Von Klaus Bruske
11.06.2011

Es bleibt ein ewiges Rätsel

Am Pfingstsonntag vor 125 Jahren starb »Märchenkönig« Ludwig II.

Ludwig II. von Bayern
Ludwig II. von Bayern

Ja, er war ein weltenfremder Träumer, ein aus seiner Zeit Herausgefallener, ein Exzentriker, ein Egomane. Jedoch ein zum Regieren unfähiger geistig Umnachteter, ein Paranoiker, ein Wahnsinniger, wie seine Feinde in der eigenen Familie, allen voran Onkel Luitpold, damals glauben machen wollten – das war Ludwig II. von Bayern nicht.

Vor 125 Jahren, am Pfingstsonntag, dem 13. Juni 1886, ertrank der König unter bis heute mysteriösen Umständen im Alter von knapp 41 Jahren im Starnberger See. Jenseits des »Weißwurst-Äquators«, der den blau-weißen Freistaat vom Rest der Republik separiert, wird deshalb das ganze Jahr über des »Kini's«, wie die Bayern ihren Ludwig II. nannten und nennen, gedacht. Unter der Überschrift »Götterdämmerung – König Ludwig II. und seine Zeit« versucht etwa das Haus der Bayerischen Geschichte in seiner bis zum 16. Oktober geöffneten Landesausstellung im Schloss Herrenchiemsee jenen zu enträtseln, der sich selbst und anderen »ein ewiges Rätsel bleiben« wollte.

Seine Schulden an die Familie Wittelsbach und den bayerischen Staat hat der Märchenkönig, der vor allem durch seine Wagner-Begeisterung und seine Bauwut bei seinem Tode die gigantische Summe von umgerechnet etwa 100 Millionen Euro an Verbindlichkeiten hinterlassen hat, posthum längst auf Heller und Pfennig mit Zins und Zinseszins zurückgezahlt. Denn der zweite gekrönte Ludwig auf dem Bayernthron ist – wie das Münchener Oktoberfest – ein touristischer Kassenschlager. Darüber besteht kein Zweifel.

Zweifel gibt es nach wie vor hinsichtlich der Todesumstände. Zwischen Allgäu und Passau, Bayreuth und Oberammergau haben sich Fronten aufgebaut. Es befehden sich die Anhänger eines Mordkomplottes, dem Ludwig II. am 13. Juni 1886 zum Opfer gefallen sein soll, mit den Verfechtern der offiziellen Version eines tragischen Unfalltodes. Was an jenem Pfingstabend wirklich geschehen ist, lässt sich indes nicht mehr mit letzter Sicherheit rekonstruieren. Dahingegen der Staatsstreich in den Tagen zuvor sehr wohl. Was war geschehen?

Gewiß, Ludwig war schon als Kind und Jugendlicher ein Träumer, der es weder seinem Vater König Maximilian II. noch seiner Mutter, der Preußischen Prinzessin Marie, Recht machen konnte. Zudem kursierte nicht allein am Hofe hartnäckig des Gerücht, dass der hoch aufgeschossene, dunkelhaarige und gut aussehende Bengel nicht der leibliche Sohn des Monarchen sei, sondern eine geradezu frappierende Ähnlichkeit mit Maximilians Kellermeister Giuseppe Tambosi habe. Ergo: Der Thronfolger sei gar kein echter Wittelsbacher, kein rechter Bayer, sondern allenfalls ein Halbpreuße.

Ein weiteres offenes Geheimnis war Ludwigs Homosexualität. Das war in jener Zeit, da solch »sittenwidriges Tun« in allen deutschen Bundesstaaten mit strengster Zuchthausstrafe geahndet wurde, ein Skandal sondergleichen. Verglichen damit war die Vorliebe Ludwigs zu nächtlichen Schlittenfahrten, die ihm den Beinamen »Mondkönig« bescherten, ein harmloser Spleen.

All diese Exzentritäten aber brachen dem Märchenkönig nicht das Genick. Es war der schnöde Mammon, der seinen Skurrilitäten die letztlich tödliche Beimischung gab. Beim Geld hört die Gemütlichkeit auf. Auch und gerade in Bayern. Ludwigs ausufernde Schulden, die zwar zumeist nicht auf Kosten der Staats-, sondern der Wittelsbacher Familienkasse gingen, ließen Onkel Luitpold zum Schluss gelangen: »Es reicht!« Der alsbaldige Prinzregent setzte im Einvernehmen mit der Münchener Staatsregierung die »Palastrevolution der Übelwollenden« (Bismarck) in Szene, die mit Hilfe eines fadenscheinigen psychiatrischen Gutachtens zur Entmündigung und Absetzung des Königs (9. Juni), seiner Gefangennahme im Schloß Neuschwanstein (11. Juni) und seiner schließlichen Internierung im in aller Eile zum »Irrenhaus« umgebauten Schloß Berg am Starnberger See führten.

Dort ist der König am 13. Juni 1886, 18.30 Uhr zum letzten Mal lebend gesehen worden. Um diese Zeit brach er mit seinem »betreuenden« Psychiater Bernhard von Gudden, Autor des Entmündigung-Gutachtens, zu einem kurzen Abendspaziergang auf, von dem das Duo nicht zurückkehrte. Gegen 23 Uhr fand man die Körper des Königs und des Professors, zwischen denen offenbar zuvor ein Kampf getobt hatte, im flachen Uferwasser treibend.