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Von Magnus Heier
28.05.2011

Der Gutachterwahn

Am 31. Mai fällt das Urteil über Jörg Kachelmann

Es ist ein überaus unterhaltsames Stück, das seit acht Monaten in über 40 Verhandlungstagen vor dem Landgericht in Mannheim läuft und nun – hoffentlich – zu Ende geht. Psychiater, Psychologen, Traumatologen, Psychotherapeuten und Rechtsmediziner traten auf. Die Debatte war heftig, viele Gutachten der Fachleute widersprachen einander. Das Verfahren hat sich längst zu einem Krieg der Gutachter entwickelt. Die vollkommen verfahrene Situation spiegelt die absolute Hilflosigkeit des Gerichts, denn auch heute noch steht letztlich Aussage gegen Aussage: Hat Kachelmann seine Ex-Freundin vergewaltigt, oder versucht sie, ihren untreuen Ex-Freund zu ruinieren? Einer lügt, aber wer?

Klarheit sollten Gutachter bringen. Sie beurteilten die Spuren der Tat, die Verletzungen des Opfers – vor allem aber die Glaubwürdigkeit der Zeugen. Am Ende der vielen Analysen steht ein Scherbenhaufen: viele Fragen, noch mehr Antworten – keine Klarheit. Was nicht wirklich überrascht, denn Gutachten sind schwierig, vor allem Glaubhaftigkeitsgutachten sind problematisch: Wann immer das Gericht sonst nicht weiterkommt, werden Gutachter bemüht, um die Zeugen mit den Mitteln der Psychologie zu untersuchen. »Letztlich machen wir in den Gutachten Wahrscheinlichkeitsaussagen, die Beweisbeurteilung obliegt dem Gericht«, sagt Renate Volbert vom Berliner Institut für Forensische Psychiatrie. Am schwierigsten ist es, wenn es um schlichte Lügen geht. Zunächst geht es um Indizien: »Wir haben nicht nur die Aussage, sondern auch die Aussagegeschichte«, sagt Volbert, »so können wir analysieren, ob sich Teile der Aussage im Laufe der Vernehmungen verändert haben.« Allerdings kommt auch ein guter psychologischer Gutachter einem intelligenten und kaltblütigen Lügner nur schwer oder gar nicht auf die Schliche.

»Wir können den Leuten eben nicht hinter die Stirn gucken«, sagt auch Hans-Ullrich Paeffgen vom Institut für Strafrecht der Universität Bonn. »Trotzdem sehen viele Richter die Gutachten nicht als Beratung, sondern nehmen das Ergebnis zum Nennwert.« Vor allem die Qualität der so genannten »aussagepsychologischen Gutachten«, die Frage, ob ein Zeuge lügt oder die Wahrheit sagt, sieht Paeffgen kritisch: »Es gibt hier zu Lande ein exorbitantes Gutachtenwesen. Die wirklich guten Leute sind überlaufen. Angesichts der Masse der Fälle wird nicht immer akribisch genug gearbeitet. Bisweilen werden die Kandidaten gar nicht persönlich in Augenschein genommen.« Stattdessen wird nach Aktenlage formuliert. Paeffgen kommt entsprechend zu einem deutlichen Urteil: »Manche Gutachten sind von der Kaffeesatzleserei nicht weit entfernt.«

Dass im Fall Kachelmann mehrere Gutachter zu gegensätzlichen Ergebnissen kommen, scheint ihm Recht zu geben. Die Qualität der Gutachter ist umstritten. »Man kennt die Gutachter, und man ahnt vorher, in welcher Richtung sie entscheiden werden – entsprechend werden die Gutachter oft auch bestellt«, sagt Dieter Schröder, Anwalt aus Bremen. Und weil die Richter oft vor Entscheidungen zurückschrecken, verstecken sie sich gerne hinter den Gutachten – deren Menge hat stark zugenommen.

Das größte Problem sind die so genannten Prognosegutachten. Zwei Gutachter beurteilen unabhängig voneinander die Prognose des Straftäters – und geben jeweils eine Empfehlung. Stimmen sie überein, kann der Richter, und nur er entscheidet, eine Verwahrung anordnen. Aber welche Zuverlässigkeit können diese Gutachten überhaupt haben?

