Von Christina Matte
21.05.2011

Norddeutschland, nett

Ärzte, die wie Wiebke Dierks aufs Land gehen, haben die Wahl. Unter anderem wählen sie Lebenskomfort

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Demnächst aus dem Mutterschutz zurück: Allgemeinmedizinerin Wiebke Dierks.

Vor fünfzehn Jahren musste Wiebke Dierks sich entscheiden: Sollte sie Medizin studieren oder nicht? Dagegen sprachen der Ärzteüberschuss in Deutschland und die Warnungen von Freunden, sie würde nie eine Stelle finden, vielleicht Taxi fahren müssen. Dafür sprach: Sie wollte Ärztin werden; der Wunsch war lange in ihr gereift. Den Ausschlag gab eine einfache Überlegung: Auf der ganzen Welt sind die Menschen gleich, zumindest im physischen Sinne. Als Ärztin könnte sie überall, an jedem beliebigen Ort arbeiten. Inzwischen ist nicht mehr vom Überschuss, sondern vom Mangel an Ärzten die Rede, und Wiebke Dierks arbeitet an einem Ort, der haargenau so ist, wie sie ihn erträumte: auf dem Land, nicht weit vom Meer.

Dieser Ort heißt Dummerstorf und liegt in Mecklenburg-Vorpommern. In Dummerstorf riecht man es, das Meer. Nur wenige Kilometer bis Rostock, dort kann sie einkaufen und ins Theater gehen. Ein Katzensprung bis Markgrafenheide, wo der Strand zu Spaziergängen einlädt und sie auf die Ostsee blickt: Wellen, Weite, Himmel, Freiheit. Die gebürtige Wilhelmshavenerin hat im Laufe der Jahre festgestellt, dass ihr diese Gefühl viel bedeutet und sie nicht darauf verzichten möchte. Unter anderem deshalb hatte sie bereits für ihr Studium die Universität Rostock gewählt. Natürlich auch, weil sie sicher sein konnte, dort einen Studienplatz zu bekommen – noch immer ist Ostdeutschland Ostdeutschland, in den Medien wie im realen Leben. Wiebke Dierks freilich sagt »Norddeutschland«. Und: »In Norddeutschland ist es nett. Ich möchte nirgendwo sonst leben.«

Dass der norddeutsche Finger ausgerechnet Dummerstorf auf der Landkarte traf, lag an ihrem Ehemann Henning. Der Steuerberater hatte sich im Landkreis Bad Doberan eine Existenz aufgebaut. Man darf es eine Fügung nennen, dass der »alte« Dr. Graeßner, jahrzehntelang Arzt in Dummerstorf, in den Ruhestand treten wollte. Wiebke Dierks wurde seine Nachfolgerin. Da sie somit zur raren Spezies »Junger Landarzt in unterversorgtem Gebiet« stieß, griff ihr die Kassenärztliche Vereinigung bei der Praxisübernahme mit 50 000 Euro unter die Arme – kein Darlehen, sondern eine Schenkung. Geknüpft war daran nur eine Bedingung: Sie muss die Praxis fünf Jahre lang führen und eine Mindestzahl an Patienten versorgen. Daran sollte es nicht scheitern. So steht nun schon seit 2009 auf dem Messingschild neben der Praxistür: »Wiebke Dierks. Fachärztin für Allgemeinmedizin«.

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Besser geht's nicht, sagt Wiebke Dierks. Eine Karriere im Krankenhaus wäre für sie nicht in Frage gekommen. Während ihrer Facharztausbildung hat sie mehrere Jahre in den Krankenhausbetrieb »reingerochen«, vielmehr, sie war Teil davon, ein kleines Rädchen der großen Maschine. Zweifellos hat sie viel gelernt, wofür sie sehr dankbar ist, aber »sieben bis acht Dienste im Monat, jeden dritten Abend nicht zu Haus, das verkraftet keine Familie«. Auch eine akademische Karriere hat Wiebke Dierks nicht angestrebt. Sie lacht: »Wieso auch? Für meine Patienten bin ich doch sowieso die Frau Doktor.« Nein, sie hat sich immer schon als Hausärztin auf dem Land gesehen. »Auf dem Land lernt man ganze Familien kennen, von Oma und Opa bis zu den Enkeln. Man hat zwar auch hier für den Einzelnen nur ein paar Minuten zur Verfügung, doch die Vertrautheit kommt mit der Zeit – man sieht sich ja immer wieder.« Ihre jüngste Patientin, drei Wochen alt, wird zur Vorsorgeuntersuchung gebracht. Ihr ältester Patient ist 90 und hat als Ruderer an den Olympischen Spielen 1936 teilgenommen. Man kommt sich nahe auf dem Land. Und – nicht, dass es wichtig wäre – Dankbarkeit wird wie eh und je in Naturalien ausgedrückt. Was Wiebke Dierks daran rührt, ist die freundliche Geste. »Erzählen Sie bloß keinem Patienten, dass Sie gern Zuccinis mögen.«

