Von Kurt Pätzold
18.06.2011

Führer befiehl, wir folgen ...

Das Unternehmen »Barbarossa« und die deutsche Hybris

Der Faschismusforscher Prof. Dr. Kurt Pätzold, 1930 in Breslau geboren, Mitglied der Leibniz-Sozietät, hat zusammen mit Prof. Dr. Manfred Weißbecker die erste ostdeutsche Hitlerbiografie sowie eine Geschichte der NSDAP veröffentlicht, die mehrere Auflagen erlebte; weitere Bücher u. a.: »Ihr wart die besten Soldaten. Ursprung und Geschichte einer Legende«, »Stalingrad und kein Zurück. Wahn und Wirklichkeit« sowie »Der Führer ging, die Kopflanger blieben«.

Dass Hitler an der Macht Krieg bedeute, davor warnten nicht nur Kommunisten. Der Autor von »Mein Kampf« hatte selbst beschrieben, in welcher Reihenfolge er die Kriege zu führen gedachte, an deren Ende das deutsche imperiale Großreich stehen solle: Zuerst müsste Deutschlands »Todfeind« Frankreich ausgeschaltet werden. Dann besäße man freie Hand gegen Osten, die Sowjetunion.

Im März 1935, wenige Tage bevor in Deutschland die allgemeinen Wehrpflicht verkündet wurde, schrieb Kurt Tucholsky: »Ich fürchte den Augenblick, wo auf Geheiß der Deterdinge aller Länder dort einmarschiert und etwas zerschlagen wird, das ich nicht für ›richtig‹, aber doch stellenweise für heroisch halte.« Die »Deterdinge« meinte – in Anspielung an den niederländischen Industriellen und Gründer des Shell-Konzerns Henri Deterding – das internationale Großkapital, dessen Feindschaft gegen das revolutionsgeborene Land im Osten für den deutschen Emigranten in Schweden Zweifeln nicht unterlag. Nur die Reihenfolge der Eroberungszüge sah Tucholsky anders. Er glaubte, das Nazireich werde sich zuerst gegen die Sowjetunion wenden. Wenn diese dann, womit er rechnete, dem Ansturm nicht standhielte und die gewonnene deutsche Übermacht westwärts angreife, »können sich die Franzosen gratulieren«. Auch die Unersättlichkeit Hitlerdeutschlands stand für ihn außer Zweifel. Denn: »Die deutsche Hybris kennt keine Grenzen.«

Die Frage, mit welchem Eroberungszug der deutsche Imperialismus den Krieg begann, der zum Zweiten Weltkrieg wurde, entschied sich definitiv erst 1939. Im Mai bezeichnete Hitler vor Befehlshabern und hohen Offizieren der Wehrmacht den unmittelbaren Nachbarstaat im Osten als das erste Ziel der Eroberungen. Er gab seinen Entschluss bekannt, »bei erster passender Gelegenheit Polen anzugreifen«. Von da sollte der Zugriff auf die baltischen Staaten folgen. An den Nichtangriffsvertrag mit der UdSSR am 23. August 1939 knüpfte sich sodann die Erwartung, dieser werde das Risiko verringern, sogleich auch in einen Krieg mit Polens Verbündeten Frankreich und Großbritannien zu geraten. Das Kalkül schlug fehl. Die Westmächte antworteten auf den deutschen Überfall auf Polen mit Kriegserklärungen.

Das Vordringen auf das Baltikum und der Sturm zum Ural waren somit vertagt. Dies konnte die sowjetische Führung – nachdem ihre Anstrengungen für eine Politik der kollektiven Sicherheit gescheitert waren – als zeitbedingten und zeitlich begrenzten Erfolg ansehen. Doch knüpften sich daran im Kreml Illusionen. Denn als Frankreich geschlagen, Großbritannien aber nicht besiegt und für eine deutsche Invasion unerreichbar war, begann die deutsche Führung ihren Krieg gegen die UdSSR vorzubereiten. Dem lag die Idee der Eroberung eines kolonialen »Hinterlandes« zugrunde. Auf ein solches gestützt, so die Annahme, ließe sich jeder Krieg beliebig lange und siegreich bestehen. Zudem glaubte man in Berlin, Großbritannien müsse spätestens dann aufgeben, wenn nach der Niederwerfung der Sowjetunion sich deutsche Armeen auf den Weg nach Indien, das Kronjuwel im Empire, machten. Tatsächlich wurde dieser Feldzug durch den Nahen und Mittleren Osten im deutschen Generalstab schon vorgedacht.

