Von Reinhard Kruska
04.06.2011

Licht und Schatten

Zum 50. Todestag von Carl Gustav Jung

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Der Schatten: Symbol unserer dunklen, ungeliebten, unbewussten Seite.

Sigmund Freud stellte einmal fest, das Unbewusste kenne nicht den eigenen Tod, sondern nur den der Anderen. Vielleicht liegt Gnade in diesem Satz, vielleicht hat es die Natur aber auch nur ganz praktisch so eingerichtet. Der Mensch verlässt nicht zuletzt im bewussten Wissen um seine Sterblichkeit den natürlichen Rahmen seiner tierischen Vorfahren. Bewusstsein schafft neue Möglichkeiten, Bewusstsein schafft Räume der Freiheit. Und es ist das Bewusstsein, das uns selbst sterblich macht. Den Rahmen dieses Wissens bilden die Erfahrung mit und die Erinnerung an den Tod anderer Menschen. Wo wir ihrer gedenken, akzeptieren wir den Tod als unser gemeinsames Schicksal und nehmen ihm gleichzeitig den Schrecken, das Ende aller Dinge zu sein. Menschen existieren dort weiter, wo sie Spuren hinterlassen haben. Spuren in ihren Kindern, Spuren in ihren Werken. »Groß« heißen wir jene Menschen, die Spuren in der Geschichte hinterlassen haben. Ein »Großer«, eine »Gründergestalt« der Tiefenpsychologie, ist Carl Gustav Jung. Am kommenden Montag jährt sich sein Todestag zum fünfzigsten Mal.

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Carl Gustav Jung

Der Schweizer Jung begründete mit der Analytischen bzw. Komplexen Psychologie eine der tiefenpsychologischen Schulen. Er war weniger ein »radikaler Aufklärer«, wie es Adorno einmal über Freud schrieb. Er hatte mehr von einem tiefsinnigen Vordenker, der nicht nur auf der Suche nach Erkenntnis, sondern auch einem persönlichen wie gesellschaftlichen Heilsweg war. Seinen wissenschaftlichen Kritikern stand er dann auch im Verdacht, Seelenheil-Kunde statt Seelen-Heilkunde zu betreiben. Doch ist das schon Kritik auf einem abstrakten Niveau, das ein Wissen um die Grundlagen der Jungschen Denkfiguren voraussetzt. Wie selbstverständlich verwenden wir heute Begriffe wie »extrovertiert« und »introvertiert«. Das System aber, zu dem diese Begriffe ursprünglich gehören, ist wenig präsent.

Jung zufolge ist die menschliche Psyche als Raum und Bewegung zwischen Gegensätzen zu denken. Der erste und elementarste Gegensatz ist der zwischen Materie bzw. Stoff und Geist bzw. Ordnung. Beide Extreme bilden unerreichbare Grenzen des Psychischen, da der an unseren stofflichen Körper gebundene Geist nur in der Wechselwirkung existiert. Die aus dieser Wechselwirkung resultierende psychische Energie nennt Jung Libido. Differenzierter betrachtet, unterscheidet er psychische Funktionen und Einstellungen. Wahrnehmungsfunktionen sind für Jung »Empfinden« und »Intuieren«, also einerseits das konkrete Erkennen eines Dings an sich und andererseits seines Zusammenhangs mit anderen Dingen. »Denken« und »Fühlen« sind Unterscheidungsfunktionen, wobei Denken in richtig-falsch unterscheidet und Fühlen in gut-schlecht. Grundlegende Einstellungen nennt er Extraversion und Introversion und meint damit eine bevorzugte Orientierung an den äußeren oder den inneren Dingen. Jeweils eine Funktion und eine Einstellung dominieren das individuelle Bewusstsein, wodurch acht verschiedene psychologische »Typen« entstehen.

Von größter Wichtigkeit ist dabei das Konzept der Komplementarität. Stärken auf der einen Seite bedeuten immer Schwächen auf der anderen. Ein klassischer introvertierter Denk-Typus etwa wäre ein theoretisierender Intellektueller, dem es an Gespür für zwischenmenschliche Beziehungen fehlt.