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Hört man ihr zu, gewinnt man den Eindruck, das Landarztdasein sei paradiesisch. Ihre jungen Kollegen müssten scharenweise aufs Land ziehen! Warum tun sie es nicht? Warum sind Ärzte, die sich zur Ruhe setzen möchten, oft gezwungen, ihre Praxen zu schließen? Warum bleiben immer mehr Dörfer ohne Arzt in ihrer Nähe? Wiebke Dierks erklärt es sich – mit der Angst. Mit der Angst vor der Selbstständigkeit. »Als niedergelassene Ärztin stehe ich in der Verantwortung, finanziell und personell. Wenn man anfängt, dann hat man gern noch Kollegen, mit denen man sich beraten kann. Auf dem Land ist man oft allein.« Wiebke Dierks war nicht allein. Eine Weile hat sie noch gemeinsam mit Dr. Graeßner praktiziert. Und sie ist kein ängstlicher Typ.

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Schwester Krystina Block, demnächst als »Vera« unterwegs, Schwester Sieglinde Zamorowski und Patientin Christin Andrejs (v.l.n.r.)

Die 34-Jährige weiß, was sie kann. Vor allem, was sie können muss: Während der Allgemeinmediziner in der Stadt mehr der »Überweiser« sei, wünschten die Leute auf dem Dorf, dass möglichst alles vor Ort geregelt wird. »Meine Arbeit ist vielseitig, ich muss nicht 30 Mal am Tag die gleiche Operation durchführen. Ich bin das Mädchen für alles, wenn Sie so wollen – für den eingewachsenen Fußnagel, die Windpocken, den schmerzenden Rücken.« Die überwiegende Mehrzahl ihrer Patienten werde mit Infekten vorstellig. Dann kämen schon die »Chroniker«, mit Bluthochdruck oder Diabetes. Das Blutdruck- und Blutzuckermessen überlässt Wiebke Dierks einer Schwester. Währenddessen kann sie selbst sich schon mit dem Patienten unterhalten, »würde ich beides gleichzeitig machen, fühlten die Leute sich abgefertigt«. Die Gespräche, und seien sie noch so kurz, sind aufschlussreich für Wiebke Dierks. Und wenn es ihr nötig erscheint, nimmt sie sich eben die Zeit, die sie braucht, auch wenn das Wartezimmer voll ist. Von ihrer Arbeit im Krankenhaus, auf einer psychiatrischen Station, weiß sie, wie wichtig es manchmal ist, dass sie die richtigen Fragen stellt. Um diese oder jene Überweisung kommt aber auch sie nicht herum. Vor allem, wenn Gefahr im Verzug ist, muss sie sich auf ihr Gespür verlassen: Zu 80 bis 90 Prozent liege sie richtig, wenn sie jemanden in ein Krankenhaus einweist. Nicht richtig liege sie dagegen in jedem Fall mit der speziellen Diagnose: »Ich vermute, dass es der Blinddarm ist, tatsächlich ist es die Gallenblase.« Man könne nicht hellsehen, erklärt sie. »Die Kollegen im Krankenhaus sind schlauer mit ihren Apparaten. Entscheidend ist, dass ich erkenne: Allein werde ich der Sache nicht Herr. Darauf müssen meine Patienten vertrauen können.«

