Von Hans-Gerd Öfinger
12.05.2011

Nicht noch eine Schneise

Thüringer Bürgernitiativen engagieren sich seit Jahren gegen eine neue »Strombrücke« durch ihren Wald

Über den Ausbau des Stromnetzes wird nicht nur gestritten. Neue Leitungen werden längst verlegt – zumeist oberirdisch wie die 380 Kilovolt Hochspannungsleitung »Thüringer Strombrücke«. Gegen die Schneise durch den Thüringer Wald wehren sich die Anwohner.
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Gegen 61 Meter hohe Strommasten von 380-kV-Leitungen demonstrieren die Anwohner.

Getrieben von der Diskussion über den Atomausstieg und die Energiewende, dringen Politiker und Energiekonzerne jetzt mehr denn je auf den Bau gigantischer Hochspannungsfreileitungen. »Ohne neue Leitungen von den Offshore-Windparks in Nord- und Ostsee in den Süden gibt es keine Energiewende« – so oder ähnlich lautet die gebetsmühlenartig vorgetragene Behauptung. Dass betroffene Anwohner dem nicht glauben, zeigt der derzeitige Widerstand im südlichen Thüringen und im angrenzenden nordbayerischen Coburger Land. Gegen die geplanten gigantischen Schneisen ziehen Bürgerinitiativen und Kommunalpolitiker weitgehend an einem Strang. Sichtbarer Ausdruck der Protestbewegung war am Ostermontag ein Sternmarsch in Schalkau (Landkreis Sonneberg) mit über 500 Menschen.

Stein des Anstoßes ist eine vom Netzbetreiber 50 Hertz Transmission im Auftrag der Energiekonzerne Vattenfall und Eon projektierte 380-kV-Leitung von der Ostseeküste über Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Nordbayern bis zum Atomkraftwerk Grafenrheinfeld bei Schweinfurt am Main (Bayern).

Im nördlichen Thüringen ist die »Strombrücke« von Bad Lauchstädt bei Halle (Saale) bis Vieselbach bei Erfurt fertiggestellt. Das Tauziehen um eine Verhinderung des südlichen Abschnitts durch den ökologisch sensiblen Thüringer Wald bis zum oberfränkischen Redwitz ist hingegen in vollem Gange. Hier soll die Trasse weitgehend entlang der im Bau befindlichen ICE-Neubaustrecke verlaufen. Keine Annäherung zwischen Projektbefürwortern und -gegnern gab es bei den Erörterungsterminen, die das Thüringer Landesverwaltungsamt als Genehmigungsbehörde im Planfeststellungsverfahren in den letzten Tagen anberaumt hat. Denn die Erfurter CDU-SPD-Landesregierung und ihr Wirtschaftsminister Matthias Machnig (SPD) sind glühende Verfechter der »Stromautobahn«.

Stromtrasse für Energie aus Kohle

Machnig beruft sich darauf, dass das 2009 von der Großen Koalition im Bund beschlossene Energieleitungsausbaugesetz (EnLAG) »vordringlichen Bedarf« für die Trasse sieht. Er selbst war bis 2009 Staatssekretär im Bundesumweltministerium und gilt als ein Vater dieses Gesetzes. »Hier wurde eine Gesetzeslage ganz im Interesse der Konzerne geschaffen, da diese den Beweis für die Notwendigkeit der geplanten Leitung überhaupt nicht zu erbringen haben«, kritisiert hingegen Anette Martin aus Ebersdorf-Großgarnstadt im Coburger Land. »Die Leitung wird nicht für die Ableitung überschüssiger Windenergie, sondern für konventionellen Strom beziehungsweise den Profit maximierenden Stromhandel benötigt.«

Als eine Sprecherin in der »Interessengemeinschaft Achtung Hochspannung«, einer Art Dachverband von 13 lokalen Initiativen zwischen Erfurt und dem Coburger Land, repräsentiert Anette Martin den südlichen, bayerischen Bereich. Sie weiß, dass der Widerstand in ihrer Heimat chancenlos ist, wenn die Leitung in Thüringen steht. Auch für ihren Ko-Sprecher Siegfried Kriese aus Döllstedt bei Stadtilm ist die Starkstromtrasse »Relikt einer Energiepolitik aus der Vergangenheit«, das vor Jahren konzipiert wurde, um Strom von alten und neuen Vattenfall-Kohlekraftwerken gewinnbringend in den Süden zu transportieren. Dem Konzern sei »der Zustand der Natur völlig egal«, so Kriese. Neben der Thüringer Waldautobahn (A 71/ 73) und der ICE-Strecke »verkraftet das Grüne Herz Deutschlands keine weitere gewaltige Schneise mehr«, warnt Kriese.

Seit Jahren engagieren sich Betroffene in Thüringen und Nordbayern. Als Motor der Bewegung gilt Petra Enders, ehrenamtliche Bürgermeisterin der 2700-Einwohnerstadt Großbreitenbach unweit des berühmten Wanderwegs Rennsteig. Der Ort zwischen Erfurt und der Landesgrenze ist zu einem Zentrum des Widerstands geworden. Hier besprechen die Beteiligten aus den örtlichen Initiativen ihre nächsten Schritte.