Ein anderes zentrales Konstrukt bei Jung ist der vorgezeichnete Weg der Individuation. Dieser verläuft teleologisch, also auf ein Ziel zu, über mehrere Etappen. Er beginnt als Ablösung des Heranwachsenden aus dem »Schoß« der Familie, führt zur Selbstverwirklichung des Erwachsenen in seinem Schaffen und endet in der Identifikation mit einer transgenerativen Weitergabe. Bedingung hierfür ist eine Art »Ganzwerdung«, eine Integration all unserer psychischen Anteile in unser »Selbst«. Wichtig für diesen Weg sind bestimmte Auseinandersetzungen, die sich in spezifischen Symbolen manifestieren – den Archetypen. Diese Archetypen sind der Niederschlag eines sich stets wiederholenden Menschenschicksals und als solcher unbewusst in jedem Menschen angelegt. Jung ordnet sie einem kollektiven Unbewussten zu, das das individuelle Unbewusste und Bewusstsein vorprägt, »präformiert«. Zwei der wichtigsten Archetypen sind die »Anima« bzw. der »Animus« als das Symbol des gegengeschlechtlichen Anteils in uns und der »Schatten« als Symbol unserer dunklen, ungeliebten, unbewussten Seite überhaupt.

Jungs System wurde von verschiedenen Seiten kritisiert. Problematisch sind seine Hermetik oder die starke Herleitung seiner Archetypen aus Vergleichen mit der weltweiten Mythologie. Das kollektive Unbewusste ist in der Tat ein heikles, unbeweisbares Konstrukt mit weitreichenden Implikationen. Auch wird anders als etwa bei Freud das Religiöse nicht per Ausdeutung weg-rationalisiert. Und es ist natürlich auch an das Grundproblem der Tiefenpsychologie und ihres zentralen Konzepts des dynamischen Unbewussten zu denken. Das Unbewusste ist ein paradoxer Untersuchungsgegenstand, da es die Grenzen der bewussten Empirie sprengen muss und daher zu einem gewissen Teil stets unerfassbar bleiben wird. Dem Unbewussten kann man sich nur approximativ annähern. Das ist im Prinzip nicht weiter schlimm, da jede Theorie Modell und jede Untersuchung Approximation ist. Die Frage ist dann aber immer, von welchem Standpunkt aus argumentiert wird.

Psychologie als Wissenschaft verhandelt sowohl biologisch-medizinische Fragestellungen als auch kulturell-philosophische und soziologische. Damit bewegt sie sich immer schon zwangsläufig in einem Spannungsfeld zwischen den Natur-, den Geistes- und den Sozialwissenschaften. Selten aber wurde diese Spannung so deutlich wie vor einhundert Jahren in den ersten großen tiefenpsychologischen Kontroversen und den daraus resultierenden Schismen. Im Zentrum dieser Kontroversen standen drei Männer und ihre Modelle: Sigmund Freud, Alfred Adler und eben C. G. Jung.

Freud sah seine Psychoanalyse fest auf dem Boden der Naturwissenschaften stehen, ohne freilich auf kulturtheoretische und gesellschaftliche Deutungen zu verzichten. Körperbezogene psychosexuelle Vorgänge – kumulierend im berühmt-berüchtigten Ödipus-Komplex – bildeten ihm die Grundlagen für alles weitere. Adler betonte demgegenüber die Rolle der Gesellschaft und der sozialen Interaktionen für die Entwicklung der individuellen Psyche. Intrasubjektive unbewusste Vorgänge verloren relativ an Bedeutung. Jung hingegen argumentierte zwar wie Freud konsequent mit unbewussten Dynamiken, aber mehr philosophisch-systemisch als organisch. Die Archetypen und das kollektive Unbewusste sind zudem ein Ausdruck für die Überlegung, dass der Mensch vielleicht doch nicht als »weißes Blatt« geboren wird.

