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Von Stefan Otto 07.06.2011 / Berlin / Brandenburg

Rote Nelken für Franz Stenzer

Kurt Schettlinger kümmert sich um das Gedenken an Widerstandskämpfer auf dem RAW-Gelände

Kurt »Kutte« Schettlinger erzählt nicht viel herum, sondern handelt, wenn ihm etwas wichtig ist. Er kommt regelmäßig zum ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) in die Revaler Straße und pflegt das Denkmal hinter dem ehemaligen Verwaltungsgebäude. Zwei steinerne Stelen sind mit Reliefs von Ernst Thälmann und Franz Stenzer verziert. Schettlinger fegt den Platz und jätet Unkraut.

»Ohne Kutte wäre das Denkmal längst nicht mehr da«, sagt Eva K. vom Aktionsbündnis Thälmann-Denkmal an der Greifswalder Straße. Schettlinger, der schon lange das Rentenalter erreicht hat, nickt kurz. »Zu den Geburtstagen von Ernst Thälmann und Franz Stenzer und zu ihren Todestagen kommen wir zu dem Denkmal«, erzählt er. Am 9. Juni wäre Stenzer 111 Jahre alt geworden. Dann legen er und seine Genossen rote Nelken vor die Stelen.

»Kutte hat sich verdient gemacht, das Gedenken an Widerstandskämpfer in Friedrichshain aufrecht zu erhalten«, meint Eva K. Er hat schon einige Gedenktafeln von ermordeten Antifaschisten vor dem Verschwinden hinter dem Vollwärmeschutz bewahrt. Von Karl Pinnow etwa, dem Mitarbeiter der »Roten Fahne«, der in der Kopernikusstraße 19 lebte, oder von dem Kommunisten Heinrich Thieslauk in der Warschauer Straße 60. »Die Bewohner fanden das gut, wenn die Tafeln erhalten bleiben«, weiß Schettlinger, während den Eigentümern dies meistens egal sei.

Die Stelen von Franz Stenzer und Ernst Thälmann fand Schettlinger auf einer Begehung des RAW-Geländes Ende der 90er Jahre von Pflanzen überwuchert vor. »Der Platz sah aus wie bei Dornröschen«, meint er. Seit 1994 lag das Areal brach und war dem Verfall preisgegeben. Nichts erinnerte mehr daran, dass hier einmal mehr als neunhundert Menschen arbeiteten. Schettlinger richtete den Gedenkort wieder her, was nicht ganz einfach war: »Die Bronzereliefs von Stenzer und Thälmann waren verschwunden. Und eine Ecke von der Stele war auch abgekloppt.« Er nahm Kontakt zu dem russischen Künstler Vladimir Dadon auf, der ihm neue Reliefs aus Beton anfertigte.

Dem Reichsbahnausbesserungswerk diente Franz Stenzer seit 1967 als Namensgeber. Der Antifaschist war selbst Eisenbahnarbeiter und zog 1932 für die KPD in den Reichstag ein. Nach der Machtübernahme Hitlers ging er in den Untergrund, doch die Nazis spürten ihn auf und inhaftierten ihn. Am 22. August 1933 erschoss ihn ein SS-Scharführer im KZ Dachau. »Stenzer war der erste KPD-Reichstagsabgeordnete, der von den Nazis ermordet wurde, Thälmann der letzte«, erläutert Schettlinger die Idee des Gedenkortes auf dem Gelände.

Unterstützung bei der Pflege bekommt er vom RAW-Tempel, der Künstlern unterschiedlicher kultureller Gruppen in den Gebäuden entlang der Revaler Straße als Plattform dient. Sie stellen ihm Besen und Gießkanne zur Verfügung, wenn er vorbeikommt.

Schettlinger freut sich über diese Übereinkunft. Doch er will für die Stelen eine dauerhafte Lösung. Die rund zehn Quadratmeter Gelände möchte er für einen symbolischen Euro kaufen. Anschließend soll der Ort unter Denkmalschutz gestellt werden. In die Pflege möchte er die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes / Bund der Antiafschistinnen und Antifaschisten (VVN/BdA) mit einbeziehen. »Das Gedenken soll lebendig bleiben und erlebbar bleiben«, wünscht er sich. Um diesen Plan umzusetzen, müsste der Eigentümer jedoch mitspielen. Moritz Müller, Verwalter auf dem RAW-Geländes, äußert sich zwar wohlwollend zur Gedenkarbeit, doch er könne nicht das Gelände rund um die Stelen aus dem Grundstück herauslösen, das er an den RAW-Tempel vermietet hat.

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