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Dummerstorf ist ein hübsches Dorf. Dies hat längst nichts mehr damit zu tun, dass Fidel Castro dem dortigen »Forschungszentrum für die Biologie landwirtschaftlicher Nutztiere« 1972 einen Kurzbesuch abstattete, in dessen Vorfeld Häuser renoviert, Zäune gestrichen, Straßen ausgebessert wurden. Sehr wohl zu tun hat es dagegen mit der Nachfolgeeinrichtung jenes Zentrums, dem Leibniz-Institut für Nutztierbiologie: Es bietet Arbeitsplätze. Zu tun hat es auch mit der Nähe zu Rostock: Mancher, der dort einer Arbeit nachgeht, hat sich in Dummerstorf angesiedelt und ein schönes Häuschen gebaut. Während umliegende Dörfer weder Einkaufsgelegenheiten noch Gastronomie aufweisen, gibt es in Dummerstorf all das, dazu Apotheke, Schulen, Kita, Mehrgenerationenhaus, Jugendklub, Tierärzte, Zahnmediziner sowie – die Praxis von Wiebke Dierks.

Dieser Tage vertritt sie dort ein achtzigjähriger Arzt aus dem Ruhrgebiet. Im Dezember ist Wiebke Dierks Mutter geworden, im Juni wird sie wieder voll einsteigen. Ursprünglich hatte sie gehofft, sich für die Dauer des Mutterschutzes den Praxisbetrieb mit einer jungen Kollegin, die es aufs Land zieht, teilen zu können. Sie hat keine Kollegin gefunden, die Lust dazu gehabt hätte. Wiebke Dierks war überrascht. Obwohl ihr natürlich bekannt ist, dass dem Beruf des Landarztes gerade im Kollegenkreis ein zweifelhafter Ruf vorauseilt: Man habe viel Arbeit, verdiene zu wenig, müsse rund um die Uhr verfügbar sein. »Ich erlebe das anders«, sagt sie. Sie wolle nicht reich werden, und immerhin verdiene sie mehr, als sie im Krankenhaus bekäme. Die Praxis arbeite wirtschaftlich. »Und dann ist es ja auch nicht so, dass mich die Leute nachts permanent rausklingeln: So viel Drama wie im Fernsehen findet nicht statt.« Arbeit, die gäbe es allerdings reichlich. Besser, als zu wenig Arbeit. Zu ihrem Tätigkeitsbereich gehören neben Dummerstorf Dörfer im Umkreis von zehn Kilometern, pro Quartal verarztet sie 1500 Patienten. Auch Hausbesuche werden erwartet. Manchmal sei sie versucht zu sagen, wer noch zur Sparkasse gehen kann, der könne auch zum Arzt kommen. Dann schwinge sie sich aber doch in ihr Auto, und dieses oder jenes Mal sei sie im Nachhinein froh gewesen, der Versuchung nicht nachgegeben zu haben – so bei dem 18-Jährigen, der über Schmerzen im Bauch klagte und bei dem sie einen Darmverschluss feststellte.

Was die Hausbesuche betrifft, so schafft sich Wiebke Dierks Entlastung. »Ich delegiere gern«, sagt sie. In der Praxis beschäftigt sie vier Schwestern, zwei davon hat sie von ihrem Vorgänger übernommen. Nicht nur, dass die Schwestern den Blutdruck und die Zuckerwerte messen, sie sind auch zuständig für die Wundversorgung, das EKG und die Abrechnungen. Eine von ihnen, Schwester Krystina, hat gerade die Prüfung zur »Vera« bestanden. »Vera« ist eine Art Gemeindeschwester, die bundesweit wieder in Mode kommt und auch »Eva« heißen kann, je nachdem, welcher Verband oder welche Vereinigung ausbildet. Ab sofort darf Schwester Krystina-Vera ihrer Chefin all jene Hausbesuche abnehmen, bei denen die Anwesenheit der Frau Doktor nicht unbedingt erforderlich ist, die Patienten aber gut versorgt werden müssen.

Praktische Veranlagung ist auch bei praktischen Ärzten erlaubt. Wiebke Dierks sagt: »Die Arbeit auf dem Land bedeutet für mich Lebenskomfort.« Dass sich der Landarzt aufopfern muss, gehört nicht mehr zum Berufsbild. Wahrscheinlich war es immer schon eine idealisierte Vorstellung. Wer umworben wird, hat den Vorteil, sich zu seinen Bedingungen einzurichten.