Metaphorisch ausgedrückt, bildeten Freud, Jung und Adler ein Dreigestirn. Freud als die hellste Sonne überstrahlte die beiden anderen zwar, konnte sich der wechselseitigen Anziehung und Abstoßung aber nicht entziehen. Freuds psychoanalytisches Konzept entwickelte er zu großen Teilen erst in der Abgrenzung zu den beiden in seinem Schatten stehenden ehemaligen Wegbegleitern.

Die Auseinandersetzung zwischen Freud, Adler und Jung war eine hochpersönliche. Auf starke Wertschätzung folgte erst Rivalität und dann eine ebenso starke Kränkung und Ablehnung. Erst wurde Adler nach Differenzen mit Freud aus der psychoanalytischen Bewegung gedrängt. Jung war da noch Freuds – beileibe nicht nur scherzhaft so bezeichneter – »Kronprinz« und von ihm auserkoren, die Psychoanalyse fortzuführen. Fortzuführen allerdings im Freudschen Sinne. Als aber Jung, der sich von Freud gegängelt fühlte und in verschieden zentralen Punkten anderer Meinung war, konzeptuell ebenfalls abwich, kam es erneut zum Bruch. Heftige Attacken, persönlich oder über Anhänger ausgetragen, folgten.

Ein weiterer Punkt, der die Jung-Rezeption nachhaltig beeinflusste, war sein vermeintlicher Antisemitismus. Jungs Äußerungen zur »Überlegenheit des arischen Unbewussten« relativieren sich allerdings, wenn man sie auf persönliche Kränkungen zurückführt: Jung war einer der wenigen nicht-jüdischen Analytiker jener Zeit, wurde als solcher erst hofiert – und dann ausgeschlossen. Und dann wären da noch Jolande Jacobi, die die (sehr gelungene) autorisierte Einführung in Jungs Gesamtwerk schrieb, und Erich Neumann, Jungs eigener »Kronprinz«, beide jüdischer Abstammung. Dennoch blieb da ein Schatten, was Jung selbst so empfand. Gegenüber Leo Baeck äußerte er dann auch: »Jawohl, ich bin ausgerutscht«. Baeck, damals Präsident der »Weltunion für progressives Judentum« und Überlebender des nationalsozialistischen Terrors im Konzentrationslager Theresienstadt, versöhnte sich mit Jung. Der Topos des Antisemitismus aber hält sich bis heute.

Was das persönliche Schicksal des Dreigestirns betrifft, gab es zumindest einige lichte Momente. Freud, der sich lästiger Dinge sonst radikal entledigte, Widersacher – unter ihnen Adler – innerlich verbannte und Korrespondenzen verbrannte, nannte seine Entzweiung von Jung einen »großen Verlust«. As er vor der Nazis nach London fliehen musste, waren unter seinen wenigen Habseligkeiten die Briefe von Jung. Mit Adlers und Freuds Tod erloschen 1937 bzw. 1939 fast zeitgleich zwei der Sonnen. Jung blieb zurück und fühlte sich Freud zeitlebens verbunden – trotz allem als Erbe und Sachwalter der Freudschen Konzepte. Der Hauptdiskurs der Tiefenpsychologie führte allerdings zunehmend an ihm vorbei.

Die heute gängige Rezeption des Jungschen Opus verweist fast nur noch auf seine Bedeutung für »Randgebiete« der Psychologie (Religionspsychologie, Transpersonale Psychologie) und auf literarische Anregungen – etwa auf Hesses »Glasperlenspiel«. Doch greift diese Interpretation viel zu kurz. Denn interessanterweise heben die meisten aktuellen psychoanalytischen Konzepte viele der Grenzziehungen Freuds wieder auf. Das Spannungsfeld, in dem sich die Tiefenpsychologie bewegt, ist dasselbe geblieben. Etliche der symbolischen Überlegungen Jungs und der soziologischen Ansätze Adlers sind, neu gelesen, wieder ziemlich aktuell.

Die Bewegung ist in gewisser Weise eine Kreisbewegung – im Ereignishorizont eines Diskurs-Raums, in dessen Zentrum einst ein Dreigestirn stand.

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