Es gab indes ein paar Leute in der Führungsclique um Hitler, die bezweifelten, dass diese Rechnungen aufgehen würden. Doch niemand exponierte sich als Gegner oder auch nur als Bedenkenträger. Einträchtig wurde der Plan mit dem Tarnnamen »Barbarossa« ausgearbeitet und dessen Verwirklichung vorbereitet. Am 22. Juni 1941 begann ein Feldzug, in dem, so glaubten die deutschen Marschälle wie alsbald auch die braunen Stammtischstrategen, der Sieg binnen Monaten zu erringen sei. Winterbekleidung brauchten die Truppen folglich nicht. Wieder ein Irrtum. Wer von den mangelhaft eingekleideten deutschen Soldaten dann dennoch das Frühjahr 1942 erlebte, erhielt »in Würdigung des heldenhaften Einsatzes gegen den bolschewistischen Feind« die Ostmedaille, Die Soldaten nannten sie »Gefrierfleischorden«.

Dabei schien anfangs alles wie geplant zu verlaufen. Es ging vorwärts. Wie bei den Feldzügen zuvor bekamen die Muschkoten ein Lied mit auf ihren »Sturm« bis zur Grenze Asiens. Eben noch hatten sie ahnungslos in Schulen und in der Hitlerjugend die Lieder »Nach Ostland geht unser Ritt« und »In den Ostwind hebt die Fahnen« gelernt. Nun begleitete sie auf ihren Märschen ohne Ende das aus Rundfunkgeräten gehörte »Von Finnland bis zum Schwarzen Meer – vorwärts«. Das Lied endete mit den Worten: »Freiheit das Ziel! Sieg das Panier! Führer befiehl, wir folgen Dir.« Die Gefolgschaftslosung war nicht neu. Sie stammte noch aus Zeiten der Friedensheuchelei. Nun schickte der »Führer«, der sich im September 1939 noch damit gerühmt hatte, einen Zweifrontenkrieg verhindert zu haben, die Wehrmacht in einen solchen. Viele Deutsche befiel darob Unwohlsein. Das verflog jedoch rasch mit den Erfolgsmeldungen des Oberkommandos der Wehrmacht. Ein weiterer »Blitzkrieg« schien begonnen zu haben.

Über die Sowjetunion brach in jenem Sommer 1941 eine Katastrophe herein. Binnen Wochen gerieten weiteste Gebiete des Landes und deren Bewohner in die Gewalt der Eroberer. Diese benutzten ihre Übermacht skrupellos, alle internationalen Abmachungen über Regeln und Grenzen der Kriegführung vorsätzlich missachtend. Wer in deutsche Gefangenschaft fiel, war ein Todeskandidat, denn die Wächter sorgten sich weder um Behausung und Ernährung noch um notdürftigste medizinische Versorgung. Gnadenlos begann die Ausplünderung des Landes für die Zwecke der eigenen Truppen, dann auch zur Verpflegung der »Heimatfront«, der die Kriegslaune erhalten bleiben sollte.

Von Deutschlands mörderischem Besatzungsregime gelangten keine Bilder in deutsche Zeitungen und die wöchentlichen Filmberichte. Gezeigt wurden hingegen Bilder, mit denen der den »Volksgenossen« schon in Vorkriegsjahren gepredigte Antibolschewismus genährt wurde: Erschöpfte, ausgehungerte Kriegsgefangene wurden der angeblich auserlesenen arischen Rasse als »Untermenschen« vorgeführt, Dörfer, die als Folge Jahrhunderte alter Rückständigkeit zu zaristischen Zeiten noch von Armut gezeichnet waren, als Ergebnis bolschewistischer Herrschaft und Misswirtschaft ausgegeben. So erfolgte die Einstimmung der vermeintlichen Sieger auf ihre Rolle als »Ordnungsmacht«. Der europäische Osten sollte in den Fantasien der Aspiranten auf das großgermanische Kolonialreich zum Bewährungsfeld für Generationen der deutschen Jugend werden, wie Indien dereinst das der britischen gewesen sei.

Indessen machten die Fronttruppen des deutschen Ostheeres mit den »Untermenschen« eine gänzlich andere Bekanntschaft. Dieser Gegner wich, aber er wankte nicht. Dennoch hielt sich der Glaube, dass dessen Kräfte und Reserven eines Tages erschöpft sein würden und der weitere Weg zum Ural ein leichter Durchmarsch

wäre. Dieses Trugbild pflegten nicht nur Soldaten, sondern auch die Führer. In einer Ansprache Anfang Oktober 1941 erweckte Hitler den Eindruck, dass der Sieg faktisch errungen wäre. Der Gegner sei geschlagen und werde sich nie wieder erheben, sagte er.

