Von Karlen Vesper
23.04.2011

Vereinigung

KALENDERBLATT

Man könnte meinen, es sei nunmehr alles gesagt und genug geschrieben über die Vereinigung von KPD und SPD am 21./22. April 1946. Dem ist nicht so, meint der Historiker und Zeitzeuge Norbert Podewin, der bereits mehrfach zum Thema publizierte. Noch seien nicht alle bis zum Mauerfall gesperrten Akten gesichtet und ausgewertet. Und noch sind zu wenige lokale Darstellungen zu einem Stadtbezirk erschienen. Er selbst legte solche zu den Berliner Stadtbezirken Lichtenberg und Friedrichshain vor. Friedrichshain weist eine Besonderheit auf: »Es war der einzige SPD-Bezirk Berlins, der in einer Gesamtmitgliederversammlung über das Für und Wider der Vereinigung entscheiden konnte und das auch tat«, informiert der Friedrichshainer.

Der 1945 flächenmäßig kleinste Stadtbezirk, der in den letzten Kriegstagen zu den am härtesten umkämpften Stadtvierteln gehörte, ein exponierter Industriestandort und für sowjetische Demonteure von großem Interesse, war seit je Hochburg der »Roten«. Hier erwachte das neue Deutschland früher als andernorts. Noch vor der Zulassung der beiden Arbeiterparteien durch die Besatzungsmacht waren Kommunisten und Sozialdemokraten gemeinsam aktiv bei der Re- und Neuorganisierung des Alltags. Am 20. Juli 1945 vereinbarten Funktionäre beider Parteien ein enges Zusammenwirken. In Friedrichshain waren Bruderkämpfe in den 20er/30er Jahre eher Ausnahme geblieben. Die bitteren Erfahrungen faschistischer Diktatur, die Friedrichshainer Kommunisten und Sozialdemokraten persönlich machen mussten, sowie die gemeinsamen Aktionen zur Überwindung der Nachkriegskatastrophen wogen schwer genug, um keine grellen Dissonanzen aufkommen zu lassen, weiß Podewin. Zweifellos gab es Differenzen. Und Misstrauen gegenüber der »Russenpartei«, die teils selbst Probleme mit den »Russen« hatte. Nichtsdestotrotz gaben am 21. Februar 1946 KPD- und SPD-Miglieder im RAW Revaler Straße ihre Vereinigung bekannt, hoffend auf Vorbildwirkung. Die am 27. März im Friedrichstadt-Palast stattfindende SPD-Vollversammlung votierte dann mit 62,3 Prozent für die Einheit.

Podewin legt stets Wert darauf, dass historische Hintergründe und weltpolitische Lage beachtet werden. Desgleichen sei aber auch kritisch der Weg in die Einbahnstraße »Partei neuen Typus« zu analysieren. Die nach wie vor heftig und kontrovers debattierte Frage »Vereinigung oder Vereinnahmung?« beantwortet er mit »sowohl als auch«.

Die Publikationen von Norbert Podewin zur SED-Gründung in Berliner Bezirken erschienen in der Edition Luisenstadt.

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