Von Tim Zülch
30.05.2011

Historiker lehnen Tempelhof-Pläne ab

Senatsidee eines Gedenkpfades stößt auf wenig Zustimmung, öffentliche Debatte eingefordert

So weit, wie sich das Tempelhofer Feld erstreckt, so vielfältig sind auch die Vorstellungen über die Form des historischen Gedenkens auf dem Gelände. Dass der ehemalige Flughafen ein historisch sensibler Ort ist, scheint inzwischen den meisten Beteiligten klar geworden zu sein. Das Berliner Forum für Geschichte und Gegenwart hat nun einen ersten konkreten Baustein geliefert.

Monica Geyler-von-Bernus stellte auf einer Podiumsdiskussion erste Eckpunkte ihres Konzepts eines Gedenkpfades vor. 20 Schilder sollen historische Orte auf dem Gelände kennzeichnen. Die Beschilderungen beginnen mit dem Templerorden, der im Mittelalter in dieser Gegend siedelte, und endet mit der Rolle des Flughafens Tempelhof bei der Flucht aus der DDR. Der Gedenkpfad solle, sagte Manfred Kühne von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, ein Anfang sein. In einem weiteren Schritt könne er sich einen Umzug des Alliiertenmuseums von seinem jetzigen Standpunkt in Zehlendorf nach Tempelhof vorstellen. Das Alliiertenmuseum soll dann die Koordinierung der historischen Bearbeitung übernehmen.

Für Beate Winzer vom »Förderverein zum Gedenken an Nazi- Verbrechen um und auf dem Tempelhofer Flugfeld« wäre das eine Katastrophe. Sie ist Historikerin und hat sich intensiv mit Geschichte des Tempelhofer Felds auseinandergesetzt. »Das Tempelhofer Feld ist ein Täterort und so muss damit umgegangen werden. Zentral ist dabei das Gedenken an die Zwangsarbeiterlager und das KZ Columbiahaus.« Sie lehnt auch den »historischen Schnelllauf durch die Geschichte« anhand von 20 Informationstafeln ab.

Der Förderverein hat in der nahen Dudenstraße gerade eine Ausstellung zum ehemaligen Konzentrationslager und dem Zwangsarbeiterlager, welche von 1933 bis 1936 auf dem Gelände existierten, eröffnet. Dass es diese überhaupt gegeben habe, sei wenigen Berlinern bekannt, sagt Winzer. Um so wichtiger sei es, das Gedenken daran als zentralen Aspekt in einer möglichen Gedenklandschaft Tempelhofer Feld herauszustellen.

Rund 10 000 Häftlinge sind insgesamt im KZ Columbiahaus inhaftiert gewesen. Darunter so bekannte Personen wie Erich Honecker, Werner Seelenbinder oder der Rabbiner und Präsident der Reichsvertretung der Juden in Deutschland, Leo Baeck. 1936 wurde das KZ geschlossen und die Häftlinge wurden nach Sachsenhausen überführt. Heute ist auf dem Tempelhofer Feld von dem Zwangsarbeiterlager und dem Konzentrationslager Columbiahaus nichts mehr zu sehen.

Auch Andreas Nachama, geschäftsführender Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, und Johannes Tuchel, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, meldeten in der Diskussion Zweifel an dem Konzept des Senats an. Schon der neue Name »Tempelhofer Freiheit« sei ein Hohn. Es müsste wohl im Spiegel der Geschichte eher »Tempelhofer Unfreiheit« heißen, sagte Nachama. Mit so einem Namen könne man sich eigentlich den Gedenkpfad gleich sparen. »Menschen, die gelitten haben oder geschunden wurden, denen muss man auch gedenken.«

Johannes Tuchel stellte die Bedeutung des ehemaligen Konzentrationslagers als Vorläufer des KZ-Sachsenhausen heraus. Dass die Existenz eines Konzentrationslagers in Berlin so wenig bekannt sei, habe damit zu tun, dass nie ein führender SS-Kommandant oder Aufseher verurteilt wurde, so Tuchel. Im Übrigen sei er was historische Aufarbeitung betrifft ein Anhänger des »Work-in-Progress«, also eines fortlaufenden Arbeitsprozesses. Auch Andreas Nachama plädierte vorerst für eine provisorische Lösung. »Was das historisch Wichtigste ist, könne man erst am Ende einer öffentlichen Beschäftigung mit dem Thema feststellen und nicht am Anfang.«

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