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Von Hendrik Lasch, Leipzig
18.06.2011

Stich aus Überzeugung

Prozessauftakt um Tod von Kamal K. – Nebenklage sieht Nazi-Mord

Im Oktober 2010 wurde in Leipzig ein 19-jährige Iraker erstochen. Obwohl die Täter überzeugte Nazis sind, geht die Anklage nur von einer Prügelei aus, die übel endete. Die Familie indes glaubt, dass die Angreifer aus rechter Überzeugung zustachen.

Markus E. ist wohl kein Mann von vielen Worten. Die Antworten des 33-Jährigen auf Fragen von Richter Hans Jagenlauf zu Geburtsdatum oder Beruf sind kaum zu verstehen, was nicht nur an der miesen Akustik in Saal 115 des Landgerichts Leipzig liegt. E., ein über und über tätowierter Glatzkopf mit üppigem Backenbart und viel Metall im Gesicht, nuschelt in das Mikrofon. Dass er arbeitslos ist und wo er vor der U-Haft lebte, aus der er von Justizbeamten in Handschellen gebracht wird, ist in den Zuschauerreihen kaum zu hören.

Womöglich hat E. auch in jener Nacht des 24. Oktober nicht viele Worte gemacht, als er im Bürgermeister-Müller-Park am Leipziger Hauptbahnhof auf Kamal K. traf. Jedenfalls ist vorerst nicht überliefert, dass er diesen wegen seiner irakischen Herkunft beschimpfte. Allerdings hätten E. und sein Begleiter, der vier Jahre jüngere Daniel K., »ohne erkennbaren Grund Streit gesucht«, sagt Staatsanwältin Katrin Minkus. Die beiden schlugen ihr 19-jähriges Opfer, sprühten ihm Pfefferspray ins Gesicht und warfen es in ein Gebüsch. Dann zückte E. ein Messer und stach den Iraker in die linke Körperseite. Der Stich durchdrang die Niere, kappte die Nierenarterie und perforierte den Dickdarm. Kamal K. schleppte sich noch ein Stück und kollabierte. Stunden später starb der junge Mann, der bald seine Ausbildung hatte beenden und die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen wollen, an einem Verblutungsschock.

Darüber, was genau gesagt wurde in jener Nacht um halb zwei, ob die Angreifer ihr Opfer doch als Ausländer attackierten oder nicht, wird hart gestritten werden in den zunächst noch vier am Landgericht angesetzten Verhandlungstagen. Zur Debatte steht nicht die Frage, ob die jungen Männer über Kamal K. herfielen und E. schließlich zustach, sondern aus welchen Motiven. Die Anklage, die Staatsanwältin Minkus in kaum fünf Minuten vortrug, schweigt sich dazu aus. Sie stellt lediglich fest, E. habe »getötet, ohne ein Mörder zu sein«.

Stimmt nicht, erwidert Sebastian Scharmer. Der Rechtsanwalt vertritt die Mutter von Kamal K., eine schwarzhaarige Frau, die schluchzend im Gerichtssaal sitzt und das Gesicht hinter einer Zeitung versteckt. Scharmer trägt, kaum sind die nötigen Formalien erledigt, einen »Rechtshinweis« vor. Der Tenor: E. ist nicht nur des Totschlags schuldig, sondern ein Mörder, den eine rechtsextreme Gesinnung zur Tat antrieb. »Wer einen Menschen aus Ausländerhass tötet«, sagt er, »der verfolgt ein besonders verwerfliches Motiv« – was eine Verurteilung wegen Mordes erlaube.

Für Scharmer wird die rechtsextreme Überzeugung sowohl von E. als auch von dessen Kumpan allein aus deren Vergangenheit deutlich – und ihrem Erscheinungsbild. Der Anwalt verweist auf Lichtbilder in den Akten. Sie zeigen Körper, die voller Nazisymbole sind: tätowierte Parolen und Hakenkreuze bei E., SS-Runen und der SS-Wahlspruch »Meine Ehre heißt Treue« unter dem Schlüsselbein von D. Bei Hausdurchsuchungen seien in den Wohnungen von beiden Nazidevotionalien gefunden worden. E., der nur zehn Tage vor der Leipziger Tat eine zwölfjährige Haftstrafe wegen Vergewaltigung sowie schwerer Körperverletzung beendet hatte, habe sogar in seiner Zelle eine schwarz-weiß-rote Reichskriegsflagge versteckt. Nach Leipzig sei er in jenen Oktobertagen 2010 gekommen, um »national gesinnte Kameraden« zu besuchen.

In der Anklageschrift ist von alledem nichts zu lesen – ein seltsamer Umstand, findet Martin Gillo, Ausländerbeauftragter in Sachsen. Er spricht im Gericht diplomatisch von einer »relativ bescheidenen« Anklage. Dabei hatte die Staatsanwaltschaft anfangs wegen Mordes ermittelt. Dass man davon abging, sei »für einen Außenstehenden etwas überraschend«, sagt Gillo. Die Linksabgeordnete Kerstin Köditz wird deutlicher. Sie vermutet, dass die Tat von der Staatsanwaltschaft »absichtlich entpolitisiert« worden sei, um leichter zu einem Urteil zu kommen. Offenbar gebe es einen »Kuhhandel« mit E.s Mitangeklagtem Daniel K. Dessen Anwalt kündigte gestern tatsächlich eine »geständige Einlassung« seines Mandanten an, der einst in einer Aachener Nazikameradschaft mitwirkte, sich aber 2008 von der Szene losgesagt haben will. Das sei, sagt Scharmer, angesichts der in seiner Wohnung gefundenen Anstecker unter anderem des Ku-Klux-Clans »nicht mehr als eine Schutzbehauptung«.

Dieser Überzeugung sind viele in Leipzig. Bei zwei Demonstrationen wurde gefordert, die Tat als rassistischen Mord anzuerkennen; gestern gab es vor dem Landgericht eine Mahnwache, die an den nächsten vier bis zum 8. Juli angesetzten Verhandlungstagen fortgesetzt werden soll.

In dieser Zeit wird die Konfrontationslinie im Gerichtssal nicht wie üblich nur zwischen Verteidigung und Anklage verlaufen, sondern zusätzlich zwischen Anklage und Nebenklage. Scharmer sagte, bei den Ereignissen am 24. Oktober falle »ein eklatantes Missverhältnis zwischen Anlass und Tat« auf: ein nächtliches Scharmützel, das mit einem tödlichen Messerstich endete. Er sehe dafür »keinen nachvollziehbaren Anlass« – außer dem Menschenbild, das sich in den Köpfen der beiden Angeklagten festgesetzt zu haben scheint: Es gebe keine andere Erklärung außer der einer »aus rassistischen Motiven resultierenden schweren Gewalttat«. Daran, diese These zu belegen, will die Nebenklage, die neben der Mutter auch den Bruder von Kamal K. vertritt, arbeiten: »Wir werden es«, kündigt der Anwalt an, »der Staatsanwaltschaft nicht leicht machen«. Auch wenn der Hauptangeklagte weiter schweigen dürfte.

»Es gibt keine andere Erklärung außer der einer aus rassistischen Motiven resultierenden schweren Gewalttat.«
Sebastian Scharmer, Anwalt von Kamal K.s Mutter

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