Von Susann Witt-Stahl, Hamburg
17.06.2011

Rendezvous von Muse und Mörser

In Hamburg trafen sich Künstlergruppen und Bundeswehr

Die Liaison zwischen Kunst und Krieg zieht sich durch die gesamte Zivilisationsgeschichte. Am Mittwoch wurde in Hamburg versucht, diese Liaison fortzuschreiben.
Aufmarsch des Schwabinggrad Balletts in Hamburg
Aufmarsch des Schwabinggrad Balletts in Hamburg

Ein markerschütterndes Jaulen ertönte vor dem Sitz der Körber-Stiftung in der Hamburger HafenCity. Mit einer »Jammerperformance« wollte die Agitprop-Künstler-Gruppe Schwabinggrad Ballett in letzter Sekunde Kollegen »davon abhalten, mit der Bundeswehr darüber zu räsonieren, wie aktives Eingreifen soziale Wirklichkeit verändert«. Vergeblich. Künstler-Gruppen wie LIGNA aus Hamburg und WochenKlausur aus Wien kamen zum Treffen von Muse und Mörser. Dafür ernteten sie von den linken Künstlern vor der Tür Hohn: »Wie wär`s mit einem spektakulären Die-In am Hindukusch?«

Jesus jetzt mal richtig

Eingeladen zu dem Hamburger Symposium »Die Kunst der Intervention. Gesellschaftliche Eingriffe von Kunst, Politik und Militär« hatten die Hochschule für bildende Künste Hamburg (HfbK), die Universität der Bundeswehr und die Körber-Stiftung. Einen »Assoziationsraum zu eröffnen, zwischen militärischer und künstlerischer Praxis« sei die Idee des Manövers, erklärte Kurator Friedrich von Borries. Neben diversen Künstlern, traten auch Amelie Deuflhard, Intendantin der Spiel- und Produktionsstätte Kampnagel Hamburg, der Chef des Internationalen Sommerfestivals der Hansestadt, Matthias von Hartz, und der Direktor der Führungsakademie der Bundeswehr, Jörn Thießen, auf. Der erklärte, Jesus habe in der Bergpredigt nicht, wie irrtümlich angenommen, die Friedfertigen, sondern die Friedensstifter gepriesen. Dass zu denen auch die Bundeswehr in Afghanistan zählt, versteht sich für Thießen von selbst.

Dass die von dem Leiter des Bereichs Wissenschaft in der Körber-Stiftung Matthias Mayer angekündigte »Erstrundenbegegnung zwischen Künstlern und Militärs« nicht nur auf einem Experimentier-, sondern auch auf einem politischen Minenfeld ausgetragen werden musste, war bereits zu Beginn klar: Mayer hatte Mühe, seine Eröffnungsrede vorzutragen – Antimilitarist Sven J. hatte das Podium besetzt und die Rede mit Zwischenrufen wie »Militarismus ist wieder angesagt« untermalt. Die Polizei stellte seine Personalien fest und sprach einen Platzverweis aus.

Die Liaison zwischen Kunst und Krieg zieht sich durch die gesamte Zivilisationsgeschichte: »Der Krieg ist schön, weil er das Gewehrfeuer, die Kanonaden, die Feuerpausen, die Parfums und Verwesungsgerüche zu einer Symphonie vereinigt«, zitierte der marxistische Philosoph Walter Benjamin in den 1930er Jahren voller Entsetzen die italienischen Futuristen und kritisierte die Ästhetisierung der Politik als untrügliches Zeichen der Faschisierung der Gesellschaft.

Eine Grenzüberschreitung

Mit dieser Tradition will Kurator Friedrich von Borries nichts zu tun haben: »Natürlich ist die Intervention in Afghanistan keine Kunst«, stellt er klar und philosophiert über den Begriff der Intervention: »Vielleicht ist ihr wesentliches Merkmal, dass sie Kontexte aufbricht, dass sie Grenzen überschreitet. Das ist übrigens das Merkwürdige: Im Kunstkontext finden wir das spannend und gut, im militärischen Kontext macht genau das uns Angst.«

Der AStA der HfbK hingegen, der sich von der Veranstaltung distanziert hat, versteht sehr gut, warum Flächenbombardierungen den Menschen Angst machen und Kunstprojekte nicht: »Militärische Interventionen sind Akte kriegerischer Gewalt. Als solche können sie nicht mit künstlerischen Interventionen, zivilen Akten, in einem gemeinsamen Diskussionsrahmen verhandelt werden.«

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