»Sie ist ein Energiebündel«, beschreibt Anette Martin den Einsatz von Petra Enders. Seit sie vor sechs Jahren erstmals von den Bauplänen erfuhr, warnt die Bürgermeisterin und direkt gewählte Abgeordnete der Linksfraktion im Thüringer Landtag unermüdlich vor den Folgen. 100 Meter hohe Strommasten und ebenso breite Schneisen zerschnitten den Naturpark und gefährdeten die Existenzgrundlage für Tourismus und Gastronomie. Ebenso warnt Enders vor erhöhtem Krebsrisiko durch Magnetfelder und vor einer Dauer-Lärmbelästigung. Durchtrennte Wälder litten stärker unter Windbruch und Borkenkäferbefall, Gebäude würden unverkäuflich. »Kein Geld der Welt kann den Schaden aufwiegen«, lehnt sie den Vorschlag ab, die Anliegerkommunen mit Ausgleichszahlungen und einer »Energiemaut« zur Finanzierung neuer Biotope zu entschädigen.

Dass Petra Enders für ökologische Fragen sensibel ist, liegt nicht nur an den unübersehbaren Hochspannungsleitungen aus den 90er Jahren. Der Bau des Silberbergtunnels für die ICE-Strecke direkt unter der Stadt verursacht regen Baustellenverkehr zu den Erddeponien und dürfte den Grundwasserspiegel bereits um gut 50 Meter gesenkt haben. Im Keller kann sie die Sprengungen im Berg wahrnehmen. »Solche Eingriffe tun der Natur nicht gut. Irgendwann ist das zu viel«, sagt sie.

Enders, Martin und Kriese sind in ihrer Heimat verwurzelt und haben doch nie dem Klischee von Naturschwärmern entsprochen, die nach dem Sankt-Florians-Prinzip eine heile Landwelt retten wollen. Für sie ist Öffentlichkeitsarbeit ein zentrales Standbein. Vor allem denken sie global und setzen den Argumenten von der angeblichen »Alternativlosigkeit« der Trasse knallharte Fakten entgegen. Darin liegt ihre Stärke.

Modernisierung statt Neubau von Leitungen

Weil Vattenfall keine »Lastflussanalyse« vorlegte, um die Notwendigkeit des Projekts nachzuweisen, gaben 33 Landkreise, Kommunen und Initiativen aus Südthüringen und Oberfranken selbst ein wissenschaftliches Gutachten in Auftrag. Das von den Professoren Lorenz Jarras (Wiesbaden) und Gustav Obermair (Regensburg) 2007 erstellte umfangreiche Werk spricht Klartext. »Der geplante Neubau einer 380-kV-Leitung ist nicht notwendig und wirtschaftlich nicht zumutbar», so die zentrale Erkenntnis: »Weder der massive Eingriff in Natur und Landschaft noch die Kosten für die Stromkunden, die die Leitung bezahlen müssten, sind vertretbar.«

Stattdessen müssten die Kapazitäten des engmaschigen deutschen Stromnetzes optimiert, modernisiert und ertüchtigt werden, fordern Jarass und Obermair, die dafür moderne Technologien wie Hochtemperaturseile und Freileitungsmonitoring nennen. Damit war für die Thüringer und oberfränkischen Aktivisten »eine Erdverkabelung als kleineres Übel kein Thema mehr«, sagt Petra Enders. Mit diesem Ansatz bezweifelt inzwischen auch die niedersächsische Linksfraktion die Notwendigkeit einer geplanten Trasse von Wahle bei Braunschweig nach Mecklar in Nordhessen, während etliche Initiativen noch die vorgegebenen »Sachzwänge« für den Trassenbau akzeptieren und eine Erdverkabelung anstreben.

»Es geht also doch«, reagierte die Bürgermeisterin jüngst auf die Meldung, wonach 50 Hertz Transmission nun in Mecklenburg-Vorpommern Hochtemperaturseile erproben möchte. Weil es in Thüringen noch keine Entscheidung für eine Baugenehmigung für die umstrittene Trasse gebe, seien auch hier höhere Stromübertragungskapazitäten durch die Modernisierung bestehender Leitungen möglich.

»Großprojekte stärken Großkonzerne«, ist Petra Enders überzeugt. Um die Abhängigkeit von den Konzernen zu beenden und die Energiewende dezentral mit voranzutreiben, arbeitet sie auf ein energieautarkes Großbreitenbach hin. Ihr schweben Anlagen für Kraft-Wärme-Kopplung, Photovoltaik und Solarthermie, Blockheizkraftwerke, Biogasanlagen und die Nutzung der Abwärme etwa aus lokaler Industrie, dem Silberbergtunnel und kommunalen Gebäuden vor. Dabei komme es darauf an, die Bürger »zu überzeugen und mitzunehmen«.

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