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Becher
Foto: Archiv
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»Ein junges Talent von außerordentlichen Maßen und einer gewaltigen Explosivkraft sprengt hier zum ersten Male seine Fesseln unter der Maske des ringenden Kleist.« Vermeldete 1912 eine Münchner Literaturzeitschrift. Das Talent hieß Johannes R. Becher, sein Debüt »Der Ringende« – eine Hymne zu Kleists 100. Todestag 1911.
»Wo ist mein Weg?! Da? Dort? Oder da? oder dort?! – / (...) Auf Sand und Fels glüht/ Der blendende Tag ... Oh brennendes Herz!/ Ohhh Erde! Wo – ist – mein – Weg –« ... Lebenslang wird er diesen, seinen Weg suchen. Da sei etwas vom »Fieber Kleists« zu spüren, Blut von seinem Blute, schrieb der Rezensent. Und ahnte wohl kaum, wie weit der Nachgeborene dem Vorbild bereits gefolgt war. Ostern 1910 hatte der Gymnasiast Hans Robert Becher erst seine Freundin, dann sich selbst zu erschießen versucht. Wie Kleist. Ein Skandal, denn sein Vater war Staatsanwalt. 1891 geboren, sollte der Sohn Offizier werden. Doch der Junge schreibt Gedichte, hoffnungslos romantisch. Mit dem Freitod will er seine Anerkennung als Dichter erzwingen. Die Frau stirbt, er selbst überlebt nach schwerer Operation. Das alte, verlorene Ich ablegen, sich überwinden, Wiedergeburt und Anderswerden durch Poesie, das bleibt sein Programm, ein zwiespältiges.
»Du musst dich im Feuer verbrennen/ Um deine Kraft zu erkennen.« Ruft er sich selbst in seiner Kleist-Hymne zu: »Musst dich in glutheißen Höllen- und Himmelsmartern/ Quälen, / Bis deine Seele/ Ganz leichtleis zu glühn beginnt,/ Deine Wunden und Zähren Flammen sind.« Wo Becher wirkliches Leid aushält, es in sich verdichtet, leichtleis zum Glühen bringt, da gelingen ihm bleibende Verse, ist er Chronist seiner Zeit.
Aber zugleich ist er immer wieder versucht, mit dem Leid zu spielen, sich selbst zu quälen, den Schmerz zu verklären, um sich als Dichter in Szene zu setzen.
»Verfall und Triumph« nennt der 23-Jährige die Summe seines Jugendwerkes. Zwei Bände, die ihn berühmt machen. Aus der Selbstzerstörung der alten bürgerlichen Welt soll die neue, die sozialistische hervorbrechen, mit einem Schlag, triumphal, wie eine Erlösung, sobald nur alle inneren Gegensätze bis zum Zerreißen gespannt sind. Und so praktiziert er es auch am eigenen Leib: Entregelung, totale Enthemmung der Sinne im Rausch, um die Sprache von ihren Ketten zu befreien: »Der Dichter reißt das Volk auf mit gehackten Sätzen ...«
Doch das Mittel dazu macht ihn abhängig: bis zu 40 Spritzen einer 0,2-prozentigen Morphiumlösung gibt er sich täglich. So steht es in der Krankenakte der Jenaer Psychiatrie, wo Becher seit 1916 mehrfach zu Entziehungskuren weilt. Im November 1918 entlassen, will er sein Medizinstudium fortsetzen. Weil er aber kein polizeiliches Führungszeugnis vorweisen kann, wird der Genesene, mitten in der Revolution, nicht immatrikuliert. Die Ordnungshüter stellen den Integrationswilligen ins Abseits. So erzieht man Rebellen.
Die Erfahrung der Inflation, in deren Verlauf die Armen immer ärmer werden und die Besitzer der Immobilien und Fabriken immer reicher, radikalisiert ihn wie viele Linksintellektuelle. Er wird Mitglied der KPD, will Sänger der Weltrevolution sein und zugleich nüchterner Parteisoldat, der mit Gleichgesinnten einen »Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller« gründet. Allen Hoffnungen zum Trotz siegt Hitler; Stalin lehrt ihn in Moskau das Fürchten. Becher zieht sich in die Sprache zurück, schreibt aus der Ferne Porträts deutscher Städte, verdichtet die Sehnsüchte vieler in strenge Sonette. Die Form als Widerstand – konzentrierte Lebenskraft gegen die Selbstaufgabe.
Im Juni 1945 kam er als einer der ersten Emigranten nach Deutschland zurück. Im Gepäck einen Koffer und einen Plan: die Gründung eines »Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands«. Ein Forum der Verständigung, des Miteinandersprechen-Lernens nach den Jahren der Diktatur. Er wollte Ernst machen mit der Demokratie – 1946 wurde Becher wegen dieses Konzepts aus dem Vorstand der SED enfernt und forderten sowjetische Offiziere seine Absetzung im Kulturbund.
Doch im Kalten Krieg brauchte man ihn, und so schloss er immer mehr Kompromisse mit der Macht, um etwas zu machen, das Bestehende zu verändern: mit der Gründung des Aufbau-Verlages, der Akademie der Wissenschaften und 1954 des Ministeriums für Kultur. Bis der Ringende 1957 ohnmächtig der Zerschlagung einer vermeintlichen Konterrevolution im Kulturbund zusah und von allen Ämtern zurücktrat, zerrissen zwischen Parteitreue und lebenslanger Suche nach dem großen Anderswerden.
Ein Kleist in Amt und Würden – das konnte nicht gut gehen.
Vom Autor erschienen bei Aufbau die Biografie »Johannes R. Becher. Triumph und Verfall« und »Becher. Hundert Gedichte«.
daß sie ihn hatte
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