Michael Alex vom Lehrstuhl für Kriminologie der Ruhr Universität Bochum stellt ihnen ein katastrophales Zeugnis aus – mit einer sehr schlichten Idee: Er hat in seiner Dissertation 77 Fälle von Straftätern dokumentiert, bei denen die Staatsanwaltschaft, in einigen Fällen auch die Justizvollzugsanstalt, nach Verbüßung der normalen Haftstrafe beantragt hatte, den Betroffenen weiter in Sicherheitsverfahrung zu halten. Solch eine nachträgliche Sicherheitsverwahrung durfte aber nur angewandt werden, wenn der Täter mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder schwerste Verbrechen begehen würde – etwa schwere Körperverletzung, Sexualstraftaten oder Raub.

In allen 77 Fällen hatten die psychologischen Fachdienste in den Justizvollzugsanstalten eine hohe Gefährlichkeit bejaht, in den meisten Fällen hatte die Staatsanwaltschaft zusätzlich Gutachten erstellen lassen, die dem Täter höchste Gefährlichkeit unterstellten. Aber in diesen Fällen hatten die Gerichte die Unterbringung abgelehnt. Alex hatte nun schlicht beobachtet, wie viele dieser nach Ansicht der Gutachter hochgefährlichen Straftäter wirklich wieder straffällig wurden. Das Resultat war katastrophal – für die Gutachter: Denn nur vier der 77 Delinquenten waren im Bebachtungszeitraum durch Verbrechen mit Gewalt gegen Personen auffällig geworden: zwei mit sexuellen Delikten, zwei mit Raub. Die anderen 73 Straftäter hätten die Richter, wären sie den Gutachten gefolgt, zu Unrecht jahrelang weiter eingesperrt.

Für Norbert Nedopil, Leiter der Forensischen Psychiatrie am Klinikum Innenstadt der Uni München, ist das fatal: »Die Menschen, die wegen schwerer Delikte im Gefängnis sitzen, haben faktisch keinen Rechtsschutz mehr: Die Haftanstalt will den Vollzug nicht lockern, weil sie bei einem denkbaren Zwischenfall nicht in die Schlagzeilen geraten will. Ohne Lockerungserprobung aber sind längerfristige Prognosen nicht möglich.« Auch habe die schiere Zunahme der Gutachten zu einem gravierenden Verlust an Qualität geführt: »Durch die veränderte Gesetzeslage hat sich die Zahl der Gutachten seit 1990 mehr als verzehnfacht. Die müssen auch von weniger erfahrenen Gutachtern gemacht werden.« Und unsichere Gutachter erstellen ungünstige Prognosen, um sich selber zu schützen. »Wir haben uns von dem Schuldstrafrecht zu einem Präventionsstrafrecht bewegt.«

Auf der Basis von Gutachten, deren Qualität oft zweifelhaft ist. »Grundsätzlich kann jeder Psychiater ein psychiatrisches Gutachten erstellen – ohne eine spezielle Qualifikation etwa in forensischer Psychiatrie«, sagt Christian Vogel vom Berufsverband Deutscher Psychiater. Und auch Psychologen brauchen keine Zusatzqualifikation für ein psychologisches Gerichtsgutachten. Gutachten werden gut bezahlt und sind ein attraktiver Nebenverdienst. Und sind sie negativ, fast ohne Risiko. Erkennt ein Psychiater eine drohende Gefahr dagegen nicht, kann es teuer werden, wie ein Prozess in Brüssel zeigt: Dort klagt die verurteilte Kindsmörderin Geneviève Lhermitte gegen ihren Therapeuten. Sie möchte drei Millionen Euro Entschädigung für den Tod ihrer fünf Kinder. Er habe, so der Vorwurf, die Schwere ihrer Störung falsch eingeschätzt. Nur so habe sie ihre fünf Kinder umbringen können. War der Therapeut fahrlässig? Ein Fall für den Gutachter!

Dr. Magnus Heier ist Facharzt für Neurologie und Medizinjournalist

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