieses Ziel im Wesentlichen erreicht sein.

Wenn im Schuljahr 2013/14 an den Grundschulen damit begonnen wird, dann »werden sie vorbereitet sein«, versprach Münch. Das betreffe die Ausbildung der Lehrer, das Verständnis der Schule von sich selbst und die Ausstattung mit der Möglichkeit des sonderpädagogischen Förderns. Gewonnen werden müsse auch die Akzeptanz der Eltern. In der Schule, die ihr vorschwebe, »bekommt jedes Kind, was es braucht«. Schon heute gebe es eine Reihe von Schulen, die sich auf den Weg zur Inklusion machten.

In den 47 Förderschulen mit dem Förderschwerpunkt Lernen werden jetzt noch Kinder unterrichtet, weil sie schlecht sprechen, Rückstände bei der emotionalen und sozialen Entwicklung haben oder Schwierigkeiten beim Lernen. Betroffen sind bis zu 90 Prozent Kinder aus sozial schwachen Familien. Darum sei der von ihr eingeschlagene Weg auch der Weg der Chancengerechtigkeit, sagte Martina Münch.

»Eine gelingende Inklusion ist ein längerfristiger Prozess«, glaubt Gerrit Große, Bildungsexpertin der Linksfraktion. Erforderlich sei ein »Umdenken in der ganzen Gesellschaft«. »Damit jedes Kind individuell gefördert werden kann, müssen die Rahmenbedingungen stimmen.« Dazu gehören eine gezielte Fortbildung der Lehrer, die Ausbildung von Sonderpädagogen an der Universität Potsdam, Ressourcen für kleine Lerngruppen und räumliche Voraussetzungen, findet Große.

»Auch wir wollen eine gemeinsame Beschulung von Kindern mit und ohne Förderbedarf in Brandenburg«, erklärte die Landtagsabgeordnete Marie Luise von Halem für die Grünen. Hierfür bedürfe es eines klaren Fahrplans und der Sicherheit, dass es keine Abstriche an der Qualität geben wird. »Die alleinige Nennung eines Schließungstermins für die Förderschulen kommt dem nicht nach. Die Kinder müssen die ihnen zustehende Förderung auch erhalten.« Derzeit falle Förderunterricht vielerorts der mangelnden Vertretungsreserve zum Opfer. Das schüre Ängste. Die CDU ist gegen die Abschaffung der Förderschulen. »Immer wieder tut die Bildungsministerin so, als ob die UN-Konvention den Bundesländern die Abschaffung von Förderschulen vorschreibe«, beschwerte sich der Abgeordnete Gordon Hoffmann. »Das ist schlicht falsch und einzig ihre persönliche Auslegung«, behauptete er.

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