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Von Anita Wünschmann
17.05.2011

Bildnerische Brachialität

Die Berlinische Galerie ehrt den Maler Reiner Fetting mit einer umfangreichen Werkschau

Baustelle Friedrichstadtpassage, 1993
Baustelle Friedrichstadtpassage, 1993

Reiner Fetting ist ein Berliner, geboren 1949 in Wilhelmshaven. Mit vitaler Bildmacht gibt er von seiner Leidenschaft Kunde, von Künstlerfreunden, Großstadtszenen, dem Existenzwandel der einstigen Mauerstadt. Auf seinen Berlinbildern fehlt selten der Fernsehturm. Man findet die Kräne der neunziger Jahre, als der Potsdamer Platz und die Friedrichstraße zur größten Baustelle Europas avancierten. Die Mauer als beherrschendes Symbol schlängelt sich durch die Bildwelt des Künstlers wie einst durch die Stadt. Dabei lädt Rainer Fetting seine Gemälde mit energetischen Farbflächen auf: Blau-violett, Rot oder so reichlich Orange, dass man sich malerische Exzesse erdenken darf.

Berlin entwickelte in eigener Intensität ästhetische Zerreißproben zwischen Abstraktion und Figuration. Es produzierte nicht nur territoriale Polaritäten, sondern bot Künstlern genug Reibung an wechselnden Kunstverdikten und Stilen. Rainer Fetting gehört zu jenen, die gegen Sechziger-Jahre-Minimalismus und Abstraktion, gegen eine geradezu disziplinierte Schönheit verbunden mit einer quasi ideologischen Unbedingtheit ankämpften und zwar großformatig, grob und figürlich. Er studierte von 1972 bis 1978 bei Hans Jaenisch an der Hochschule der Künste in Berlin.

Noch als Meisterschüler gründete er 1977 gemeinsam mit Anne Jud, Helmut Middendorf, Berthold Schepers, Salomé und Bernd Zimmer die Kreuzberger Galerie am Moritzplatz als »Künstlerselbsthilfeprojekt«. Der Erfolg, der als »junge Wilde« titulierten Künstler zeigte sich in Verkaufspreisen und Ausstellungsbeteiligungen, etwa 1981 an der von Christos M. Joachimides organisierten Werkschau »New Spirit in Painting« an der Royal Academy of Arts in London oder 1982 bei der Schau »Zeitgeist«, die ebenfalls kokuratiert von Christos M. Joachimides im Martin-Gropius-Bau ein bildnerisches Umdenken befestigen sollte. Kaum anderswo als in der einstigen Mauerstadt wurde ein so vitaler Expressionismus zelebriert, der hinsichtlich der energetischen Wucht und bildnerischen Brachialität deutlich über seine Gründungsväter hinausging.

Die Berlinische Galerie ist der geeignete Ort für die seit etlichen Jahren erste große Werkschau des Malers und Bildhauers (erinnert sei an seine Drei-Meter-Bronzeplastik von Willy Brandt im Atrium des SPD-Hauptstadtdomizils) anlässlich seines sechzigsten Geburtstags, der bereits ein Jahr zurückliegt. Die wandfüllenden Gemälde mit vehement markierten Figuren, Orten, Bild gewordenen Rhythmen können sich im White-Cube-Ambiente des Museums fantastisch behaupten.

Man muss das Oeuvre des Malers nicht lieben, entziehen kann man sich seinen leidenschaftlichen Mitteilungen, dem Bilderrausch, wohl kaum. Darüber hinaus geht es – herzlich und plakativ – um Identifikationsfindung und Geschichte. Das Selbst des Künstlers zeigt sich in Posen und Rollen, kostümiert (»Selbst als Gustaf Gründgens«, 1974 oder als »Genosse« mit hoch gekrempeltem Arm am Tresen) nachdenklich, gelegentlich still, meist grell.

Seit 1972 malt er im Westteil der Stadt. Hier rockte man gegen alles Beengende an. Sei es im Club SO 36 mit Freunden, sei es mit Stars wie den Rolling Stones – Fetting malt die Musiker in rasantem Anschnitt (»Rockkonzert«, 1980). Das Bild »Aussicht« von 1982 dagegen ist eine Rückenansicht in Blau. Mit Verlaub! Männerarsch und Melancholie. Es mischen sich Aufbruch und Romantik. Vor allem aber artikuliert sich Sehnsucht.

Die in vier Themengruppen gehängte Schau würdigt vor allem den Berlinbezug Rainer Fettings. Neben der aufregenden Malerei sind Fingerübungen aus den Studentenjahren und sehr schöne Arbeiten auf Papier zu sehen.

Bis 12. September, Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124-128

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