Von Thomas Nitz
15.06.2011

Rette sich, wer kann ...

Roger Waters tourt mit »The Wall« um den Globus, Pink Floyd bereitet den Ausverkauf vor

Roger, wir müssen die Welt retten!« Mit diesen Worten köderte Bob Geldof Pink-Floyd-Mastermind Roger Waters 2005 für sein Live-8-Event im Londoner Hyde Park und brachte die ergrauten Art-Rocker erstmals seit 1981 wieder in der Originalbesetzung zurück auf die Bühne. Die Welt retteten Pink Floyd und Geldof sicher nicht. Wohl aber machten sie Millionen Fans weltweit glücklich, vor allem jene, die an eine Reunion-Tour oder gar an ein neues Album der Briten glaubten.

Keine dieser Hoffnungen erfüllte sich. Dafür versucht Roger Waters, die Welt und sich selbst erneut ohne Pink Floyd zu retten. Seit September 2010 tourt er mit seinem Meisterwerk »The Wall« um den Globus. Heute und morgen führt er sein multimediales Spektakel in der O2-World in Berlin auf.

»The Wall«, das war und ist Roger Waters Egotrip, der die drei anderen Pink-Floyd-Musiker zu bloßen Angestellten degradierte. Vor mehr als 30 Jahren zu Papier gebracht, erzählt das Epos die Geschichte des jungen Rockmusikers Pink, der seinen Vater im Krieg verloren hat und zum Schutz vor der Überbehütung durch seine Mutter, der Brutalität seiner Lehrer und der Ungerechtigkeit der Welt eine Mauer um sich baut. Live hatte die Rockoper 1980/81 kaum eine Chance. Der Aufwand und die Kosten für eine komplette Tour waren zu hoch. Während der Shows wurde Stein für Stein eine Mauer zwischen Publikum und Band errichtet, die als Video- und Laserprojektionsfläche für die Neurosen und Weltschmerzattitüden des damals 37-jährigen Waters diente. Kaum eine Konzerthalle konnte eine dreißig Meter breite und elf Meter hohe Mauer fassen. Nur in Los Angeles, New York, London und Dortmund führten Pink Floyd die Show auf.

Von den meisten seiner Neurosen konnte sich Roger Waters dank erfolgreicher Psychotherapie inzwischen befreien, von seinem Weltschmerz hingegen nicht. Die Mauer, die sein Protagonisten um sich errichtet, ist inzwischen auf eine Breite von 73 Meter angewachsen. Die Inszenierung wurde technisch auf dem neusten Stand gebracht. Und Waters altes Ego tritt heute hinter das Politische und den Gegenwartsbezug zurück.

»The Wall« steht aber auch für die Entfremdung Waters von seinen Bandkollegen und das Ende von Pink Floyd in der innovativsten Besetzung. 1985 stieg Waters aus und lieferte sich mit den verbliebenen Floyds einen langjährigen juristischen Nervenkrieg. Am Ende konnte er seinen Ex-Kollegen den Namen Pink Floyd nicht verbieten, er sicherte sich aber die Rechte an »The Wall«.

Dabei wird der Anteil von Gitarrist, Sänger und Co-Autor David Gilmour an dem Werk gern übersehen. Inhaltlich und konzeptionell und auch rechtlich mag das Rockepos Roger Waters gehören. Musikalisch jedoch wäre »The Wall« ohne David Gilmour niemals realisiert worden, jedenfalls nicht in dieser Qualität. Dafür stehen die musikalischen Höhepunkte des Werkes »Young Lust«, »Comfortably Numb« und »Run Like Hell«, deren Musik aus Gilmours Feder stammt. Mit Snowy White, Dave Kilminster und Robbie Wyckoff wird David Gilmour gleich von zwei erstklassigen Gitarristen und einem Sänger vertreten. Wer jedoch Pink Floyd erwartet, wird sicher enttäuscht sein.

Die aktuelle Show mag das Original vielleicht übertreffen. Der Sound, den Roger Waters und seine elfköpfige Band produzieren, mag perfekt sein. Aber eben nur so perfekt, wie eine erstklassige Coverband klingen kann. An die Virtuosität, an die Klasse und Eleganz von Pink Floyd reicht »The Wall« 2010/11 nicht heran. Wie übrigens alles, was Waters in seiner Nach-Pink-Floyd-Ära auf CD oder Vinyl gebannt und auf die Bühne gewuchtet hat.

Mit seiner aktuellen »The Wall«-Tour setzt sich Roger Waters zum Ende seiner Karriere selbst ein Denkmal. Allemal besser, als mit neuem Material vor halbleeren Rängen zu spielen. Und man mag ihm beim Wort nehmen, wenn er während der Show ein aufgeblasenes Riesenschwein über den Köpfen der Fans fliegen lässt, mit der Aufschrift: »Everything will be ok – just keep consuming«.

Im September, wenige Wochen nach Tour-Ende, starten EMI Music und Pink Floyd eine einzigartige Release-Offensive für unterschiedliche Medienformate, darunter CDs, DVDs, Blu-ray Discs, SACDs, diverse digitale Formate, virales Marketing und iPhone-Apps. Alle 14 Studioalben sollen noch einmal neu remastert werden und als Vinyl-LP und als digitale Editionen erscheinen, dazu erweiterte Deluxe- und Special-Editionen der Klassikers »The Dark Side of the Moon«, »Wish You Were Here« und »The Wall« sowie eine brandneue Best-Of-CD. Darüber hinaus sind Multi-Disc-Sets geplant, die alternative Aufnahmen, unveröffentlichte Tracks, restauriertes Filmmaterial von Konzerten und eine Liveaufnahme des legendären »The Dark Side Of The Moon«-Konzerts 1974 in Wembley enthalten.

Dieser ultimative Ausverkauf wird in drei Phasen unter dem Titel »Why Pink Floyd…?« über die Bühne gehen. Start ist der 23. September 2011. Zum Erfolgsrezept von Pink Floyd gehörte immer eine vornehme Zurückhaltung. Es gehörte dazu, die Fans lange auf neues Material warten zu lassen und während der Konzerte für Stunden im Trockeneisnebel, hinter futuristischen Video- und Laserinstallationen oder hinter einer Mauer zu verschwinden. Mit diesem Ausverkauf indes bekommt der Fan nun das komplette Werk auf den Bauch gebunden. Dabei wird es den Floyds kaum um Geld geben. Wenn sie von etwas wirklich genug haben, dann vom Geld.

Trotzdem mag man sich fragen: Vor wem wollten Waters und Geldof die Welt eigentlich retten?

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