Zwei Monate später begann in der Schlacht um Moskau der Gegenangriff der sowjetischen Verbände. Deutsche Divisionen der Heeresgruppe, welche die Hauptstadt erobern sollten, lernten nicht nur die Vokabeln »Flucht« und »Rückzug«. Die Schlacht vor Moskau leitete die Wende des Krieges ein. Millionen Europäer, die bis dahin kein Ende der deutschen Besatzungsherrschaft gesehen hatten, fassten Mut, Tausende den Entschluss zum Widerstand gegen die Okkupanten. Das weltgeschichtliche Verdienst – so oft es auch denen, die es errangen, in den Jahren danach abgesprochen wurde – ließ sich nicht verdunkeln. Weltweit wurden damals antibolschewistische Klischeebilder über den Staat zwischen Ostsee, Schwarzem Meer und Pazifik aufgegeben.

Spätere Siege der Roten Armee und der Triumph des 8. Mai 1945 haben die Fragen an dieses Jahr 1941 im Lande der Sieger lange verblassen lassen. Das gereichte ihm nicht zum Vorteil. Über das Erleben der toten und der überlebenden Kriegsgefangenen wurde ebenso weithin geschwiegen wie über das Elend und das Sterben in den besetzten Gebieten. Stalin selbst erklärte die anfänglichen folgenschweren Niederlagen seiner Armeen: Er schrieb dem verheerenden Kriegsbeginn Unvermeidlichkeit zu. Demnach gab es im eigenen Lande weder Verantwortliche noch Schuldige an dem Desaster, ausgenommen diejenigen, die er nach Kriegsbeginn hatte erschießen lassen und über die nun auch geschwiegen wurde. Der zum genialen Feldherrn stilisierte Herrscher im Kreml hätte sonst über seine und seiner Mitführer Irrtümer und Fehlentscheidungen im Vorkrieg und bei Kriegsbeginn sprechen müssen.

In den Falten der Toga des Siegers verschwanden Fragen an die Geschichte auf lange Zeit. Wären sie gestellt worden, hätten sie in einer Systemkritik münden müssen. Denn am 22. Juni 1941 ist deutlich geworden, welche Folgen eintreten können, wenn das Geschick eines Landes an das Denken und die Entschlüsse eines Mannes und ihm höriger Berater geschmiedet ist.

Dass die Fehlrechnungen korrigierbar waren, erwies sich als Glück für die Mehrheit der europäischen Völker. Dass sie nicht in einer Kriegsniederlage mündeten, war das Verdienst von Millionen Soldaten und deren Führung und wurde mit dem Einsatz und dem Verlust des Lebens eines Großteils der sowjetischen Jugend errungen, die das Vaterland verteidigte. Es war durch die Opfer von Millionen im Hinterland erreicht, die unter letztlich unvorstellbaren Entbehrungen das Kämpfen und Siegen an den Fronten ermöglichten.

Den Toten gilt unser Gedenken. Und denen, die überlebten und deren Kräfte bis in unsere Tage – da uns nun sieben Jahrzehnte von den Geschehnissen trennen – ausreichten, unser Gruß und Dank. Wer mag, kann an diesem 22. Juni 2011 ein paar Minuten auf den Gedanken verwenden, wie die Welt ausgesehen haben würde, wenn aus Berlin Germania, die Welthauptstadt, geworden wäre.


Leningrad 1945
Ich lachte.
Denn der Soldat
aus Astrachan,
der mich bewachte,
roch an meiner Zahnpasta,
als wäre sie Marzipan.
Ich lachte und lachte.
Ohne Zähne, nach innen.
Ich lachte ohne Besinnen.
Ich lachte. Da brachte
der Soldat bei Durchsicht
meiner Habseligkeiten
ein Bändchen ans Licht,
rief freudig: »Oh, Goethe!»
Und ohne die Seiten des Buches aufzuschlagen,
begann er das Lied vom
Schatzgräber
deutsch fließend aufzusagen…
»Trinke Mut des reinen Lebens,
dann verstehst du ..«
Und stockte.
Sah mich bittend an.
Ich, Welteroberer,
Besitzer eines blitzenden
Wasserklosetts
mit Inschrift: Man bittet zu spülen!,
konnte nicht helfen.
Jo Schulz (1920-2007)

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